Lange Jahre arbeitete Frank Marshall für Steven Spielberg, der auch dessen Regiedebüt „Arachnophobia“ produzierte und man merkt Marshalls Genremix schon ein wenig an, bei wem er gelernt hat.
So erinnert der Beginn ein wenig an „Indiana Jones“ (freilich ohne dessen Action), wenn Insekten- und Spinnenforscher Dr. James Atherton (Julian Sands) im Urwald nach neuen Arten sucht. Eine besonders resistente Spinne entdeckt er dabei: Wie im Insektenstaat gibt es eine Königin und Drohnen, der Biss ist in Rekordzeit tödlich. Letzteres stellt allerdings nur der Fotograph fest, der gebissen wird. Soweit der aufwändig gemacht, aber stimmungserzeugende Opener, nach dessen Ablauf sich in die amerikanische Kleinstadt verlagert.
In eine solche zieht nämlich der Arzt Ross Jennings (Jeff Daniels) mit seiner Familie um den Posten des ortsansässigen Doktors zu übernehmen. Der hat sich spontan jedoch entschlossen vorerst nicht in den Ruhestand zu gehen, sodass Ross ohne Patienten dasteht. Dazu ist der gute Mann Arachnophobiker, was auf dem Land besonders gut kommt – zumal der verstorbene Fotograph aus dem Nest kam und die Spinne in seinem Sarg mitreiste. Als wachsamer Experte hat Ross ein wenig von Chief Brody aus Spielbergs „Der weiße Hai“, nur ist er noch durch seine Phobie gehemmt und bei weitem nicht so tough wie besagter Polizeichef.
Die Giftspinne aus dem Urwald paart sich derweil mit einer einheimischen Spinne und schlägt ihr Nest in der Scheune der Jennings’ auf. Bald breitet sich der Nachwuchs aus und es gibt die ersten Toten im Ort...
„Der weiße Hai“ gab die Blaupause für zig folgende Tierhorrorfilme und auch in „Arachnophobia“ merkt man seinen Schatten, doch Marshalls Film variiert das Rezept. Zwar will die Obrigkeit auch hier Ross vorerst nicht glauben, aber es steht mal kein Fest an, dass man nicht absagen will. Stattdessen spielt man die Bedrohung solange runter, bis die Wahrheit rausmuss, doch da ist es schon soweit, dass Ross nur mit der Hilfe von Atherton und dem Kammerjäger Delbert McClintock (John Goodman) einen Privatkrieg gegen die Spinnenpopulation starten kann. Letzterer sorgt dann für einen zünftigen Showdown mit ein wenig Action, aber das finale Duell Arachnid contra Arachnophobiker im brennenden Keller ist ein kleines Highlight.
Bis dahin schlägt „Arachnophobia“ erst mal leisere Töne an, baut die Bedrohung sachte auf. Originell ist die Chose nicht immer, doch es kommt mehr auf die Stimmung an. Und so spielt Marshall fein mit dem Gedanken, dass die kleinen Spinnen überall sein können (im Hausschuh, im Essen, im Footballhelm usw.) und die meisten Opfer gar nicht merken, dass sie gleich sterben werden. Das Gruselgefühl und die wohlige Verunsicherung stellen sich also schnell beim Zuschauer ein, ohne dass „Arachnophobia“ einen hohen Bodycount oder derbe Ekeleffekte vorzuweisen hätte. Stattdessen setzt der Film lieber auf leisen, wohl aufgebauten Grusel, der sich in fiesen Einzelszenen angenehm steigert, z.B. wenn Phobiker Ross durch ein spinnenverseuchtes Treppenhaus muss.
Nebenbei besitzt „Arachnophobia“ aber auch das richtige Quäntchen Humor, wobei der dickliche Kammerjäger Delbert mit seiner naiven Plattmachmentalität vor allem gegen Ende immer mal wieder für Auflockerung sorgt. Doch auch die Betrachtung der Kleinstadt trägt nette satirische Züge: Der altkluge, nicht mehr allzu fähige Vorgänger Ross’, der arrogante Sheriff, die ehrgeizige Familie des Trainer usw. Alle variieren und karikieren Stereotypen auf amüsante Weise, die Engstirnigkeit vieler Kleinstädter macht die Bedrohung sogar noch etwas schlimmer, doch die Witze wirken nie zu platt oder zu ausgeluscht, sie verpassen dem Geschehen viel mehr den richtigen Schuss Ironie.
Jeff Daniels, ausnahmsweise mal einer Hauptrolle zu sehen, verkörpert den unheroischen Helden auch wirklich sehr überzeugend, wirkt nie zu ängstlich oder zu tough, sondern wie aus dem Leben gegriffen. Julian Sands hat nur wenig Screentime, den ehrgeizigen Wissenschaftler nimmt man ihm aber ab, und John Goodman darf wie so oft als Comedic Sidekick herhalten, aber das kann er ja sehr gut. Der Rest der Darsteller schlägt sich ebenfalls wacker und verkörpert die illustre Riege der Kleinstädter ordentlich.
Alles in allem ist „Arachnophobia“ keine Neuerfindung des Genres, variiert bekannter Muster aber überzeugend und besitzt einen erfrischenden Schuss Humor. Da macht der stimmige Grusel doch gleich noch etwas mehr Spaß.