Der New Yorker Fotograf Noah Kalina begann im Januar 2000 mit der Umsetzung einer Idee, die ihm kurz zuvor gekommen war und ihm einzigartig zu sein schien: Über Jahre hinweg hielt er täglich sein Gesicht auf einem Foto fest, um diese knapp 6 1/2 Jahre später als Folge subliminalbildartiger Einzelbilder als Film am Zuschauer vorbeirasen zu lassen - dank moderner Technik ohne größeren Aufwand machbar - und somit seinen Alterungsprozess im extremen Zeitraffer erfahrbar zu machen.[1]
Wie er Jahre später bemerken musste, war er nicht der einzige, der sich an solch ein Projekt "wagte": 15 Monate zuvor hatte bereits der Designer Jonathan Keller damit angefangen, solch ein Vorhaben umzusetzen. Und im November 2001 knipste sich Graphic Design Dozentin und Künstlerin Ahree Lee ebenfalls täglich über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg - was zur Folge hatte, dass sie zwar später mit solch einem Projekt angefangen hatte, aber ihr Werk als erste in Filmform auf Festivals zugänglich machte (ungefähr ab Mai 2003 auf dem Light Plays Tricks 6 Short Film Festival in einer natürlich noch nicht drei Jahre umfassenden Version; diese wurde 2006 auf dem International Short Film Festival Leuven präsentiert und weitere Versionen werden auch in Zukunft auftauchen).
Im Januar 2003 startet ein vergleichsweise anonym Bleibender das Projekt "Daily Jason"[2], das er zumindest bis 2007 durchgehalten und auch in Filmform über Youtube vermittelt hat, die Zwillinge Sven und Tobias Staude[3] halten sich seit Ende 2003 bis heute fest, ein gewisser Matthias Hupp[4] betreibt dieses Hobby seit 2004 bis heute, mit einer Vielfalt an schrillen Verkleidungen betreibt ein Russell Higgs[5] diese Tätigkeit seit 2006 und ähnlich abwechselungsreich und diesmal auch wieder in in Filmform legt eine junge Frau ihre mit 200 Einzelbildern recht bescheiden ausgefallene Version ihres Projektes[6] vor. Mittlerweile hat sich dieses Kunststück derartig verbreitet, dass es bereits eigene Internetseiten für die Betreiber dieses Hobbys gibt, wie etwa: http://dailyfratze.de
Innerhalb des filmischen Bereichs sind allerdings nur Ahree Lee (dank ihrer Festivalteilnahmen) und Noah Kalina interessant, allenfalls noch Keller, welcher zwar weniger auf populäre Verbreitung achtet (Kalina legte seinen Kurzfilm sogar auf DVD vor und durchzog die Medien derartig, dass sogar eine Simpsons-Folge seinen Film parodierte), inszenatorisch jedoch die Besonderheit aufweist, dass er seine Bilder mit hämmernden Rhythmen in einer Art und Weise vorantreibt, wie man es so nur aus "Tetsuo" (1988) kennt; sowohl Lee als auch Kalina lassen es da ruhiger angehen und setzen auf stille Töne.
Und hier nimmt Kalina eine ganz besondere Stellung ein: er hielt sich nicht vor einer weißen Wand fest um sich dadurch völlig auf das eigene Gesicht zu konzentrieren (wie etwa Lee und Keller), er mied aber auch die schrillen, Abwechselung ins Spiel bringenden Kostümierungen (wie man sie bei Higgs findet); Kalina fotografierte sich stets vor dem real vorhandenem Hintergrund: in verschiedenen Ecken seines Zimmer, das im Laufe der Jahre von anderen Zimmern abgelöst wird, im Freien, in Autos und immer wieder sieht man vereinzelt Fremde und Freunde im Hintergrund. Mehr noch als der Alterungsprozess selbst, der an sich viel zu langsam verläuft, als dass er ein gewisses Maß an Spannung aufrecht erhalten könnte, ist es der Wechsel der Orte, der das Voranschreiten von Zeit, ein Kommen und Vergehen erfahrbar macht.
Zwei Dinge sorgen dafür, dass sich zu dieser extremen Schilderung verstreichender Zeit eine Menge Melancholie gesellt: Zum einen ist es die hochemotionale Musik von Kalinas Freundin, die seinen Film als Carly Comando[7] musikalisch untermalt hat, zum anderen ist es der ewig gleiche, unveränderte Blick Kalinas, der ganz in der Tradition eines Buster Keaton steht und irgendwo zwischen Ausdrucklosigkeit und wehmütiger Trauer angesiedelt ist. Und bereits Keaton wusste, dass dieser Blick anrührender wird, je aktionsreicher die Veränderungen um ihn herum ablaufen - schließlich kommt in diesen Fällen eine gewisse Unangemessenheit der Mimik hinzu, die dadurch nicht nur eine Reaktion auf einen einzelnen Umstand darstellt, sondern gleich ein ganzes Lebensgefühl. Der Niederländer Frans Zwartjes machte sich diesen Trick 1969 in "Visual Training" zunutze, wo sein Hauptdarsteller eine Art verschwenderische Fress- und Sexorgie über sich ergehen lässt ohne emotional darauf zu reagieren.
Kalina übernimmt diese Taktik - sicherlich auch beeinflusst durch das vergleichsweise ähnlich strukturierte Musikvideo zu "I Wanna Be Sedated" der Ramones - und nimmt das Auftauchen und Verschwinden von Personen im Hintergrund, die zahlreichen Ortswechsel nicht zur Kenntnis, reagiert auf dieses abwechselungsreiche Rasen durch Raum und vor allem Zeit nur mit seinem wehmütigen Blick.
Und da hier - anders als in diversen Spielfilmen (eine Ausnahme hätte von Triers "Dimensions" werden können, das zwischen 1991 und 2024 entstehen sollte, aber 2005 als gescheitert abgeschrieben wurde) - das immer anwesende Altern des "Protagonisten" nicht durch verschiedene Darsteller oder genialistische Make-Up-Künste erzielt wird, sondern durch das tatsächliche Altern des "Schauspielers" vor der Kamera, stellt sich hier jener anrührende Effekt ein, wie man ihn sonst nur noch aus dem autobiographischen Dokumentar-Drama "Tarnation" (2003) kennt.
Insgesamt ist daraus letztlich ein zutiefst berührendes, sehr eindringliches Werk geraten, das zum einen eine einfühlsame Meditation über das Altern und den Verfallsprozess darstellt und sicherlich mal seinen Platz neben den Geburts- und Todesfilmen Stan Brakhages ("Window Water Baby Moving" (1959) & "The Act of Seeing With One's Own Eyes" (1971)) finden wird, zum anderen in der Tradition von Experimentalfilmen im Stile eines "La jetee" (1962) oder den Werken Obayashis stehend, das immer wieder reflektierte Verhältnis von Fotografie und Film anspricht. Insofern durchaus eine 9/10 wert und seine Stellung im Amateurfilmbereich hat sich der Film nicht zuletzt dank Youtube bereits heute schon erkämpft und hat seine Spuren hinterlassen (auf Youtube wie bei den Simpsons, auf Festivals wie in Zeitungen und Nachrichtensendungen)...
Bleibt noch zu erwähnen, dass dieser Kurzfilm bloß der erste Teil eines work in progress ist: "The video [...] shows the dates January 11th 2000 - July 31st, 2006. I have taken a photograph every day since I made the video and I will take a photo today, and tomorrow and until the day I die. I plan to release another video on the 10 year anniversary and then a new video every 5 years after that until we reach the final conclusion."[8] Sollte ihm dies noch einige Jahrzehnte vergönnt sein, dürfte ihm damit dann wohl die langlebigste Experimentalfilmreihe überhaupt gelungen sein.
1.) Betrachten kann man sich die Einzelbilder auf seiner Seite http://www.everyday.noahkalina.com/ und die bis 2006 reichende Filmversion etwa auf Youtube. (http://www.youtube.com/watch?v=6B26asyGKDo)
2.) http://www.supyo.com/jason/index.html
3.) http://www.twindex.de/
4.) http://matthias.hupp.eu/en/27up/
5.) http://russellhiggs.shutterchance.com/archive.php?PageNo=1#archive
6.) http://www.youtube.com/watch?v=02e5EWUP5TE&feature=channel_page
http://clickflashwhirr.blogspot.com/
7.) http://www.myspace.com/carlycomando
8.) http://www.everyday.noahkalina.com/faq.htm