Review

Ach ja, so gehen die Karrieren in Hollywood heutzutage...
Da hat man einmal eine gute Idee gehabt und diese zu einem rasanten bis irrwitzigen Actionfilm umgeformt ("Crank") und sie dann noch lächerlicher breitgetreten, schon darf man auch noch den letzten Käse aus der Schublade kramen, aus dem dann prompt ein Film wird, selbst wenn er nur im Mittelklassebugdetbereich angesiedelt ist.

Trotzdem hatte die Idee des Regie- und Autorenduos Neveldine/Taylor (beide höchstwahrscheinlich koffeinüberdosisverjunkte Konsolenfreaks) auf dem Papier vermutlich so einiges für sich: eine um einige, aber nicht zu viele Jahre in die Zukunft verschobene Dystopie, in der "Second Life" endlich auch auf den richtigen Menschen anwendbar ist. Wer bezahlt, darf einen Menschen, der die Kohle kassiert, von daheim steuern, was natürlich viele bizarre Perversitäten nach sich zieht. Die Fieseste von allen ist aber, die Todeszellenkandidaten in getreulicher "Running Man"-Tradition in einer Fernsehshow von jungen Gamern steuern zu lassen, auf das ihnen nach 30 Shoot'n'Kill-Leveln die Begnadigung winkt, was natürlich ein enormer Quotenerfolg wird.

Allein, für unsere beiden Macher bleibt so kritischer Kram natürlich nur ein flotter Anreißer, damit auch ja alle zusehen wollen, stattdessen verkehren sie die Chose ins Gegenteil und nutzen die Situation für eine ausgedehnte Guts-and-Gore-Show, in der Gerard Butler sich durch Lagerhallen ballert und sprengt, während der wortwörtliche "fette schwitzende nackende Mann vor dem Computer" seine Frau im Fetischoutfit durch eben die Fantasiekitschwelt fummelt, fickt und führt, in die er sich selbst nicht traut.
Nabelschau ist also angesagt und so wunderbar verlogen, wie der Film immer wieder bemüht ist, Parallelen zu unserem virtuellen Fortschritt aufzuköcheln, genauso überflüssig ist er auch.

Im Kern bleibt nur die uralte Geschichte von dem zu Unrecht Verurteilten, der dem übermächtigen Gegner im Elfenbeinturm mal zeigt, was ne Harke ist, er braucht dazu eben nur einen minderjährigen Spielefreak, eine nerdfrisierte Rebellentruppe und als Sahnehäubchen Karpfenfresse Kyra Sedgwick als sabbernde Reporterin, die aus dem Stand bei allem feucht wird, was ihr eine gute Story bringt.
Das heißt, alles ist nur ein albernes, filmgewordenes SF-Klischee, bei dem zur Überraschung der Zuschauer (wirklich die Einzige, die der Film zu bieten hat) eine ganze Horde bekannter Darsteller fröhlich vor sich hinchargieren darf.
Butler lebt eh nur von der physischen Präsenz und tut gut daran, nicht einmal den Mund zu verziehen, weil man ihn sonst mit Stallone verwechselt hätte; Amber Valetta als seine Frau guckt meistens müde drein oder wenn mal nicht, dann wie ferngesteuert, was sie ja auch zumeist ist - und schafft es, auch noch im abgefahrensten Outfit unattraktiv zu wirken. Alison Lohman tut wichtig unter ihren Dreadlock, Ludacris macht auf seriöses Stoneface; John Leguizamo spielt eine Steve Buscemi-Imitation ohne Sinn und Michael C.Hall versucht sich an einer extrovertierten "Dexter"-Variante, geht dabei aber so grenzdebil wie nur irgendnötig vor und geht mit seinem vorgetäuschten Ethno-Gates-Kitsch tierisch auf den Sack.

Daß hier aber keine oscarreifen Leistungen blühen können, selbst wenn sie es wollten, dafür sorgt das inkompentente Regieduo, das in einem fast ununterbrochenen hektischen Schnittgewitter auch noch den letzten Schauwert unkenntlich macht.
Die Actionsequenzen sind mit so viel PC-Game-Schnickschnack, wildem Kameragewirbel und Handaufnahmen zugeschissen, daß man sich die Ballerei (bei der reichlich Körperteile zerspritzt und abgeschossen werden) am besten von vornherein in Zeitlupe einpfeift, weil einem sonst vor Langeweile und Unübersichtlichkeit der Sandmann holt.
Die actionverwöhnten "Battles" kommen so gar nicht zum Tragen, da niemand weiß, wer hier gegen wen kämpft (nur, wohin man muß) und wer zu wem gehört, also verfolgen wir einfach mal ein Dreiviertelstündchen, wie Butler durch die Gegend purzelt. Die Fremdsteuerung durch den Teenagergamer ist so ungeschickt und fast unmerklich im Film untergebracht, daß sie praktisch nur erwähnt wird, wirkliche Filmwirkung bezieht man nicht daraus. Und wenn denn mal Ruhe einkehrt, fällt auf, wie hohl und flach alle Figuren wirklich sind, selbst nur Figurenmarionetten in einem kalten und künstlichen Etwas, das alle Klischees zitiert, damit genau die kritsch anzugehende Joystickmasse ihr auf den Leim geht.
Aber falsch gedacht: das Wirrwarr um menschenverachtende Pervertierung des virtuellen Raums, die Überschneidung von Spiel und Realität, Gedankenkontrolle, Nanotechnologie und den freien Willen ist dermaßen überladen und gleichzeitig so gehaltlos, daß sich kaum jemand dafür interessierte, denn selbst die größten Fans, die sich auf solche Film/Spiel-Bastarde wie auf die Entjungferung freuen, delektieren sich auch an prima Grafik, nachvollziehbaren Moves, übersichtlichen Kampfsituationen und einem zu erreichenden Ziel, was "Gamer" aber nicht bieten kann.
Stattdessen gibt es von vorn bis hinten wieder "Crank"sches Vollgas und dann geht das ganze Gebräu in den Mixer auf höchster Stufe, wo aber nur die vierhundertneunte Auflage einer uralten Billigstory samt Familienzusammenführung herauskommt, die so einen pelzigen Geschmack auf der Zunge hinterläßt, weil man alle Gewürze (Figuren, Historie, Nebencharaktere, Story an sich) sofort komplett vergißt und fallenläßt, wenn der Böse endlich dran glaubt - und das tut er übrigens schon nach 80 endlosen Minuten in einem wahnsinnig enttäuschenden Showdown.

Natürlich wirds auch dafür Fans geben, die irgendwas finden, was sie mit ihrem Lieblingsgenre verbindet (Gore, Ballereien, Autojagden, dicke Wummen, brachiale Fights, Explosionen, Lack und Latex, Titten), aber schlußendlich ist das nur ein Köder, der zur Komplettierung aller Zielgruppen hingeworfen wurde, ohne daß man überhaupt für die vielen Ideen so etwas wie ein Rezept entworfen hätte.
Man kann praktisch in jeder Szene sehen, wie die Regisseure irre kichernd und Brausepulversabbernd in ihren Zwangsjacken durch den gepolsterten Keller von Wand zu Wand hüpfen, aber dennoch sollte man diejenigen warnen, die nicht für anderthalb Jahre "carte blanche" in Hollywood hatten oder einfach nur einen überschaubaren Film sehen wollen, der nicht kalt, berechnend und inhaltslos auf stylisch gehämmert wurde.
Daß dann in ein oder zwei Szenen tatsächlich mal Ansätze aufblitzen, die aus dieser Dystopie etwas Besonderes, ja Beklemmendes hätten machen können, würde sie nicht nur als Mittel zum Zweck dienen, ist das Traurigste an dieser Angelegenheit, die man ganz schnell wieder vergessen will. Und husch, ist sie weg. (2/10)

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