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Wir schreiben den 29. Mai 1991. Um ihren Forderungen in den laufenden Gehaltsverhandlungen Nachdruck zu verleihen, legt die New Yorker Polizei (*) die Arbeit nieder. Es ist der erste Polizeistreik in der Geschichte der Stadt. Noch während die Sonne hinter den Gebäuden versinkt und den abendlichen Himmel orangerot einfärbt, formiert sich eine faschistische Gruppierung namens NO, um die Gunst der Stunde zu nutzen. NO steht für New Order, und der Leader der Bande, ein von Haß zerfressener Psychopath namens Goose (Jeff Pustil), legt gleich mal gewaltig los, nachdem sie mit Knüppeln bewaffnet in eine Schwulenbar gestürmt sind. "Wir sind die neue Ordnung", tönt er großkotzig und redet sich in Rage. "Wer ein Homo ist, den kann man nicht als normalen Menschen bezeichnen. Das ist widerlich und abartig. Ja denkt ihr vielleicht wir sitzen da und schauen zu, wie ihr Perversos anständige Bürger verführt?" Der Barkeeper (Dug Rotstein) leistet Widerstand und liegt kurz darauf leblos in seinem Blut am Boden. Was tun?

Goose kontaktiert seinen Boß Cabe (Doug Lennox), und der läßt sich nicht lange bitten. Eiskalt richtet er die Zeugen, eine Handvoll Männer und Frauen, per Kopfschuß hin. Als er nachladen muß, wagt Daniel (Terry-David Després), der einzige noch lebende Barbesucher, die Flucht. Die Gegend scheint völlig verlassen zu sein, kein Mensch tummelt sich auf den dunklen Straßen, doch in einem Fenster zeugt ein Lichtschein von Leben. Daniel hämmert panisch an die entsprechende Tür und wird von Horatio (Tom Nardini) in die kleine Wohnung eingelassen. Horatio ist noch mit seiner Freundin Barbara (Brenda Bazinet), deren blinden Bruder Patrick (Jack Blum), dem geistig leicht zurückgebliebenen und ebenfalls blinden Steve (Keith Knight) sowie seinem Nachbarn Chester (Daryl Haney) zusammengesessen. Nach anfänglichem Zögern beweisen die jungen Leute Zivilcourage und beschießen, dem völlig verstörten Daniel zu helfen. Doch die zu allem entschlossenen, mit modernsten, schallgedämpften Waffen und Nachtsichtgeräten ausgestatteten Verfolger denken nicht daran, klein beizugeben und nehmen ihre Gegner erbarmungslos ins Visier. Eine mörderische Belagerung beginnt.

Der Grundplot dieses kanadischen Thrillers erinnert stark an John Carpenters formidables Action-Epos Assault on Precinct 13 (Assault - Anschlag bei Nacht, 1976). Carpenters vom Western Rio Bravo (1959) inspirierter Klassiker überzeugt ja nicht nur durch seine stilvolle Inszenierung, seinem genialen Soundtrack, dem beunruhigend-kühlen Grundton sowie der atemlosen Hochspannung, sondern auch durch seine starken Figuren. Unvergessen sind Austin Stoker als aufrechter Polizist Ethan Bishop, Darwin Joston als charismatischer Gewaltverbrecher Napoleon Wilson und Laurie Zimmer als junge Polizistin im Innendienst, die sich den anstürmenden Horden von brutalen, schießwütigen Gangstern mutig entgegen stellen. In dieser Beziehung hat Self Defense klar das Nachsehen. Die grob skizzierten Hauptfiguren sind zwar keine eindimensionalen Abziehbilder, aber nachhaltigen Eindruck hinterlassen sie trotzdem nicht. Immerhin ist die Charakterisierung gut genug, sodaß man mit den unfreiwilligen Helden mitfiebert, während man das rechtsradikale Gesindel zutiefst verabscheut. Das sind richtig widerliche, homophobe, hassenswerte Bastarde, die es teilweise mit einem gackernden Lachen quittieren, wenn Menschen abgeknallt werden.

Was Self Defense allerdings ebenso gut beherrscht wie Assault on Precinct 13, ist das gekonnte Drehen an der Spannungsschraube. Self Defense bietet annähernd achtundsiebzig Minuten knisternde Hochspannung. Von dem Moment an, in dem die Gangster die Schwulenbar stürmen, weiß der Streifen zu fesseln, und er schafft es ohne nennenswerte Durchhänger, den Spannungspegel bis zum Ende konstant hoch zu halten und ihn hin und wieder sogar noch spürbar auf die Spitze zu treiben. Bei der Sequenz gegen Ende (Stichwort: Barbara vor dem Spiegel) ertappte ich mich zum Beispiel dabei, daß ich glatt die Luft anhielt, so sehr hielt mich diese intensive Szene gefangen. Ein wahrhaft atemberaubender Moment ist das, der in Sachen Suspense mit zum Besten zählt, was mir je untergekommen ist. Und der eher einfach gehaltene, minimalistische, klug eingesetzte Score verstärkt die Wirkung des Gezeigten beträchtlich.

Self Defense wurde von Paul Donovan (Def-Con 4, Lexx: The Dark Zone) und Maura O'Connell recht realistisch in Szene gesetzt, wobei der Ausgangspunkt von Donovans Skript eine wahre, unrühmliche Begebenheit ist. Vielleicht erlangt das Szenario ja auch dadurch eine beunruhigende Intensität, die richtig unter die Haut geht. Sehr gut fand ich das Verhalten der jungen Leute, die sich plötzlich in einer lebensbedrohlichen Situation wiederfinden. Anfangs haben einige noch Probleme, die Klemme, in der sie sitzen, richtig einzuschätzen, doch bald haben sie die Gefahr, in der sie schweben, realisiert. Sie sind auf sich allein gestellt, ohne Aussicht auf Rettung von außen (die Telefonleitungen wurden von den Killern vorsorglich durchtrennt). Und dann gehen sie entschlossen und konzentriert zu Werke. Kein kopfloses Herumirren, kein panisches Gekreische, kein sinnloses Verhandeln, kein verzweifeltes Klammern an falsche Hoffnungen. Mit allem, was sie haben (und das ist nicht wirklich viel), rüsten sie sich zum unvermeidlichen Kampf.

Und einmal mehr bekommt man den Beweis geliefert, daß Not erfinderisch macht. Gegen die bestens ausgerüsteten Killer sind sie klar im Nachteil, aber diesen Umstand machen sie mit Köpfchen, Ideenreichtum und Mut wieder wett. Sie sind zwar alle keine MacGyvers, aber einen provisorischen Mini-Flammenwerfer, eine Streubombe und eine Stromfalle bekommen sie zusammen, nicht zuletzt dank Chester, der eine Art Survivalist ist. Von der Stimmung her ist Self Defense erstaunlich grimmig; kein Fünkchen unnötiger Humor trübt den simplen, aufs Wesentliche beschränkten Plot. Da sich die Ereignisse in einer langen Nacht zutragen, ist es fast immer ziemlich finster, was gut zur düsteren Atmosphäre paßt. Und auch die klaustrophobischen Einschübe, die durch das Eingepferchtsein in der Wohnung entstehen, wissen zu überzeugen. Unterm Strich ist Self Defense somit ein starker, unerbittlicher Thriller, dessen schnörkellose Geschichte trotz des offensichtlich kleinen Budgets eindringlich, knackig und sauspannend umgesetzt wurde. Ein fieser kleiner Reißer, dessen bitterböse Enthüllung in der Schlußszene nur konsequent ist.


(*) Die deutsche Videofassung, auf der mein Text basiert, nahm gegenüber der kanadischen Originalfassung eine kleine aber nicht unwesentliche Änderung vor. Der Schauplatz, an dem sich die unerquicklichen Ereignisse zutragen, wurde von Halifax - wo der Film auch gedreht wurde - nach New York verlegt. New York 1991 - Nacht ohne Gesetz klingt halt besser als Halifax 1991 - Nacht ohne Gesetz. Für das kanadische Publikum gewann der Streifen jedenfalls dadurch an Brisanz, da die Polizei von Halifax, Nova Scotia, im Jahr 1981 tatsächlich einige Wochen lang gestreikt hatte. Beim Filmmaterial, das in Self Defense im Rahmen der Fernsehberichterstattung gezeigt wird, handelt es sich um echte Aufnahmen des damaligen Streiks. Ob es in Halifax während des Streiks zu starken Unruhen oder heftigen Gewaltausbrüchen gekommen ist, entzieht sich leider meiner Kenntnis.

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