Junges, charismatisches, aufgewecktes, smartes doch unerfahrenes Mädel versucht den Fesseln des britischen Establishments zu entkommen. Sie sehnt sich nach französischem joie de vivre, nach Partizipation an Kultur, nach Spaß und Ausgelassenheit, nach der Entdeckung von Neuem, aber auch und vor allem nach Selbstbestimmung und Freiheit, und sie verliebt sich in einen älteren Kerl, der ihr das alles scheinbar bieten kann (und der btw. sowohl auf privater als auch "beruflicher" Ebene seine soziale Kompetenz und Cleverness und manipulativen Fähigkeiten geschickt für seine Zwecke einsetzt). Am Ende, nach gewissen dramatischen Ereignissen, kriecht die junge Frau bitter enttäuscht in den Schoß des Establishments zurück und widmet sich der Bildung. Das ist für sie ein herber Rückschlag, aber sie hat nicht erkannt, dass das Heiraten eines Mannes und ein Leben als ungebildete, von ihrem Gatten abhängige Hausfrau ihr nicht die Freiheit und Selbstverwirklichung bringen würde, die sie anstrebt.
Seltsamerweise liest man immer wieder, der Film sei eine cautionary tale über die Gefahren des "frivolen Lebenswandels" und über die Notwendigkeit von Bildung. Aber das ist m. E. Bullshit. Eher ist es eine Geschichte über den Beginn des sozialen Umbruchs (1960s!!) und Drehbuchautor Nick Hornby definiert den Begriff Bildung auch eher zweigleisig: Einmal als Sammeln akademischen Wissens, einmal als Sammeln von Lebenserfahrung und das selbstbewusste Setzen von Zielen. Und am Ende stehen der Protagonistin alle möglichen Wege offen: An Erfahrung reicher und das süße Leben gekostet habend (trotz schlussendlicher Desillusion), kann sie ihre akademische Bildung vielleicht dazu instrumentalisieren, ihre Lebens- und Wertvorstellungen umzusetzen und zum gesellschaftlichen Wandel beizutragen; es ist nicht gesagt, dass Jenny ein Leben führen wird wie ihre Lehrerin. Denn es geht in diesem Film um aktive Gestaltung und Veränderung der Zukunft, ohne dabei die älteren Generationen und ihre Werte zu verachten und alles Bestehende (in dem Fall das Bildungssystem) über Bord zu werfen. So endet "An Education" auch in Aussöhnung. Aussöhnung zwischen Jenny und ihren Eltern, zwischen Jenny und ihrer Lehrerin.
Trotz aller Dramatik, trotz Desillusion, gebrochenen Herzens und Zukunftsängsten der Protagonistin haben die Britten hier mal einen außergewöhnlich ausgelassenen, lebenslustigen und -bejahenden Film gemacht (with a little help from French culture zwar, aber immerhin). Es ist schon ein erhebendes Gefühl, Jenny in den ersten zwei Dritteln des Films auf ihrer Entdeckungsreise einer für sie neuen Welt zu begleiten:
Der Zuschauer sieht das quasi durch ihre Augen, entdeckt zusammen mit ihr, freut sich und lacht und leidet mit ihr, lernt mir ihr eine Gruppe von drei interessanten Menschen kennen, gerät in prickelnde und spannende Situationen, erfreut sich an cleverem, mal lustigem, mal ernstem Dialog . Ein durch und durch charmanter, einbindender Film. Und Carey Mulligan ist eine Sensation. Sie legt Jenny als jemanden an, den man sofort ins Herz schließt. Unglaublich viel Elan und Ausstrahlung und Energie. Viel Wärme und bezaubernde Charaktereigenschaften, ein entwaffnendes Lächeln. Der kleine Wirbelwind wirkt schon fast wie eine jüngere, vom Leben noch nicht in den Arsch getretene Ausgabe von Holly Golightly. Muss man einfach lieb haben.
Viel könnte man noch schreiben über diesen tollen Film, der in seiner nicht unkomplexen Handlung überall clevere Details hat. Beispielsweise könnte man über die gut angelegten Figuren von Jennys Eltern schreiben, oder (was besonders interessant wäre) über Jennys Lehrerin. Aber jetzt habe ich schon viel Anderes geschrieben und ich muss weg und ich schließe meine schwurbelige Filmbesprechung einfach mit der Feststellung, dass "An Education" ein überaus charmanter und prickelnder Film ist und dass Carey Mulligan die Zukunft gehört und das Herr Molina wieder zu schauspielerischem Können zurückzukehren scheint.