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"About a girl"

Der britische Autor Nick Hornby ist vor allem mit Romanen über Männer und deren Probleme mit dem Erwachsen werden berühmt geworden. In „Fever Pitch", „High Fidelity" oder „About a boy" klammern sich die Romanhelden an Fußball, Popmusik oder einfach nur das bequeme Jet Set-Singledasein und gehen damit möglichen Belastungen des Älterwerdens wie Verantwortung und Ernsthaftigkeit so gut es geht aus dem Weg um am Ende dann doch festzustellen, dass nur eine Symbiose aus beiden Welten wahres Glück bedeutet.

Auch An Education handelt vom schwierigen Übergang ins Erwachsenenleben, diesmal geht es aber um ein junges Mädchen. Hornby hat hier erstmals ein Drehbuch verfasst, das nicht auf einem eigenen Roman beruht. Die autobiographische Kurzgeschichte der britischen Starjournalistin Lynn Barber ist ein bitteres Coming of Age Drama, welches Hornby mit seinem untrüglichen Gespür für hintergründigen Witz und Leichtigkeit perfekt zwischen Tragik und Komik austarierte. Darüber hinaus gewährt er uns einen - wenn auch nostalgisch verklärten - Blick in das England der frühen 1960er Jahre, in eine Übergangsphase zwischen der schwermütigen Nachkriegszeit und dem aufziehenden Sturm der 68er-Bewegung.

London 1961. Die in behüteten, wenn auch relativ bescheidenen Vorstadtverhältnissen aufgewachsene Jenny (Carey Mulligan) strebt ein Literaturstudium in Oxford an. Eltern und Lehrer unterstützen die überdurchschnittliche Schülerin dabei nach Kräften. Die einzige rebellische Attitüde die sich die 16-jährige leistet, ist eine von ihrem gestrengen Vater (Alfred Molina) missbilligte Leidenschaft für alles Französische. Diese Frankophilie besteht allerdings aus so harmlosen Passionen wie dem gelegentlichen Rauchen von Gauloise, dem Lauschen von Platten der Chansonsängerin Juliette Gréco - beides natürlich heimlich - sowie der Sehnsucht, einmal Paris zu sehen.
In diese letztlich sehr überschaubare Welt platzt plötzlich ein mehr als doppelt so alter Verehrer. David (Peter Sarsgaard) ist elegant, charmant, wortgewandt und wickelt neben Jenny auch gleich deren Eltern in Windeseile um den Finger. Er beeindruckt das junge Mädchen mit einem schnittigen Sportwagen, klassischen Konzerten und teuren Restaurants. Vor allem Jennys Vater ist von dem Weltmännischen Auftreten Davids zunehmend angetan und lässt sich allerlei Ausnahmen von seiner strengen Erziehung abschwatzen. Für Jenny öffnet sich das Tor in eine aufregende Welt voller Glitzer und Glamour. Selbst als sie dahinterkommt, dass David und seine Freunde ihren aufwändigen Lebensstil hauptsächlich mit Betrügerein finanzieren, bleibt sie ihm treu. Zu ihrem 17. Geburtstag schließlich lädt David sie mit Genehmigung ihrer Eltern nach Paris ein. Für Jenny ist das in vielerlei Hinsicht der Eintritt in ein Erwachsenenleben, das sie sich noch ein halbes Jahr früher nicht träumen lies. Lediglich ihre Lehrerin zeigt wenig Begeisterung ob der so rasant gewandelten Lebensphilosophie, aber Jenny hat nur Spott für sie übrig und bricht mit der Schule ...

Natürlich hat die Schule des Lebens noch die ein oder andere bittere Pille für Jenny parat, trotzdem ist An Education mehr Feelgood-Movie als schwermütiges Drama. Hier wird niemand völlig vorgeführt, eiskalt manipuliert oder gar für immer gebrochen. Zwar ist David nicht der für den er sich ausgibt, wird aber von Peter Sarsgaard so charmant und zuvorkommend gespielt, dass man bis zum Schluss mit ihm sympathisiert. Zwar lernt Jenny ihre Lektion auf die harte Tour, aber eben noch rechtzeitig und ohne spürbare negative Auswirkungen auf ihren späteren Lebensweg. Im Gegenteil, am Ende geht sie gestärkt und mit sich im Reinen aus dieser prägenden Phase hervor. Und auch die größte dramaturgische Klippe erweist sich schließlich als glatt geschliffener, eher ungefährlicher Felsvorsprung. So gelingt es David zwar eine Minderjährige mit Genehmigung ihrer Eltern zu verführen, allerdings geschieht dies auf sehr zärtliche und rücksichtsvolle Weise. Und auch das blauäugige Verhalten der Erziehungsberechtigten erscheint im Lichte von Davids einnehmendem Wesen weniger verwerflich und zumindest teilweise entschuldbar.

Dass der Film seine Zuschauer trotz des im Kern ernsten Themas und einer Reihe dramatischer Verwicklungen mit einem wohligen Lächeln nach Hause schickt, liegt aber nicht nur an Nick Hornbys feinem Gespür, solch krisenhafte Lebenssituationen mit subtilem Humor und einem immer wieder durchbrechenden Optimismus aufzuhellen. In An Education tragen auch die Darsteller sehr viel zur Stimmung bei.
Wie schon erwähnt ist Peter Sarsgaard ein Betrüger der besonders charmanten Art. Alfred Molina wird als strenger, leicht überforderter, aber im Kern liebender Vater ebenfalls nie zum Unsympathen. Olivia Williams stattet ihre Figur der scheinbar verhärmten und humorlosen Lehrerin Miss Stubbs (Olivia Williams) mit viel Wärme aus und spielt überzeugend einen Verstandesmenschen, der unter der rauen Oberfläche auch über eine gehörige Portion Herz und Lebenslust verfügt.
Über allem thront aber die bezaubernde Carey Mulligan. Sie ist Gesicht, Herz und Seele des Films. Ihrem süß-naiven Grübchenlächeln und den permanent strahlenden Rehaugen kann auch der hartgesottenste Kinozuschauer nicht lange wiederstehen und man ist fast geneigt David zu verzeihen, ob einer solch komplett entwaffnenden Charmeoffensive. Mulligan versteht es darüber hinaus meisterhaft, die schwierige Mischung aus jugendlicher Naivität und (durchaus ebenfalls schon vorhandener) reiferer Lebensklugheit überzeugend auf die Leinwand zu bringen.

Mit An Education gelang der skandinavischen Regisseurin Lone Herfig ein durch und durch britischer Film im positiven Sinne. Weder zu verkopft, noch zu vordergründig, weder kitschig auf die Tränendrüsen drückend, noch schonungslos brutal durch menschliche Tragödien wütend, gelingt ihr eine stets leichtfüßige dramatische Komödie bzw. ein komödiantisches Drama über das ewig junge Thema vom schwierigen Übergang zwischen Pubertät und Adoleszenz. Bestsellerautor Nick Hornby, eigentlich auf männliche Selbstfindung spezialisiert, hat dazu ein wunderbar zwischen Melancholie und Fröhlichkeit schwebendes Drehbuch über das Erwachsenwerden eines jungen Mädchens verfasst. Nachdenklich, beschwingt, rührend und komisch. Für einen Film ist das schon eine ganze Menge.

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