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Harlem 1987: die 16jährige Claireece 'Precious' Jones ist groß, übergewichtet, isoliert und ungeliebt. Sie geht zur Schule und ist v. a. in Mathematik durchaus gut, allerdings fällt einer Lehrerin auf, dass sie erneut schwanger zu sein scheint. Precious wohnt bei ihrer aggressiven, selbstmitleidigen Mutter und lebt von der Sozialhilfe. Erst ihre Schuldirektorin sieht ihr Potenzial und schickt sie, gegen den Widerstand der Mutter, auf eine Förderschule, wo sie mit anderen Außenseitern in kleinen Gruppen lernt. Langsam blüht Precious auf, v. a. die Lehrerin Ms.Rain unterstützt sie. Doch immer wieder wird sie von ihrer Vergangenheit und ihrem familiären Umfeld eingeholt.

"Precious" von Lee Daniels basiert auf dem Roman "Push" von Sapphire, die selbst dieses Milieu in Harlem als Lehrerin kannte. In der afroamerikanischen Gemeinde der USA war der Film, obwohl Oscar-nominiert, z. T. durchaus umstritten, denn man warf ihm latenten Rassismus vor (so sind die Leute, die Precious helfen wollen, wie die Lehrerin oder ihre zuständige Sozialarbeiterin, eher hellhäutiger) oder zu große Drastik und Klischees vor.
Als Europäer kann man sich an dieser Diskussion um politische Korrektheit kaum beteiligen, sie verwunderte mich aber, denn "Precious" ist v. a. die Geschichte einer langsamen Selbstbestimmung, gegen die widrigsten Umstände. Precious verbirgt sich hinter ihrem üppigen Körper, wird immer wieder gedemütigt und gibt dann diese Erniedrigungen auch direkt weiter (so an das kleine, dünne Nachbarskind). Ihre Mutter (die übrigens auch eher hellhäutig ist), ist ihr keinerlei Hilfe, im Gegenteil, sie misshandelt sie und lässt es zu, dass ihr Partner sich an Precious vergeht (aus Angst, ihn zu verlieren). All diese Abgründe kanalisiert sie gegen ihr eigenes Kind.
Erst als Precious, die sich immer wieder aus ihrer deprimierenden Realität in Tagträume flüchtet, in die Förderschule kommt, merkt man, welches Potenzial in ihr schlummert. Aber dieses zu Tage fördern, ist schmerzhaft und am Ende nicht unbedingt erfolgreich.
"Precious" ist, so sehr einige Szenen immer wieder schmerzen und schlimmer als mancher Horrorfilm sind (da viel realer), ein Film mit Hoffnung und winzigen menschlichen Gesten, die einen nicht ganz verzweifeln lassen an der Situation. Allerdings muss er sich vorwerfen lassen, vielleicht etwas zu dick aufzutragen (AIDS!).
Die Schauspieler leisten hervorragendes, allen voran Gabourey 'Gabby' Sidibe als Heldin, ihre Mutter (die Oscar-prämierte Mo'Nique), Paula Patton als Lehrerin und sogar Mariah Carey als überforderte Sozialarbeiterin glänzt. Lediglich die Rolle von Lenny Kravitz als sexy Krankenpfleger fand ich irritierend und unpassend. Insgesamt ein beeindruckender Film mit einigen kleinen Unebenheiten, sehenswert, aber anstrengend und ich werde ihn erst einmal ein paar Jahre nicht gucken.

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