Review

Um es vorweg zu sagen: In Punkto Sozialrealismus rangiert der britische “Fish Tank” ein ganzes Stück vor “Precious”. Manche mögen den Vergleich ungerecht finden (nicht nur, weil beide Filme aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, sondern auch weil sie thematisch nicht identisch sind).
Aber wenn es um die Darstellung des Aufwachens in prekären urbanen Gegenden und in dysfunktionalen Familien geht, ist “Fish Tank” wesentlich aufrüttelnder, gerade weil er mit dezenteren Mitteln arbeitet:

Da mussten die Figuren sich nicht permanent gegenseitig die Fresse polieren, mit Gegenständen bewerfen und sich ständig mit bitch und motherfucker beschimpfen, damit der Zuschauer erkennt, dass da ein Mädchen weder Zuspruch, Förderung, noch Vorbild in ihrem Zuhause findet. Und es wird nebenbei deutlich (obwohl es gar nicht mal Thema ist), dass es für Kinder aus bildungsfernen, verarmten und sozial inkompetenten Familien generell schwierig ist, später ein anderes/besseres Leben als die Eltern zu leben.

“Precious” wählt drastischere und plakativere Mittel, um das familiäre Umfeld seiner Protagonistin darzustellen, einem sechzehnjährigen schwarzen Mädchen aus Harlem, das vom Vater vergewaltigt und geschwängert wurde, von ihrer Mutter dafür die Schuld bekommt und täglich verbal und physisch misshandelt wird, zudem an posttraumatischer Dyslexie leidet, ihre schwarze Hautfarbe hasst und sich vor dem Spiegel vorstellt, sie sei eine blonde Weiße, die es leichter im Leben hat, weil sie alle mögen und gerne auf sie zugehen.

Dieser Film ist kein Freund von Subtilität: Die ihre Tochter hassende (und sie deshalb bis zur Obesität mestende) Mutter agiert irgendwo zwischen Oper und Oprah, der Regisseur geniert sich nicht eine beschämende Montage von Vergewaltigungsbildern im Bett und fettigem Ekelfrass in der Küche zu zeigen, und generell bekommt die Protagonistin im ersten Drittel alle zwei Minuten von jemandem in die Fresse, als hätte der Film Angst, dass wir ansonsten nicht verstehen, dass die junge Frau sich wie ein minderwertiges Stück Dreck fühlt. Und als ob nicht eh klar wäre, dass die emotional und sozial verwahrloste Mutter sich einen Scheiß um Ausbildung und Zukunft ihrer Tochter kümmert, lässt das Drehbuch sie diesen Umstand im Filmverlauf ganze drei Mal artikulieren.

Nichtsdestotrotz ist “Precious” ein beeindruckender Film, weil er das Leben am unteren Rand der Gesellschaft mit einer Deutlichkeit und Härte zeigt wie man es vom amerikanischen Kino nicht gewohnt ist. Und er verdeutlicht, dass junge benachteiligte Menschen aus prekären Verhältnissen dringend Hilfe von außen brauchen, weil weder sie sich selbst noch ihr direktes soziales Umfeld ihnen helfen kann oder will. Vor allem besitzt der Film eine sehr untypische Hauptfigur: Jemanden, den die meisten von uns im wahren Leben nicht mal mit dem Arsch angucken würden. Und Precious schafft es, dass wir sie mögen, dass wir sie ernst nehmen, dass wir mit ihr leiden und hoffen, dass wir ihr alles Gute wünschen. (Zumindest in den Momenten, wo die überdeutliche Dramaturgie das nicht unterminiert). Und das ist wohl der größte Verdienst dieses Werkes.

Teilwiese wirkt der Film in seinen Anliegen aber etwas schwammig, weil er (das prekäre Milieu beiseite gelassen) im Kern eine “Du musst dich nicht selbst hassen”- und “Du packst das”-Erbauungsgeschichte für Teenagerrinnen ist, welche Schwesternschaft sowie Girl Power beschwört. Der Aspekt des sozialen Ungleichgewichts der Gesellschaft sowie der Aspekt der Verdammnis in der Unterschicht leben zu müssen, geraten in dieser Geschichte zeitweise in den Hintergrund. Ebenfalls muss man sich fragen, ob die Darstellung der Sonderschullehrerin als nicht überforderter Engel auf Erden sowie der Umstand, dass der Film am Ende (wenn auch dezent) den american dream beschwört, wirklich dazu führen werden, dass der Zuschauer sich nach dem Sehen des Films stärker für soziales Ungleichgewicht interessieren wird (falls das überhaupt das Ziel dieses Werkes sein soll). Am Ende vom Tage ist in diesem Film nämlich nichts mehr so schlimm wie am Anfang des Tages.

Auf visueller Ebene ist ”Precious” sehenswert und zeugt von viel Kreativität. Interessante Bilder und Montagen gibt es reichlich, von denen viele das Innenleben und die Befindlichkeiten der Hauptfigur plastisch machen: Sehr wirkungsvoll beispielsweise die frenetischen Folgen von tatsächlichen und gedanklichen Bildern, als Precious in der Förderschule damit überfordert ist, eine simple Frage in einem Multipal Choice Test zu beantworten. Oder als sie damit kämpft, einen kurzen Satz zu lesen. Generell aber ist dieser Film sehr trist und trüb und direkt gehalten; seine Aufnahmen wirken unmittelbar und realistisch. Weniger gelungen ist der Umstand, dass bei Precious’ Gesprächen mit Autoritätspersonen (Schulleiterin, Sozialamtsangestellter) übertrieben wackelige Handkamera eingesetzt wird und brutalst rein und raus gezoomt(!) wird. Das soll offenbar Angst, Unsicherheit und Überforderung der Protagonistin transportieren, sieht aber einfach nur scheiße aus und sonst nichts. Und bietet “Precious” auf visueller Ebene wie erwähnt oftmals auch Sehenswertes, tun sich Regisseur und Kameramann keinen Gefallen damit, dass sie zu oft mit zu stark voneinander verschiedenen Stilen experimentieren, was nicht immer Sinn stiftend ist und den Film als Ganzes etwas kuddelmuddelig macht. 

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