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Zu verlockend ist der Kaninchenbau, als dass Kinder ihn nur einmal durchschreiten würden. Alice ist längst nicht mehr allein auf ihrer Erkundungstour, sondern zur Offizierin gereift, die einer ganzen Kinderschar den Weg ins Unbekannte gewiesen hat. Coraline, elf Jahre alt und vom allseits geschätzten Fantasy-Autoren Neil Gaiman erdacht, ist das neue Mitglied im Club. Ihr Tunnel erinnert an einen Geburtenkanal, verlockend schimmernd in Violett- und Blautönen, die einem Sternenhimmel über der Antarktis gleichen. Dabei wäre die Farbenpracht gar nicht nötig. Das von den Regeln des gewöhnlichen Lebens gelangweilte Kind würde seiner neugierigen Natur auch dann nachgeben, wenn der Bau voller Schlamm und Äste wäre. Oder Uhren und Bücherschränke.

Mit dem Kritikerbonus geweiht, ein Stop-Motion-Film zu sein und sich folglich gegen die kommerziell erfolgversprechende Variante Computeranimationsfilm aufzubäumen, genießt Henry Selicks neues Abenteuer auch noch den zweiten Vorteil, sich in Sachen Geschichte eher unoriginell verhalten zu dürfen. Immerhin handelt es sich um einen Film der Kategorie Kinder und Familie, und für Kinder ist so vieles neu, was den Erwachsenen schon längst nicht mehr vom Hocker reißt - die Erkenntnis beispielsweise, dass wir die Welt mit anderen Menschen teilen und sich nicht alles nur um uns dreht. “Coraline” ist gewissermaßen ein Lehrfilm, der sich an eine neue Generation von Kindern richtet, die den gleichen Entwicklungsschub mitmachen wie die Kinder von 1865 mit Alice, die aus dem frühen 20. Jahrhundert mit Dorothy, die aus dem bisherigen neuen Jahrtausend mit Ofelia.

Selick, der unter dem Banner “Tim Burton’s Nightmare Before Christmas” bekannt wurde, hat hier ironischerweise ein wenig unter dem neueren Burton-Syndrom zu leiden, kaum mehr zu leisten als die Oberfläche alter Stoffe neu und bunt zu lackieren. Das reicht beinahe schon aus, um das Gros der jüngsten Animationsfilme locker in die Tasche zu stecken. Gepaart mit der lieblichen Millimeterarbeit der Stop Motion-Kunst reicht es auch, um Kinder wie Erwachsene gleichermaßen zu verzaubern. “Coraline” gelingt das Kunststück, zweigleisig zu fahren, ohne zwanghaft sozialkritische Subtexte einzubauen. Ein klassisches Märchen, erzählt mit Liebe zum Detail. Wie ein kunstvoll gebundenes Buch anstelle eines Hochglanzmagazins, mit welcher Anmut und Geduld das Bewährte da präpariert wird: Darin besteht die Faszination für die Erwachsenen.

So wäre der Zauber ohne die echte Dreidimensionalität der realen Knetfiguren nur halb so stark, allem Einfallsreichtum zum Trotz. Die linkischen Bewegungen der gar nicht so perfekten Coraline kämen als CGI gelackt herüber, die große Tanzszene künstlich und synchron. Wo Wassertropfen auf Glas fallen und das Gegenüberliegende verwischen, wo kaltes Licht auf gräuliche Fliesen trifft und eine Natürlichkeit in den tristen Alltag fallen lässt, der wohlig erschaudern lässt ob der erschreckenden Authentizität, da hat der Film bereits gewonnen. Insbesondere in der Darstellung der beiden Welten und ihrem Ausspielen gegeneinander gewinnt das Werk an Ausdruckskraft. Keineswegs wird die normale Welt in übertriebene Tristesse getaucht, die Küche der “echten” Mutter und das Arbeitszimmer des “echten” Vaters sind keine Karikaturen des Alltags, so wie das Büro von Pixars Mr. Incredible. Es sind Abbilder der Wirklichkeit, mitsamt eines fotorealistischen VW Beetle. Das, unter anderem, macht den Film so differenziert, so goutierbar eben auch für das erwachsene Publikum.

Die “andere” Welt, andererseits, beginnt gemäßigt. Nur Knopfaugen unterscheiden sie auf den ersten Blick von der wirklichen Welt, ein warmes Licht vielleicht noch, das fast unbemerkt die Küche erfüllt. Erst mit zunehmender Laufzeit sprengen sich die beiden Realitäten voneinander ab und verliert das Diffuse an Zwielicht. Die Grenzmarkierung wird deutlicher, je weiter der Film voranschreitet, und das verdirbt ein wenig seinen Abgang. Zunächst noch subtil und gruselig, gibt sich Selick schließlich dem plakativen Schrecken hin, als er beschließt, der vermeintlich schönen Alternativwelt seine ehrliche Fratze des Wahnsinns aufzuziehen. Hier geht es ins Formelhafte, bis man schließlich nicht weiter weiß, als Coraline eine Ansammlung von Prüfungen aufzuerlegen, die doch sehr daran erinnern, wie Guybrush Threepwood einst Zutaten für den Piraten-Grog zusammentreiben musste. Zumal der Artisten-Nachbar designtechnisch sowieso einem LucasArts-Adventure entsprungen zu sein scheint.

Bevor die Maske aber erwartungsgemäß zerbirst, brennt Selick ein Feuerwerk der Animationskunst ab, das mit allen Hilfsmitteln kongenial harmoniert. Insbesondere der unkonventionelle Soundtrack des ersten Drittels sticht heraus. Eine uncineastische, geheimnisvoll-mystische Untermalung verleiht Szenen eine Magie, die genau genommen nichts Besonderes zeigen. Als Coraline jedoch im Halbdunkel eines kahlen Waldes steht und mit der Katze spricht, die nicht antwortet, wird noch mehr Magie frei als in der Erweckungsszene im Wald von Tim Burtons “Corpse Bride”, weil das Überlebensgroße der Kinodynamik mit erfrischendem Realismus vermischt wird und selbst dieser schreckenerregend dunkle Wald keine Fratzen bildet, sondern bei allem Zauber auf der Leinwand bloß ein Wald bleibt.

Drüben, bei den “Anderen”, mehren sich dafür die Reminiszenzen. Die gewöhnliche Katze wird zum Weltenwandler und beweist die Übersinnlichkeit, die unsereins den Vierbeinern aufgrund ihrer mystischen Fortbewegungsweise gerne mal andichtet. Sie mutiert angesichts ihrer Wandlerfähigkeiten und neu erworbenen Sprachkenntnisse zur Mischung aus Grinsekatze und Kaninchen, dem es nur nie zu spät, zu spät, zu spät wird. Sie ist ein Fremdenführer in der Erkenntnisreise des Mädchens Coraline. Bei den puppenhaften Antagonisten wird mit Urängsten gespielt. Wo Augen die Spiegel der Seele sind, reflektieren Knopfaugen leblos das Innenleben derer, die in sie hineinschauen. Die Verwandlung der zuerst so lieben Mutter in ein spinnenartiges Wesen brennt sich als Standbild aus einer eigentlich eher harmlosen Fantasy-Story fest wie einst die Horror-Einsprengsel in “Beetlejuice” - das lehrt die Kinder zweifellos das Fürchten und die Moral bleibt auf ehrliche wie direkte Art und Weise hängen.

Keinen Sommerkinobesuch 2009 dürfte man weniger bereuen als den in die Welt der kleinen Coraline. Um das Klischee der “Wetter-Rezension” zu brechen, in dem die Stimmung eines Films stets mit der Saison verglichen wird, in dem der Film in die Kinos kommt, sei gesagt: Man sollte unbedingt die Erfahrung machen, bei Tropenhitze ins Kino gehen, um “Coraline” zu sehen. Beinahe ist es so, als würde man selbst noch einmal durch den Tunnel gehen, um in eine Welt zu gelangen, die sich vollkommen von der Sommerwelt da draußen unterscheidet. Und doch gibt es nichts zu sehen außer höchste Handwerkskunst, keine neue Geschichte, keine neuen Bilder, keine neuen Effekte. Formelhaft schließt sich die Welt in der Welt wieder. Nichtsdestotrotz: “Coraline” ist seine Erfahrung wert.
(7.5/10)

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