Review

Gottseidank, er kann es noch.
Henry Selick, einer wirklich wenigen Stop-Motion-Künstler des zeitgenössischen Kinos, der einer weltumspannenden Fangemeinde in den 90ern den wunderbaren "The Nightmare before Christmas" gab (der seltsamerweise doch immer Tim Burton zugeschrieben wird, der lediglich produzierte), hat endlich wieder einen abendfüllenden Film gedreht, der die Diskussionen um die Anerkennung als Meisterwerk mal nicht scheuen muß.
Selick hatte nach seinem Erfolg mit seinem Nachfolger "James und der Riesenpfirsich" leider kaum Erfolg und versuchte sich um die Jahrhundertwende mit "Monkeybone" im Realfilm, drehte aber eine beachtlich unlustige Neutronenbombe schlechten Geschmacks und war erstmal eine Weile aus dem Spiel.

Jetzt hat er sich wieder dem Puppentrick angenommen und zwar wieder im "gothic style" und schon stellt sich sowohl Vergnügen wie auch Erfolg ein.
Ein Gutteil davon dürfte man auch der Vorlage des Fantasyautors Neil Gaiman zuschieben, der eine wirklich düstere Story entworfen hat, die Kinder problemlos (mal von leichten Alpträumen abgesehen) mit ihren Eltern lesen und anschauen können.

Klassisch sind die Elemente, doch einfallsreich die Ideen und die Visualisierungspracht hätte vermutlich nicht mal das wieder moderne 3D-Feature gebraucht, um vollends überzeugen zu können.

Coraline ist eine eigenwillige, phantasievolle und leicht störrische Mädchenfigur, die von ihren Eltern bis zur Schmerzgrenze vernachlässigt und dann auch noch ins Nirgendwo in ein viktorianisches Herrenhaus verpflanzt wird, wo sie von den übrigen Mietern und dem Nachbarsjungen eher zu Tode genervt wird, bis sich ihr eine kleine geheimnisvolle Tür in eine andere Welt öffnet, wo ihre "andere Mutter" und ihr "anderer Vater" sie endlich so umsorgen, wie sie es verdient, nur das sie in dieser Welt Knöpfe statt Augen haben. Und natürlich ist alles nur schöner Schein und ein düsteres Geheimnis tritt langsam ans Licht...

Selick ist damit in Höchstform, alle Erfolgselemente aus "Nightmare" sind wieder versammelt, kuriose Perspektiven und Formen, ein gruseliger verfallener Herbstlook, schräge Figuren mit absonderlichen Verhaltens- und Ausdrucksweisen, Interaktion zwischen Mensch und Tier und jede Menge Abgründe hinter der Fassade.
Das erste Drittel ist schon als Etablierung der Szenerie außergewöhnlich stimmungsvoll und selbst Burton könnte so eine neblige, verregnete hügelige Herbstlandschaft kaum aus dem Hut zaubern, in deren Grautönen die schlacksige Coraline gegen alle und ihre Langeweile kämpft. Mit feinem Augenzwinkern und britischem Witz widmet man sich den Figuren, dem überarbeiteten Papa, selbst ein kurioser Schlacks, der strengen und gestressten Mutter, die sich um zwei Kinder kümmern muß, der Exzentrik der beiden ehemaligen Bühnenschrullen in der unteren Wohnung (passend gesprochen vom Comedy-Duo "French and Saunders"), der mäusedressierende Mr.Bobinsky mit seinem osteuropäischen Akzent und der irgendwie perspektiv verschobenene Nachbarsjunge Wybie (eine Neuerfindung für die Verfilmung), dessen bucklige Erscheinung und seltsame Reden noch schräger als der Restfilm sind.

Mit dem Eintritt durch einen Tunnel in die harmonisch-freundliche, warme und farbengesättigte andere Welt öffnet Selick dann ein visuelles Wunderhorn, läßt Katzen sprechen, seltsame Kreaturen erwachen und brennt einen wilden Traumkarneval ab, ohne jedoch zu vergessen, immer einen Hauch von Beunruhigung hinzuzumischen. Und die erscheint dann wohlbegründet, als sich die traumhafte Szenerie in einen Alptraum rund um eine seelenfressende Hexe verwandelt, die auch noch Eltern entführen kann.
Visuelle Rauschzustände verwandeln sich nun in wilde Pandämonien und das ist dann der Moment, wo man seine Kinder möglichst nicht allein lassen sollte, will man nicht ein paar unruhige Nächte erleben, denn wo "Nightmare" eine halloweeneske Spleenerei mit Gruselfiguren war, transportiert "Coraline" streckenweise verdammt wirksamen Horror der graphischen und psychischen Sorte, ohne das Blut fließt.

Durch Knöpfe ersetzte Augen (per Nadel) dürfte kaum jemandem im Publikum nicht unangenehm herumrutschen lassen und die schrägen Mutationen, die zu Ratten verformten Mäuse, die Mensch-Tier-Chimären und die spinnenhafte Hexe sind genau die Portion Horror, die Gaiman auf ewig von Disney und Epigonen abhebt, eine herbe, wilde und reizvolle Mischung.
Dennoch: die Stimmung ist der Film und Selick erweist sich als Mann mit Händchen für morbide, unheimliche Bilder oder hintergründige Themen, hat aber in der schlacksigen Coraline mit ihren blauen Haaren einen extrem sympathischen forsch-neugierigen Görencharakter, der das Meiste wieder vergessen macht, wenn es drauf ankommt.

Wo der Film ein wenig an Dampf verliert, ist das letzte Drittel, als die Hexe zu einem Zweikampf herausgefordert wird, in deren Folge Coraline die Seelen der drei Geisterkinder, die vor ihr bei der anderen Mutter lebten, finden muß, diese dreiteilige Set-Piece-Suche mit einem "sehenden Stein" ist dann doch eher ein Standardmittel und wird für ausufernde 3D- und visuelle Gimmicks verwendet, wenn die andere Welt sich an den Rändern auflöst, zersplittert oder in ein Spinnennetz zerfällt.
Natürlich muß der Showdown spektakulär sein, aber Gaiman baut ein unglaubliches Netz aus Mysterien rund um die Puppe, das Haus, die Großmutter und ihre verschwundene Schwester, die Tür, die andere Welt, die eigentlichen Eltern auf, das es fast ein wenig enttäuschend ausfällt, wenn am Ende die überlebensgroße Lektion eher klein ausfällt und alles eben einer simplen Jagd auf eine seelenfressende Hexe einem irgendwie narrativ gewöhnlichen Höhepunkt zusteuert.

Bis dahin haben der atemberaubende Look und die gewinnenden Figuren aber vermutlich das Publikum längst für sich eingenommen und so ist "Coraline" wesentlich geschlossener, stringenter, einfallsreicher und generationsübergreifender als "Nightmare", der schon eine feste Kultfanbasis hat.
Dennoch verdient es Gaimans "Coraline", das man sie in die großen gelungenen Filme eines Kinojahres einreiht, wo sie ihre ganz eigene Nische bewohnt, in der man sie mit keinem anderen Film vergleichen kann und mit dem Einfallsreichtum der Zeichner, Animateure und Trickphotographen präsentiert sich eine kaum enden wollende Wundertüte aus dem Reich der dunklen Träume.
Demnächst in (fast) jedem Gothic-Schrank aus schwarzem Holz! (8,5/10)

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