Review

Es gibt Filme, die machen es einem schwer.
Schwer zu konsumieren, schwer zu goutieren, schwer zu verstehen. Und manchmal erschließt sich einem der Sinn einfach nicht. „The Matrix“ ist so ein Film. Und Bouli Lanners „Eldorado“ ist so ein Film, ein Road Movie von zwei vollkommen verschiedenen, aber doch auf sich angewiesenen Menschen auf der Suche nach einem Sinn im Leben oder auch nur nach ein bißchen Menschlichkeit oder Vertrautheit.

Das Wesen des „Road Movie“ ist immer ein Prozess des Werdens, des Entwickelns – oder in diesem Fall, ein Prozess des Überwindens.
Da bricht ein angeblicher Ex-Junkie namens Elie, dessen Reaktionszeit dem eines Panzerschranks gleicht, bei dem grob wirkenden Amischlittenimporteur Yvan daheim ein und wird von diesem überrascht. Was ein klarer Fall für die Polizei zu sein scheint, gerät zu einer Fingerübung des Absurden: Elie versteckt sich unter dem Bett und droht mit einem Messer, Yvan zögert zu lange und schiebt schließlich die ganze Nacht vor dem Bett Wache. Zwei Menschen, festgefahren, die Pferde sind gesattelt.
Was auf Konfrontation gebürstet scheint, entwickelt sich auf kurios-sanfte Art und Weise. Ein Morgen bei Tisch, dann setzt Yvan den Dieb an der nächsten Kreuzung ab. Doch man befindet sich irgendwo „in den Hügeln“ auf dem Lande, eine behelfsmäßige Landstraße. Nirgendwo. Als Yvan am Abend zurückkehrt, steht sein Widerpart noch an derselben Stelle. Zwei Menschen, gestrandet.

Irgendwo hinter den schweigsamen, sperrigen Masken stecken Konflikte, Abgründe, doch die treten nur sehr zögerlich, fast beiläufig ans Tageslicht. Yvan spielt schließlich Chauffeur, weil er selbst gerade fest steckt, er hat nichts Besseres zu tun, er fährt...Seitenstraßen.
Hier nimmt der Film zumindest metaphorisch Fahrt auf, langsam bewegen sie sich durch das scheinbar flache, weitläufige Land voller Gras in mal sonnigem, mal stürmischem Wetter, schweigend in einem alten Cadillac Eldorado – doch das wahre Eldorado, die Suche nach der goldenen Stadt der Sorglosigkeit, steht hinter allem. Was die beiden nicht wissen oder stumm akzeptieren, ist, daß es die goldene Mitte für sie nicht gibt – und doch ist der Weg das Ziel. Elie will noch einmal zu seinen Eltern und so beginnt eine Odyssee durch ein schier endloses Land, das in Wirklichkeit kaum größer ist als ein deutsches Bundesland, doch es wirkt wie eine Reise ans Ende der Welt.

Man kennt Lanners hier wohl nicht genug, um wirklich erahnen zu können, was er im Sinn hatte, aber er entspinnt eine Reise ins Absurde, denn der Weg am Rande der Gesellschaft bringt nur Schräges hervor, als seien die beiden Menschen da im Fond nicht schon schräg genug, wie sie sich anschweigen, anlügen oder endlose Wortwechsel wie störrische Kinder rekapitulieren.
Obwohl ein tragischer Prozess zweier Verlierer, schafft es Lanners, aus dem bizarren Trip das Maximum an Komik zu melken, die Komik des Abstrusen. Dabei scheint er Belgien nicht einmal zu lieben: ein Helfer bei einer Panne erweist sich als seltsamer Spinner, der ein Serienmörder sein könnte, und dann wiederum als Orakel. Tankstellenbetreiber im Nirgendwo interessieren sich so wenig für ihren Besitz, daß sie nicht einmal ins Bild kommen, auch wenn sie beraubt werden. Auf dem hintersten Schrottcampingplatz am Anus des Planeten schreiten ein Nudist und ein klammernder Begleiter nach einem Unfall zur Hilfe und Unbekannte werfen gefesselte Hunde von Brücken, die ganze Häßlichkeit der Welt und hier ist die andere Seite ihrer Oberfläche.

„Eldorado“ provoziert eine extreme Reaktion, entweder totale Verweigerung ob der schweigsam-schmutzigen Gesellen, denen man im wahren Leben maximal etwas Kleingeld in den Hut werfen würde – oder eben klassisches Amusement über den Wahnwitz der Schöpfung und der Existenz.
Alle haben ihre Makel, ihre Schrecken durchlebt: Yvan einen Verlust, den er nicht mehr rückgängig machen kann, was ihn zu dieser Samaritertat bewegt; Elie macht einen letzten Antrittsbesuch bei seinen Eltern, die teils ohnmächtig, teils verachtend reagieren.

Gegen Ende landet man wieder in einer großen Stadt, doch auch dort bleibt nur die Sicht auf eine leere Gasse eines Drogen- und Nuttenviertels. In quälenden Einstellungen stirbt Yvans Hoffnung in der Agonie eines Hundes und das Orakel vom Beginn des Films bewahrheitet sich: er muß über die Gräber laufen, um weiterleben zu können. Eins schaufelt er selbst, ob er die übrigen schafft, bleibt bemerkenswert offen.

„Eldorado“ richtet sich, wie fast alle Road Movies, die das Untergenre nicht nur als Vehikel für Schauspieler benutzen, an ein sehr spezielles Publikum, es ist ein Film für Erfahrungen, die einen nicht unbedingt selbst betreffen. Ein Film voller ruhiger, leerer Momente und voller absurder Lebendigkeit, angefüllt mit einem klassisch dahinwabernden Soundtrack.
Er ist das, was allgemein als Arthouse-Kino bezeichnet wird, weil es kein Massenpublikum dafür zu geben scheint, aber es ist auch keine Kunst, zumindest verzichtet Lanners auf jede Künstlichkeit. Stattdessen muß man den Mut für das Häßliche aufbringen und sich treiben lassen, um auf einen Funken Hoffnung in der eigenen Existenz zu warten. Aber wie viele sind schon bereit, Geld dafür zu bezahlen, um zu sehen, wie viel schlimmer das eigene Leben sein könnte. Dann lieber drauflos fahren. Ins Nirgendwo. (7/10)

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