Es gibt nur zwei Momente der in sich ruhenden Entspannung in diesem Moloch voll Beklemmung, Alpdruck, und kollektiver Gehetztheit. Zwei aufeinander liegende Atempausen, die trotz Zeitmangel und kurz vor dem Ende des Anfangs, noch vor der baldigen Katastrophe als Unterbrechung von der Welt da draußen genossen werden.
Dann schlägt das Schicksal wieder zu, in einer Hektik der fiebrigen Erwartung und stetigen Unruhe, die den Menschen in ihr vor lauter Getümmel um sie herum nie die Möglichkeit einer rhetorischen Maßnahme, sondern immer nur den Bruchteil einer Schrecksekunde zum Handeln lässt. Stockung und Stillstand bedeutet gleichzeitig Lebensgefahr, ein Augenblick des Nicht- oder Falschreagierens hat für Einen selber und seine Umgebung verheerende Auswirkungen, die man auch Wochen und Monate später noch verantworten muss.
An der Fassade der Geschichte hat The Beast Stalker, dessen Original- und Arbeitstitel der 2.8 Mio USD Produktion mit Witness noch weniger durchschlagendes Aufhorchen in sich birgt, viel gemeinsam mit dem parallel dazu veröffentlichten Connected [oder auch dem vorjährigen Kidnap]; und wiederum setzt man sich mehr als deutlich, in radikaler Revision und innerer Bekehrung von dem innerbetrieblichen Konkurrenzprodukt der selben Voraussetzung, aber naiver Identifikation, vorgezeichneter Sehgewohnheiten und routiniertem Verbrauch ab. Hier wie dort steht eine Entführung im Mittelpunkt, eine Mutter-und-Tochterbeziehung, die auch und gerade in den schwierigsten Belastungsproben halten und wachsen muss, die Verantwortung für ein Menschenleben, dessen Schicksalsbahnen man gekreuzt und entscheidend verändert hat und noch beeinflussen tut. Der Kampf gegen die Prädestination, die drohende Frist, von der Kollision geprägt, um den richtigen Zufall zwischen hoffender Vorsehung und zuschlagenden Verhängnis. Regisseur Dante Lam, der den Plot zusammen mit Autor Jack Ng aufgrund einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1983 entwickelt und nach mehreren Zusammenarbeiten mit Gordon Chan und Chan Hing-kar diesmal erstmals als Projektion seiner selbst ausformuliert hat, setzt mehr als nur auf vage Umrisse und deutlicher auf die Frage nach der Konsequenz zwischen Altruismus und Selbstlosigkeit und Pflichtbewusstsein und Unverantwortlichkeit. Nach den Neben- und Nachwirkungen eines beharrlichen Helfersyndroms, dass im Angesicht der Krise trotz Aufopferung des Einzelnen diesmal nur Unheil statt Rettung der Mitbürger mit sich bringt:
Captain Tong Fei [ Nicholas Tse ] verunglückt zusammen mit seinem Partner Sun [ Liu Kai-Chi ] bei der Verfolgungsjagd des entflohenen Juwelenräubers Cheung Yat-tung [ Patrick Keung ], kann diesen trotz schwerer Verletzung aber noch mit Schüssen in das Fluchtauto stellen. Allerdings trifft er dabei auch mehrmals die von den Gangstern in den Kofferraum gesteckte Yee, die kleine Tochter der zufällig in den Feuerwechsel geratenen Staatsanwältin Ann Guo [ Zhang Jing-Chu ]; welche drei Monate später trotz des schweren Verlustes und etwaiger Befangenheit die Verhandlung gegen Cheung führen soll. Kurz vor der Aufnahme des Gerichtsverfahren unter dem Vorsitzenden Judge Lee [ Joe Cheung ] wird ihr zweites Kind, die ebenso alte Ling [ Wong Suet-Yin ] von dem von Chuen [ Lau Kong ] angeheuerten Hung King [ Nick Cheung ] entführt, der entsprechende Forderungen zur Beseitigung stichhaltiger Beweise stellt und das Mädchen bei seiner schwerkranken Frau Li [ Miao Pu ] unterbringt. Tong Fei macht sich gegen den Willen der überaus besorgten Ann mithilfe seines alten Kollegen Sun, der Spurensicherungsspezialistin Christy [ Sherman Chung ] und seines Cousins Michael [ Gwok Ching-Hung ] an die eigenhändige Fahndung.
Die Hetzjagd beginnt ohne Vorwarnung mit dem ersten Bild, einen scheinbar noch harmlosen Tagesanfang, der ohne weitere konkreten Anzeichen schon das regelrechte Kesseltreiben vorweg nimmt. Die überbevölkerte Schlucht der Großstadt, speziell Eastern Disctrict, North Point, Hong Kong Island und ihre verbauten Wege als Schauplatz turbulenter Ereignisse, in der schon der Alltag der Zivilisation wie ein sozialer Krieg und somit Vorbote von Todestrieb, Katastrophen und Auflösung der Gesellschaft erscheint und sich bald Schreckensnachricht, Bürde und Tragik in immer schnelleren Wechsel ablösen. Eine Razzia leitet das Geschehen ein, mitten in die Vorbereitung und gleich mit in die Ausführung, die Kamera sucht in den Strömungen des Gedränges nach den Gefahrenpunkten umher, der Schnitt rutscht nach orientierungslosen Vorstufen und greift bei jedem Anschein von Zielstrebigkeit. Die Voraussetzung für eine Feinjustierung schafft die Inszenierung erst später, erst nachdem in einem referenzwürdigen Prolog incl. high key Aufdeckung und exzeptionellem pov-shot schon drei Autos überschlagen und verschrottet und die ersten Opfer des Tages gezählt sind. Eine Treffsicherheit mit bemerkenswert radikaler Folgerichtigkeit.
Zu deftige Eingangsklischees wurden von vornherein ebenso unterbunden wie die träge Typisierung von Figuren und ihrem Konflikt, die letzte Zufluchtsstätte von Idylle im Sonnenlicht in der provozierenden Sensationshaftigkeit bereits genommen, der graphische Ausdruck in scharfkantiger Photographie und aggressiver Profilierung schon bis zur Übersteigerung collagiert, installiert und intensiviert. Das Genre des Polizeifilmes, dessen Schablone man als wildausschlagende Beschäftigung mit dem Thriller und dem Actiondrama in Strichpunktlinie nutzt, wird in Immoralität bei den Bösen und Unsicherheit bei den Guten in der Handlung und zwischen grellen Effekten und unscheinbaren Erinnerungen aufgeteilt. Aus Passion wurde Ernst und Unbedingtheit, der Vorgang des Erzählens in stilistischer, verschiedene Formen des Imaginären nutzender Abwandlung erst physisch ins Bewusstsein gehämmert, dann affektiv zuckend verkürzt, dann ins Metaphorische innerer Leere versetzt, ohne aber zu sehr in die Psychomachie oder andere düstere bis verstörende Kreise einzudringen und im Tragödienschwarz deren verborgensten Winkel nachzuspüren.
Denn die Übermittlung erfolgt weniger durch einen Textteil und Konversationston, als vielmehr in doppelperspektivischer Berichterstattung und wiederholter Versetzung, was allein dadurch noch keine umfassende, in sich geschlossene Theorie begründet. Es gibt auch keine zukunftsgerichteten Aussagen, sondern nur Selbstanklage, Bußbereitschaft und Bekehrung in distanzierter Retrospektive. Tong sucht, und Hung versteckt sich und die Geisel. Beide reden nicht viel, beide sind nahezu skrupellose Profis in ihrem Metier, haben sich um eine in diesem Fall hilflose Frau zu kümmern, aus unterschiedlichen Beweggründen, aber mit dem gleichen unbedingten Ziel und der entsprechenden Stellungnahme. Und durch die unterschiedliche Expositionsinformation jeweils positiv oder negativ ausgelegt, was so der Charakterisierung trotz einer vorgegebenen Ambivalenz es dennoch eindeutig möglich macht, die Art jeder Gestalt und ihre Sympathien und somit die Schlüsselbedingungen kommerzieller Kultur zu bestimmen. Erst im Nachhinein wird die Rechtfertigung von Hung gezeigt, was den bislang isolierten Blickwinkel auf das eben Gesehene noch einmal reaktiv zurecht rückt.
Tong leidet und kämpft, aber aus dem mühsam zusammengehaltenen Selbstwertgefühl und dem die schrecklichen Entdeckungen vergessen wollenden Egotrip wird noch lange keine Schuld-und-Sühne Parabel abseits eines politisch korrekten Weges, es bleibt mit melodramatisch aufgeladener Schwere bei Ansätzen dessen und einem zwangsläufig unabdingbaren Duell der Männerrituale, des Körpereinsatzes und der Pistolenzeremonie. Das Theater der fortschreitenden Grausamkeit wird unter Lams mit einer absoluten formalen Selbstverständlichkeit absolvierten Dramaturgie zu einem mechanischen Gebilde mit ungefährlichen Verlegenheitsfaktoren, dass die Anweisungen des jeweiligen Genres mit schlafwandlerischer, fürwahr daraus nie herausbrechender Sicherheit befolgt.