Mit „Beast Cops“ hatte sich Hongkong-Regisseur Dante Lam 1998 erstmals größere Aufmerksamkeit gesichert, zehn Jahre später drehte er „Beast Stalker“, der allerdings trotz der Biester im jeweiligen Titel nichts mit Ersterem zu tun hat.
Ein Cop ist auch hier eine der Hauptfiguren, nämlich Sergeant Tong Fei (Nicholas Tse) – ein Karrierist, der notfalls den eigenen, ebenfalls bei der Polizei arbeitenden Cousin Michael (Kwok Jing-Hung) vor versammelter Mannschaft zusammenscheißt. Der hat allerdings bei einer Razzia auch einen Fehler begangen, wobei Tong Fei beim nächsten Einsatz ein noch schlimmerer passiert. Er und seine Leute jagen flüchtige Verbrecher, es kommt zu einem Autounfall, nach dem die Schurken ein weiteres Vehikel stehlen müssen. Tong Fei schießt auf das Auto, bringt es zum Stoppen und verhaftet die überlebenden Gangster, nur um festzustellen, dass im Kofferraum noch ein kleines Mädchen war, das durch seine Schüsse zu Tode kam. Dies ist in mehrerlei Hinsicht die Schlüsselszene des Films: Sie erklärt die meisten Hauptfiguren, sie wird mehrfach erneut besichtigt, sie ist der Anstoß für alles weitere.
Drei Monate später leidet Tong Fei immer noch an den Folgen seines Handelns. Dem Gangsterboss Cheung Yat-Tung (Philip Keung), den er damals dingfest machen konnte, soll nun der Prozess gemacht werden. Die zuständige Staatsanwältin ist Ann Gao (Zhang Jungchu), gleichzeitig die Mutter jenes Mädchens, das damals starb. Hier muss Kollege Zufall schon mal einige Überstunden schieben, damit diese Verbindungen zustande kommen, denn so viele Querverbindungen sind in Wanne-Eickel schon wahrscheinlicher als in einer Millionenstadt wie Hongkong, zumal man sich fragen muss, ob Ann in der Realität jemals mit dem Fall betraut worden wäre, angesichts der Umstände. Jedenfalls hat Frau Staatsanwältin nicht nur eine ordentliche Wut auf Tong Fei, sondern auch eine zweite Tochter namens Ling (Wong Suet-Yin).
Der schlagende Beweis gegen den Schurken sind Blutspuren. Um Ann zu erpressen, setzen die Schergen des Gangsterbosses den Mann fürs Grobe Hung King (Nick Cheung Ka-Fai) auf Ling an. Der einäugige Handlanger entführt das Mädchen. Da Ann sich nicht an die Polizei wenden darf, Tong Fei allerdings von der Entführung Wind bekommt, will er Ling auf eigene Faust retten…
„Beast Stalker“ erinnert ein wenig an das Kino von Michael Mann: Zwei Männer auf verschiedenen Seiten des Gesetzes, beide Profis, beide gebrochene Typen. Tong Fei ist die eher ausbuchstabierte Figur, wird über seine Anfangstrauma heraus jedoch kaum entwickelt: Er will Wiedergutmachung für seinen Fehler, folgt deshalb Ling als Schutzengel, kann die Entführung zwar nicht verhindern, aber erfährt zumindest davon. Über Hung King bleibt man lange Zeit im Dunkeln: Der führt Befehle aus, hat aber auch eine schwerkranke Frau, Li (Miao Pu), daheim, die kaum mehr als ihre Augen und ein wenig ihre Hände bewegen kann. Er selbst ist einem Auge komplett, auf dem anderen farbenblind, wie eine Sequenz aus seiner Perspektive verdeutlicht. Es gibt Momente der Annäherung mit der entführten Ling, vor allem eine sehr gelungene Szene mit den Pillen für seine Frau, doch über weite Strecken lässt der Film offen, ob es sich bei Hung King um einen jener Gangster mit Ehrenkodex oder doch nur um einen Handlanger mit Resten von Menschlichkeit handelt. Erst als Nachklapp zum eigentlichen Finale liefert das Drehbuch von Regisseur Lam und Wai-Lun Ng weitere Erklärungen zu Hung King und seiner Frau, doch das ist dann viel zu spät, um runde Charaktere aus ihnen zu machen. Zumal das Querverbindungskarussell noch eine Strecke weitergedreht wird, was aber weniger wie ein Aha-Effekt, sondern eher wie eine extreme Strapazierung des Zufallsprinzips wirkt.
Auch sonst will das Drama kaum funktionieren, da Regie und Drehbuch wenig daraus zu machen wissen. Sowohl Tong Fei als auch Ann werden von Schuldgefühlen angetrieben, was aus dem Plot schon mehr als klar ist, doch „Beast Stalker“ gibt beiden nochmal jeweils einen Monolog an die Hand, in dem sie für die Dummen im Publikum nochmal erzählen müssen, dass sie Schuldgefühle haben. Tong Fei kriegt im Finale einen weiteren Monolog, indem er das Offensichtliche nochmal tränenreich ausbuchstabieren darf. Hinzu kommen Nebenfiguren, die kurz ihren Senf dazu geben, aber kaum etwas zur Handlung beitragen: Michael darf kurz beklagen, dass Tong Fei ihn die Beförderung gekostet hat, hilft dem Cousin dennoch und verschwindet danach mehr oder weniger aus dem Film, Tong Feis Partner Sun (Liu Kai-Chi) hingegen musste die Beförderung mit einer Verletzung bezahlen, wird vom Film aber nur sporadisch eingesetzt. Auch darstellerisch ist das unterschiedlich gut: Nicholas Tse wechselt abrupt zwischen unterkühlt und übertrieben dramatisch, Zhang Jingchu agiert eher klischeehaft, während Nick Cheung Ka-Fai und Miao Pu mit nuanciertem, komplexem Spiel auffallen – und das, obwohl letztere fast nur ans Bett gefesselt agiert.
Als Thriller ist das Ganze begrenzt spannend, denn selten schlägt Lam wirklich viel Potential aus dem Stoff. Hin und wieder treibt er den Puls hoch, etwa wenn es darum geht, ob Ling Schlimmes zugefügt wird, um ihre Mutter anzutreiben, oder wenn die Vernichtung des Beweismaterials in greifbare Nähe rückt. Dabei bietet die Prämisse auf dem Papier ja reichlich Nervenkitzel: Das Zeitlimit ist knapp, die Ressourcen der Polizei stehen offiziell nicht zur Verfügung, jedes Zuwiderhandeln könnte mit Lings Tod enden. Doch das Verstreichen der Zeit ist kaum bemerkbar, Tong Fei kennt immer noch die richtigen Helferlein bei der Polizei, wenn er anders nicht weiterkommt, und immer dann, wenn es eng für Ling aussieht, zeichnet sich der Ausweg für die Kleine ab.
Bleibt dann noch die Action, die sich weg vom Exzess bewegt, für den viele Fans die goldene Ära des Hongkong-Kinos schätzen. Hier orientiert sich Dante Lam an gesetzteren, realistischeren Vorbildern, was durchaus zum Ton des Films passt, aber auch den Schauwerte-Faktor merklich nach unten pegelt. Mit der Verfolgungsjagd und den Autocrashs zu Beginn hat man das Beste quasi schon gesehen, ansonsten gibt es einzelne Stunts wie einen Sturz aus einem fahrenden Krankenwagen und die Begegnungen zwischen Cop und Killer, die aber ein rohes Aufeinander-Einschlagen zweier verzweifelter Männer sind. Das passt zu den Rollen, das passt zum Ton des Films, ist als Action aber nicht allzu aufregend, sodass „Beast Stalker“ auch hier nicht groß punkten kann.
So kann Dante Lams Mix aus Action, Drama und Thriller in keiner Disziplin so richtig punkten, auch wenn er solide inszeniert ist. Die großen Schauwerte fehlen, die Prämisse ist auf dem Papier spannender als in der Umsetzung und das Drama funktioniert trotz interessanter Ansätze nur so semi, da einige Figuren zu spät richtig entwickelt werden, andere dagegen früher, aber auch hölzerner. „Beast Stalker“ bleibt so ein Film der verschenkten Möglichkeiten.