Macht Blut zu Wein und MTV zum Petersdom
Um die Jahrtausendwende boomten Schocker mit okkult-religiösen Inhalten. Von Altregiemeistern wie Polanski bis zu neuen Hoffnungsträgern wie Shyamalan, von Actionikonen wie Schwarzenegger bis zu Megastars wie Pacino - nahezu jeder, ob gläubig oder nicht, bekam es mit dämonisch-weltzerstörischen Kräften zu tun. Mal subtil, mal bombastisch. Mal toll, mal oberflächlich. Oft genug in den damals angesagten MTV-Look getaucht, um auch die Jugend nicht von den Kinosälen fern zu halten. „Stigmata“ ist ein Paradebeispiel dieser Epoche zwischen Millenniumsangst und Glaubenskrise - ein eher wissenschaftlich ausgerichteter Vatikanangestellter muss plötzlich aufgetauchte Stigmatazeichen auf Körper und Seele einer jungen Frau untersuchen, die ihm wenig christlich oder heilig vorkommen…
Löcher in die Hände, Wochenende
Von Regisseur Rupert Wainwright hat man (zurecht?) nach dem unsäglichen „The Fog“-Remake nichts mehr gehört - mit „Stigmata“ hat er zuvor aber durchaus noch ein erfolgreiches und effektives Ausrufezeichen hinterlassen. Gabriel Byrne geht in teuflischen Gefilden eh immer, Patricia Arquette nimmt man die Märtyrerin absolut ab. Die Jahrtausendwende, der mögliche Untergang der Technik sowie Menschheit, eine Megakrise der Kirche - alles ist total spürbar und Zeichen seiner Zeit. Viel besser als „Stigmata“ kann man die späten 90er kaum in Bilder fassen. Was Pro wie Contra zugleich ist. Solange man das nicht allzu ernst oder gar für bare Münze nimmt, passt das schon. Als Hochglanztrash, als Entertainmentmesse, als Popcornprophetenparty. Egal ob man mit Logik oder Glauben, Schrift oder Intelligenz an die Sache herangeht - es bleibt genauer betrachtet aufgeblasener Bullshit und ein Script, wie von einem Neuntklässler. Dennoch ist die Umsetzung schmissig und ungeniert genug, um seinen Spaß und die ein oder andere schmunzelnde Gänsehaut zu haben. Banane, banal - aber belustigend? Und wenn man will, dann kann man aus dem Ganzen auch noch einige Spitzen gegen und heftige Kritik an der Kirche herauslesen. Ob das aber irgendjemandem der Beteiligten wirklich wichtig war, ist sehr fraglich. Aber die Heimlichtuerei, die Heuchlerischkeit und Abgehobenheit der Kirche bleiben damals wie heute ein akutes Thema. Und jeder der diese sture und unanpassungsfähige Institution auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass das wahrscheinlich auch zur nächsten Jahrtausendwende noch Themen seinen werden… Aber allein das hier angerissener „Thomas-Evangelium“ ist genug interessanter Stoff der Mythen und Diskussionen, Nachforschungen und Erkenntnisse.
Fazit: flotter, frecher und stylischer Okkultgruselthriller mit großen Namen, schamlosen Effekten, klasse Soundtrack und gutem Tempo - es gibt wesentlich schlechtere „Teufelsfilmchen“ rund um das Millennium!