Mit leichten Spoilern!
Ist zwar jetzt schon ein paar Tage her, aber ich weiß noch immer nicht so recht was mit "Vanilla Sky" anfangen. Vielleicht sollte man es einfach in Einzelheiten beschreiben, so wird dann doch ein Gesamteindruck draus.
Die Storyline ging ja schön mysteriös eingebettet durch alle Zeitungen: Jungstrahlemannverleger legt Frauen en gros flach, verliebt sich endlich richtig, seine verschmähte Bettfreundin rast mit ihm im Auto von einer Brücke und sein Gesicht ist daraufhin richtig hin. Aber gleichzeitig ist der Gute auch des Mordes angeklagt und erzählt seine Geschichte für den Zuschauer und während seiner Genesung/Wiederherstellung geschieht Mysteriöses um ihn herum...
Cameron Crowe ist nun ein wirklich begabter Filmemacher und er holt das Maximum aus der Story heraus, wenn denn nun schon Tom Cruise die Hauptrolle spielt. Als Appetizer gibt es erst mal die vielgerühmte Traumszene mit dem leer geräumten Time Square, dann tauchen wir ein weiteres Mal in das Zahnpasta-Lächeln-Universum des Mr.Cruise, komplett der Upper-Class-Yuppie-Hero, der seine Lektion noch lernen muß.
Natürlich trifft der Leichtlebige die Frau seines Herzens und soweit geht die Story auch flott voran. Das Einbringen der zweiten Erzählebene, nach der ein hinter einer Rekonvaleszenzmaske versteckter Tom, des Mordes angeklagt, die Geschichte mit seinem Psychiater (Kurt Russell mal ganz anders und sehr gut dazu!) aufarbeitet, bringt den Film in die Nähe des Thrillers, denn man erwartet unwillkürlich Erpressungen, Drohungen und Mord, doch widmet sich der Film dann erst einmal breitestgehend dem Leidensweg Cruises als Unfallopfer, seinem Verstecken, der Annäherung an seine Geliebte Penelope Cruz und die eigenen Veränderung und Zurückweisung.
Das ist alles durchaus interessant, aber im Zusammenwirken mit dem nächsten Abschnitt, seiner psychischen Zerrüttung, den Visionen vom immer noch zerstörten Gesicht, dem Wiederauftauchen der bereits toten Cameron Diaz, dem Austausch von Diaz und Cruz, der in punkto Mystery für einige Hüpfer gut ist, dauert das alles zu lange. Während die Mystery-Freaks längst schon abgelenkt sind, dürfte für das Cruise hörige Mainstreampublikum dieser Dreh zu herbe sein.
Von diesem Punkt entwertet sich der sorgfältige Charakteraufbau leider total, denn von nun an kennt der Film und der Zuschauer nur noch ein Thema: was geht hier vor, was ist der Dreh, wann kommt der Dreh?
Wenn er dann schließlich kommt, erweist er sich als pure SF, schön bebildert und nicht halb so grauenhaft, wie man zunächst glauben mag. Eine schöne Phantasie, sicherlich, untermauert aber kaum den Restfilm, findet aber immerhin einen interessanten Schluß.
Das ist jedoch eine persönliche Ansicht, weniger in SF bewanderte Zuschauer dürften sich ob des Traum-Themas doch arg vor den Kopf gestoßen fühlen, nicht zuletzt durch die allerletzte Einstellung, die alles bisher Gesehene noch einmal in Frage stellt, ob nicht sogar alles ein Traum war. Diskussionsstoff allemal.
Wer den visuellen Flow schätzt, wird durchaus auf seine Kosten kommen, ansonsten wäre die Frage interessant, auf welcher Basis der Film seine 200 Mio. USD weltweit eingespielt hat. Nur der Name Cruise (der hier übrigens mit einer anderen Synchronstimme aufwartet) kann es auch nicht ziehen, der Schlußgag an sich ist nach all den überdeutlichen Erwähnungen rund um den eingefrorenen und wieder aufgetauten Hund (dreimal im Film) ebenfalls von den Aufmerksamen vorauszuberechnen.
Qualitativ ist der Film jedoch durchaus genießbar, genießbarer als so manches andere von Onkel Tom, denn Crowes Regie und ein verdammt starker Supportcast halten das Niveau hoch. Trotzdem will dieses Genregemisch nicht auf ganzer Linie überzeugen, dafür mischen sich zu viele Töne ineinander. Aber vielleicht sind wir auch nur zu sehr von Hollywood konditioniert, um noch so offen zu sein. (6/10)