Alltagsnahe Stoffe entwickeln sich oft und gerne überraschend zu Straßenfegern. Kleine Geschichten wie “Ein letzter Kuss” können nun mal grundsätzlich keinen Erfolg kalkulieren wie ein großflächiger Blockbuster, weil die Variablen zu unbestimmt sind: das Publikum muss den Stoff zuerst mal annehmen. Bringt man eine sündhaft teure Science-Fiction-Oper auf die Leinwand und lässt sie von den Besten der Besten realisieren, so ist schnell vorhergesagt, welches Einspiel zu erwarten ist. Doch Geschichten, die der Zuschauer tagein, tagaus am eigenen Leib erfährt, bergen stets einen gewissen Nervenkitzel für Regisseur und Produzenten: Ob nämlich der Nerv der Zielgruppe getroffen wurde, erfährt man erst ab Veröffentlichung.
Gabriele Muccinos vierter Film ist in Italien ein Publikumsrenner geworden, eine Sache, die noch gar nicht feststehen konnte, als gedreht wurde. Tony Goldwyns Remake barg dann weniger Risiko, schließlich konnte man sich auf den Erfolg des Originals berufen und so suggerieren, dass der Stoff sehenswert sein muss. Insbesondere, wenn er von jenem Darsteller getragen werden sollte, der gerade mit “Garden State” Aufsehen erregt hatte. Über diesen Luxus verfügt der italienische Film nicht - er ist von seiner Anlage her exakt so groß wie seine Zuschauer und deren “persönliche Filme” aus ihrer eigenen Erfahrung...
...so groß nämlich wie das Leben selbst. Muccino widmet sich ausschließlich der Normalität, indem er einfach ein Stück Sozialität des menschlichen Daseins begutachtet, und zwar vorrangig das der Liebesbeziehung. Ohne dabei aber auch nur einen Hauch von Gedanken daran zu verschwenden, mit der Darstellung von Beziehungsproblemen irgendwas auszusagen. Es geht eigentlich nur um die Wiedererkennung bekannter Situationen. Sind diese einmal vom Zuschauer identifiziert worden, so wird es zur Aufgabe des Films, ihnen eine versteckte Anmut zu verleihen, die aus ihnen selbst scheint. Ohne lästige Subtexte oder sonstige über- oder untergeordnete Lesarten.
Folglich passiert nicht wirklich viel, es muss zum Antrieb der Dramaturgie niemand getötet werden und selbst Sex benötigt das Drehbuch nicht immer, um etwas Bestehendes zwischen zwei Menschen zu zerstören. Der Film verstößt sozusagen gegen eine Grundregel des Filmemachens: Zeige nur, was von Relevanz ist. Und doch blüht die Leinwand von Leben, ausgeschüttet durch das ehrliche Figureninterieur, die plausiblen Situationen und den gelungenen Antagonistenwechsel. Obgleich Stefano Accorsi wohl als Hauptdarsteller bezeichnet werden muss, ist der Film drauf und dran, vielmehr ein episodenhaftes Ensemblestück zu sein.
So spricht Accorsis Figur einmal gar davon, dass die unglückliche Situation, in der sich die Beteiligten befinden, weder seine Schuld ist noch die seiner Frau oder die des Mädchens, mit dem er gerade spricht - es sei nun mal einfach so, wie es ist. Losgelöst von den Individuen verkauft das Drama die Probleme im sozialen Miteinander als menschliches Naturell.
Warum aber nun solche Dinge im Film zeigen, könnte man fragen, wenn dieser Film nichts Besonderes zeigt, nichts, das man nicht bereits aus eigener Erfahrung kennen würde?
Möglicherweise deswegen, weil der schweifende Blick der Filmkamera einen Blickwinkel anbietet, über den man in der wirklichen Welt nicht verfügt. Man schaut auf bekannte Szenarien hinab, erstmals aber nicht aus dem eigenen, subjektiven Blickwinkel, sondern als Beobachter. Und die Geschehnisse nehmen plötzlich eine ganz andere Gestalt an. Mit etwas Distanz beginnt man, sie zu begreifen. Der Regisseur muss dazu keine Stellung beziehen, obwohl er von dieser Möglichkeit gegen Ende leider doch ein wenig Gebrauch macht; er muss sich bloß einfühlen in die Geschichte und sie sachlich nacherzählen. Dies gelingt, engagierter Darsteller zum Dank. Auch wenn ganz klar ist, dass sich in dieser Kleinigkeit bereits der ganze Sinn von “Ein letzter Kuss” erschöpft.