„Bis dass der Tod euch scheidet…“
Der am Neujahrstag des Jahres 1978 erstausgestrahlte „Tatort: rot.. rot.. tot“, der achte Fall des schwäbischen Kriminalhauptkommissars Lutz (Werner Schumacher), entstand nach einem Drehbuch Karl Heinz Willschreis unter der Regie Theo Mezgers, der beinahe alle Lutz-Episoden inszenierte.
„Musst du dir beweisen, dass du eine Frau bist?“
Konrad Pfandler (Curd Jürgens, „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“), ein wohlsituierter Versicherungsmathematiker, lebt mit seinem Sohn Uwe (Christian Berkel, „Der Mädchenkrieg“) und seiner zweiten Ehefrau Julia (Renate Schroeter, „Tatort: Taxi nach Leipzig“) auf dem vornehmen Stuttgarter Killesberg. Und er leidet: Seine Frau, eine deutlich jüngere Füchsin, stürzt sich mit Vorliebe ins Nachtleben und betrügt Konrad mit zahlreichen anderen Männern, woraus sie nicht einmal einen Hehl macht. Sein Sohn hingegen scheint des Lebens eher überdrüssig und ertränkt seine Gefühlswelt in Alkohol. Eines Tages reicht es Konrad und er beschließt, Julia umzubringen. Um es wie die Tat eines Serienmörders aussehen zu lassen, der es ausschließlich auf Rothaarige abgesehen hat, wird er zum Serienmörder, der in kurzen Zeitabständen zunächst zwei vollkommen unschuldige Rothaarige ermordet. Dann geht es Julia an den Kragen. Kommissar Lutz fehlt derweil lange der richtige Zugang zu dieser Mordserie…
„Wir müssen jeder Spur nachgehen!“
Der erste Mord wird gar nicht erst gezeigt, der zweite auch nicht, das daraus resultierende Whodunit? ist jedoch höchstens halbgar: Alles spricht für Konrad als Täter, der es dann frei jeglichen Plottwists auch einfach mal ist. Immerhin darf man eine Weile hinsichtlich seines Motivs im Dunkeln tappen. Dies ist jedoch auch dem idiotischen Plan des ach so manierlichen und intelligenten Konrads geschuldet, auf den man erst einmal kommen muss. In Sachen Idiotie steht ihm die Polizei indes in nicht allzu viel nach, denn obwohl beide Mordopfer aus seinem Umfeld stammen – die Friseurin der Frau seines bestens Freundes, die am selben Tag in dessen Wohnung war wie er, und die Freundin seines Sohns (!) –, tappt Kommissar Lutz so lange im Dunkeln, dass er auch den Mord an Julia letztlich nicht zu verhindern imstande ist.
„Du warst immer so klug…“
Immerhin findet dieser Mord einmal onscreen statt. Zuvor und im Anschluss jedoch ist die Handlung derart dröge und tempoarm inszeniert, dass sie manch Vorurteil gegenüber alten deutschen TV-Krimis bedient. Und statt sich näher mit der Täterpsychologie auseinanderzusetzen, wird Konrad ausgiebig beim Klavierspielen gezeigt. Immerhin beherrscht er dies virtuos. Die Polizei rennt nur hinterher und kommt überall zu spät, bezeichnenderweise sogar ganz am Schluss, als der Täter endlich überführt ist. Punkten kann diese Episode mit Curd Jürgens‘ Schauspiel, der immerhin viel in Konrads Mimik legt, und dem Nihilismus des Sohns Uwe, aus dem man jedoch weit mehr hätte machen können. Was offenbar als Abgesang auf ein alterndes, langweilendes Bildungsbürgertum konzipiert war, wurde ein mindestens ebenso hüftsteif wie sein Antagonist anmutendes Fernsehspiel, das zudem leider dessen Virtuosität auf jeglicher Klaviatur vermissen lässt.
Am Ende dürfte im Publikum Verständnis für Julias Verhalten entstanden sein: Wäre ich mit jemanden verheiratet, der oder die, nur um sich an mir zu rächen, auch über ganz andere Leichen gehen und sogar eiskalt die Freundin seines oder ihres Sohns ermorden würde, würde ich auch lieber jemand anderes vögeln. De facto wird natürlich eine gewisse Mitschuld Julias suggeriert, immerhin vollzieht sie keine klare Trennung und lässt sich weiter von Konrad aushalten – obwohl sie offenkundig nichts mehr für ihn empfindet, bzw. wenn überhaupt, dann Verachtung.
Dass ausgerechnet dieser „Tatort“ mit seinem eigenwilligen Titel den Zuschauerrekord bei der Erstausstrahlung hält, ist vielleicht das größte Kuriosum dieses Falls, das auch Lutz nicht lösen konnte…