Review

„Is dis ä Kreuz mit de Kinder heutzutag‘!“

Fall Nummer 10 des schwäbischen Kriminalhauptkommissars Lutz (Werner Schumacher) entpuppt sich als Kriminaldrama, das innerhalb einer dysfunktionalen Familie angesiedelt wurde. Wie fast alle Lutz-Episoden der öffentlich-rechtlichen Krimireihe wurde auch dieser „Tatort“ von Regisseur Theo Mezger inszeniert, der ein Drehbuch Peter Scheiblers vorliegen hatte. „Kein Kinderspiel“ wurde am 13. Januar 1980 erstausgestrahlt, ist demnach noch im Jahre 1979 entstanden.

„Ich befürchte immer das Schlimmste und meistens trifft es ja auch ein.“

Die zehnjährige Stefanie Wolf (Julia Hainzl) lebt mit ihrem Vater Rainer (Karl-Heinz von Hassel, der spätere „Tatort“-Kommissar Brinkmann) und ihrer Stiefmutter Roswitha (Angelika Bender, „Die Halde“) zusammen, hat aber den Tod ihrer leiblichen Mutter nie verkraftet. Sie schlägt aus der Art, was sich in problematischem Sozialverhalten, Schulschwänzen und Herumtreiberei ausdrückt. Roswitha lehnt sie als neue Mutterfigur ab, was deshalb delikat ist, weil Rainer Wolf sie vornehmlich geheiratet hat, damit sie eben diese Rolle ausfüllt. Als Stefanie eines Tages verschwindet, verständigt Rainer Wolf am Abend die Polizei. Diese schaltet eine Vermisstenmeldung im Rundfunk, in deren Folge Stadtstreicher Manfred Aulich (Werner Schulze-Erdel, „Tatort: Schlussverkauf“) verhaftet wird, der in dringendem Tatverdacht steht, weil er Stefanies Schulranzen mit sich führt. Doch er behauptet, das Mädchen gar nicht zu kennen und den Ranzen auf einer Müllkippe gefunden zu haben. Kurz darauf wird Stefanies Leichnam gefunden. Die Ermittlungen Kommissar Lutz‘ und seines Assistenten Wagner (Frank Strecker) fördern zwei weitere verdächtige Personen zutage…

Dieser in Heilbronn spielende „Tatort“ beginnt wie ein Kinderfilm, da er sich zunächst auf Stefanie fokussiert. Diese ist ein aufgewecktes, freches Kind, von dessen familiären Problemen man erst nach und nach erfährt. Aus Abenteuerlust springt sie bei einem Müllwagen auf und fährt ein Stück mit, was einige Aufregung in der Innenstadt verursacht und wobei der Fahrer des Wagens auf sie aufmerksam wird. Als nach ihrem Verschwinden einmal mehr der spätere Fernsehmoderator Werner Schulze-Erdel auf der Bildfläche erscheint, kratzt dieser in seiner Rolle als Verdächtiger am Overacting, bekommt aber bald zwei weitere Tatverdächtige zur Seite gestellt, zu denen auch der Müllwerker zählt. Daraus bezieht diese Episode zum einen ihre (leidliche) Spannung, zum anderen nutzt sie diesen Umstand aber auch, um falsche Verdächtigungen – insbesondere in einem derart pikanten Fall – zu problematisieren.

Eine erste Wendung ist die Frage, ob es sich statt um Mord möglicherweise um einen Suizid des Mädchens gehandelt haben könnte. Und eine weitere Wendung folgt etwas später, was sich jedoch aufregender liest, als es ist, denn „Kein Kinderspiel“ ist unheimlich langatmig erzählt. Nach diversen Einblicken in Stefanies Familie, insbesondere tiefergehende Erkenntnisse das Leben ihrer Stiefmutter betreffend, bietet ein Tagebucheintrag Stefanies Aufschluss – womit dieser Fall auf etwas arg simple Weise gelöst wird. Werner Schumacher als Kommissar Lutz bemüht sich diesmal, etwas weniger unterkühlt, dafür einfühlsam zu wirken. Das klappt eher mittelprächtig, Lutz bleibt eine recht distanzierte Kommissarsfigur. Noch unterkühlter wirkt indes tatsächlich die medikamentenabhängige Stiefmutter Roswitha, die von Angelika Bender insofern gut gespielt wird, als sie einem tatsächlich latent narkotisiert erscheint.

Schade nur, dass dieser ganze „Tatort“ mit seinen mehreren vielversprechenden Ansätzen wie auf Morphium wirkt und daher nicht wirklich für einen spannenden Krimiabend geeignet ist – zumal die schwäbische Erwachsenenwelt, die nach Stefanies Verschwinden den Fall dominiert, unfreiwillig trist und bedrückt erscheint – sodass sich fast die Frage stellt, weshalb man hier überhaupt erwachsen werden wollte…

Details
Ähnliche Filme