„Wollen Sie sich etwa beschweren?!“
Der 13. Fall des Stuttgarter Kriminalhauptkommissars Eugen Lutz (Werner Schumacher) verschlug ihn und seinen Assistenten Wagner (Frank Strecker) in die Halb- und Unterwelt der Schutzgelderpressungen. Der im Sommer 1982 gedrehte Fall wurde von Felix Huby und von Routinier Theo Mezger inszeniert, der damit seinen zwölften von insgesamt 16 Beiträgen zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe lieferte.
„Sie haben das Zeug zum Sozialarbeiter, Lutz!“
Ein Bauer ist gerade mit seinem Traktor im Schwäbischen Wald unterwegs, als er einen Campingbus mit den sterblichen Überresten des ermordeten Günther Happel findet und die Polizei verständigt. Kommissar Lutz und sein Assistent Wagner statten dem Campingplatz, auf dem Happel gemeldet war, einen Besuch ab und treffen dort auf den einschlägig polizeibekannten Alfons Kehl (Peter Lakenmacher, „Mutschmanns Reise“), der Happel sucht. Kehl steht im dringenden Verdacht, Teil einer Schutzgelderpresserbande zu sein, die sich seit Kurzem allerdings einer zahlungsunwilligen Klientel gegenübersieht, die vom griechischen Restaurantbetreiber Costas (Janis Kyriakidis, „Shirins Hochzeit“) und dessen türkischen Kollegen Önökyl (Meray Ülgen, „Tu was, Kanake“) angeführt wird. Unklar ist, welche Rolle Happel innerhalb dieser Gemengelage spielte – und da weder die Gangster noch die Gastwirte mit der Polizei reden wollen, suchen Lutz und Wagner den Musiker Peter Horn (Hartmut Reck, „Der längste Tag“) auf, der mit Happel befreundet war. In Kehls Vorgesetztem Sakowsky (Peter Ehrlich, „Die Moral der Ruth Halbfass“) findet man sowohl einen Verdächtigen als auch einen eventuell wichtigen Zeugen, während Wagner sich in Önökyls Tochter Aischa (Despina Pajanou, „Zwei verrückte Kinovögel“) verguckt…
„Was machen Sie denn hier?“ – „Eure Drecksarbeit!“
Direkt nach dem Leichenfund werden unkommentiert erste Maßnahmen der Spurensicherung gezeigt, um dem „Tatort“-Auftrag, realistische Einblicke in die Polizeiarbeit zu gewähren, nachzukommen. Auf dem Campingplatz wird man mit einem garstigen Platzwart konfrontiert, der dazu ein echter schwäbischer Geizkragen ist, sowie mit ersten Einblicken in die Sommermode der frühen ‘80er. Nein, Freunde seien sie nicht gewesen, gibt der wie ein Yuppie aussehende Kehl der Polizei Auskunft. Wie ein „Loddel“ sehe hingegen der in anderen Fällen inkognito ermittelnde Kriminalmeister aus, so attestiert es ihm zumindest Wagner. Jener Kriminalmeister taucht kurz in Lutz‘ Büro auf, wird aber seltsamerweise im weiteren Verlauf keine Rolle mehr spielen. So fungiert er lediglich als Hinweisgeber, der von Kehls Schutzgelderpressungen in der Gastronomie weiß, während der tote sich als bisher unbeschriebenes Blatt erweist.
„Komisch: Der heißt Horn und spielt Saxophon…“
In der Gastwirtschaft, die Lutz und Wagner daraufhin aufsuchn, traut man den deutschen Bullen nicht, dafür spielt dort aber eine Dixieland-Band. „Bei den Nazis wurde diese Musik verboten“, weiß Lutz. Saxophonist Horn kannte Happel und gibt Auskunft, wodurch dieser posthum charakterisiert wird. Kehl sei einer von Happels neuen Freunden gewesen, kein guter Umgang. Auf der Straße werden die Polizist anschließend von Punks (u.a. Dominique Horwitz, „David“) belästigt – typische Fernseh-Klischeepunks –, Lutz gibt ihnen trotzdem etwas Geld. Bei einer Attacke mutmaßlicher Schutzgelderpresser auf Önökyls Restaurant kommt ein wenig Action in die Episode, die offenbar mit Klischees aufräumen will: Die Schutzgeldmafia besteht aus deutsche Hintermännern, nicht aus Ausländern, Önökyl betreibt keinen Döner-Imbiss, sondern das Weinstüberl, seine Tochter Aischa spricht perfekt deutsch und studiert Germanistik – und scheint sich für Wagner zu interessieren. Darauf springt Wagner – Typ halb Mensch, halb Brille – auch rasch an, was zum einen oder anderen amüsanten Moment führt. Sie trägt schöne bunte ‘80er-Kleider, während Wagner sich eigens mit offenem Hemd aufdonnert, wenn sie für einen Besuch auf der Wache vorbeischaut. Doch so ganz koscher scheint auch sie nicht zu sein…
„Es gibt Sachen, mit denen ich allein fertig werden muss. Ganz allein!“
Happels Rolle bleibt lange nebulös, und dann kommt auch noch Sakowsky ins Spiel, ein krummer Hund mit Gangstervisage, aber junger Freundin, vermutlich auch türkischer oder griechischer Abstammung. Als Lutz am Wochenende in alb-traumhafter Kluft auf die Alb fährt, folgt Sakowsky ihm, um als potenziell wichtiger, aber auch unter Mordverdacht stehender Zeuge sich zu ent- und andere zu belasten sowie ihm einen Deal anzubieten. Wagner zeigt Aischa derweil eine Arbeitererholungsstätte, über deren Ursprung er ihr – und damit auch dem Publikum – berichtet. „Mord ist kein Geschäft“ ist lange sehr unterhaltsam und, wenn auch nicht einer klassischen Spannungsdramaturgie folgend, interessant erzählt. Je weiter er sich aber über verschlungene Umwege der Auflösung nähert, desto anstrengender wird es, der Figurenkonstellation zu folgen und Nebensächlichkeiten von Relevantem zu unterscheiden. Wer dranbleibt, lernt ein Elektronenmikroskop als modernes Ermittlungsinstrument kennen und wird – vermutlich interessanter – Zeuge einer dann doch noch gefährlichen Zuspitzung inklusive einer Entführung. Die Auflösung ist dann aber vielleicht doch ein bisschen zu sozial ausgefallen, denn man weigert sich, überhaupt einen wirklich Schuldigen zu finden.
Mit seiner über zehnminütigen Überlänge ist „Mord ist kein Geschäft“ insbesondere in der zweiten Hälfte etwas zäh ausgefallen. Lutz gibt hier den älteren, stets besonnenen und verständigen Ermittler, im Gegensatz zum permanent schwäbelnden Wagner spricht er reinstes Hochdeutsch. Die Vorzimmerdame (Annetraud Lutz) bei der Polizei wird wiederholt Opfer dummer Sprüche der Herren, möglicherweise ein Running Gag dieses „Tatort“-Zweigs. Lakenmacher hat als Kehl seinen verruchten Gangsterblick gut drauf. Despina Pajanou, die ich als herb maskuline Polizistin in „Doppelter Einsatz“ kennengelernt hatte, ist hier ein echter Hingucker als moderne Deutschtürkin. Jonas C. Haefelis funkige Musik erinnert in einem viel Zeitkolorit der 1980er transportierenden „Tatort“ zuweilen noch ans vorherige Jahrzehnt, wird dramaturgisch aber gut eingesetzt. Etwas gestrafft hätte dieser mit viel sozialem Gewissen versehene Fall ein richtig guter „Tatort“ werden können.