"Dracula" von Tod Browning wird gerne als klassische Verfilmung des Stoffes eingeordnet. Dem kann ich mich absolut nicht anschließen. Vor dem Hintergrund des 10 Jahre älteren deutschen Stummfilms "Nosferatu" von F. W. Murnau kann Brownings "Dracula" in keiner Hinsicht bestehen und wirkt mächtig angestaubt und hölzern. Abgesehen vom Filmanfang, der szenenweise (Fahrt übers Gebirge, Dracula als Kutscher) heftigst aus "Nosferatu" geklaut wurde! Auch die Leistung von Bela Lugosi wage ich ernsthaft zu hinterfragen. Mit tuntig geschminktem Gesicht und pseudo-diabolischem Grinsen scheint er die Rolle eher zu parodieren als sie ernstzunehmen. Schon der vermeintlich dämonische Tonfall, in dem er sich dem angekommenen Renfield (der hier gegen Harker eingetauscht wurde, Harker taucht erst später auf und verkommt zur Randfigur) als Dracula vorstellt, wirkt mit der gedehnten Aussprache und dem dicken Akzent unfreiwillig komisch. Darstellerisch hat mich am meisten Helen Chandler als Mina überzeugt - ihr finsterer Vampirblick ist hinreißend. Auch Edward van Sloan als Van Helsing ist überzeugend. Der mit stummfilmartiger Übertriebenheit agierende Dwight Frye als Renfield ist Geschmackssache.
Der Film versprüht zumeist das Flair eines bieder abgefilmten Theaterstücks. Außenaufnahmen sowie aufwendige Kulissen sind Mangelware. Mit den alptraumhaften Szenarien, der beängstigenden expressionistischen Architektur, in der Murnaus Film spielt, ist das absolut nicht zu vergleichen. Zudem sind während des ganzen Films weder Blut noch Vampirzähne zu sehen, was bei einer entsprechend suggestiven Kameraarbeit auch nicht tragisch gewesen wäre. Aber Browning hat die Beißszenen so gefilmt, dass gerade der Mangel an Mut zur expliziten Darstellung unübersehbar wird. Das Gesicht Draculas nähert sich überaus langsam einem Hals, Spannung baut sich auf, doch es wird immer verklemmt abgeblendet, bevor der Biss sich tatsächlich ereignet - der Horror bleibt bei einer so offensichtlichen Selbstzensur natürlich aus. Die Darstellung von Wundmalen oder ähnlichen Scheußlichkeiten wollte man dem amerikanischen Publikum natürlich ebensowenig zumuten. Stattdessen mutet man dem Zuschauer alle naselang herumflappende Gummifledermäuse zu, deren Gruselwirkung schon zur Entstehungszeit nicht allzu heftig ausgefallen sein dürfte. Auch auf der Ebene der "Spezialeffekte" war man in "Nosferatu" schon viel weiter gekommen.
Fazit: Ein Film, der die Möglichkeiten des Mediums nahezu gar nicht nutzt und daher seinem Ruf nicht gerecht wird.