Review

Aller Anfang ist schwer.
Selbst wer jetzt kein Fachmann auf filmischem Gebiet ist, weiß eigentlich, daß sich der Tonfilm gegen Ende der 20er Jahre recht flott gegen den Stummfilm durchsetzte und es dann nicht lange dauerte, bis die großen frühen Filmklassiker des Gruselfilms das Licht der Kinos erblickten. Frankenstein, Dracula, die Mumie, der Werwolf und King Kong, das sind heute Standards der Popkultur geworden - damals aber waren sie neu, frisch und skandalös; noch dazu ungemein gewalttätig, bisweilen sogar blasphemisch.
Geburtsort vieler dieser Figuren war Carl Laemmle jrs "Universal"-Studio, das seinerzeit als eher kleines Studio eine Marktnische eroberte und sich viele Jahre (wenn auch unter wechselnder Leitung) auf diesen einträglichen Lorbeeren ausruhte, bis man es in Billigproduktionen verramschte.
Aber manchmal ist selbst die Schändung einer eigenen Schöpfung gar nicht so monströs, wenn nämlich schon das Original nicht eben ohne Fehler auf die Welt gekommen ist. So etwas verklärt sich über die Jahre und Jahrzehnte und was 1930 vielleicht erotisch-abgründig-grauenhaft war, läßt schon wenige Jahre später nur noch ein Schulterzucken zu.

Einer der berühmtesten Fälle dieser Art ist "Dracula" von 1931, der den Namen Bela Lugosi weltberühmt machte und für den Darsteller Segen und Fluch zugleich bedeutete. Der Film spielt ungeheure Summen ein, bei Erstauswertung und Wiedereinsätzen, machte die Figur des transsylvanischen Vampirs zur Ikone und bewirkte auf ewig einen Ruf wie Donnerhall.
Allein, von heute betrachtet, aber auch inclusive Einfühlung in die damaligen Zeiten: Tod Brownings "Dracula" ist eigentlich eine furchtbare Enttäuschung.

Horrorfilme gab es schon vor Einführung des Tonfilms, die Deutschen errangen wahre Kunstfertigkeit in den ersten 30 Jahren des 20.Jahrhunderts und auch die Amerikaner haben so manchen Klassiker hervorgebracht, der zumeist dank der Fähigkeiten Lon Chaney sr.'s in Erinnerung blieb. Doch Brownings "Dracula" gilt in vielen Büchern als der wirklich historische Startschuß für den berühmten Blutsauger - ohne dabei zu erwähnen, daß es sich um einen bißarmen, blutleeren, zahnlosen (wortwörtlich) Streifen ohne eben die Qualitäten handelt, die man ihm in wertschätzender Erinnerung wohl unterstellt.

Probleme und Schwächen gibt es in diesem Film viele, Stärken durchaus auch, aber letztendlich verblüfft es wohl im Rückblick, wie ein so dröger und zäher Film ein solches Echo hervorrufen konnte.
Eins der Hauptprobleme ist und bleibt wohl das Drehbuch, das im Grunde überwiegend auf dem Theaterstück nach Bram Stokers Roman, statt auf den Stärken der Vorlage selbst basierte. Das Stück war 1927/28 ein solider Erfolg am Broadway gewesen und hatte Lugosi bekannt gemacht, doch obwohl anders Murnau 1922 mit "Nosferatu" die Amerikaner tatsächlich die Rechte an Stokers Roman für die Verfilmung erworben hatten, konzentrierte sich die Arbeit der Heerscharen von Autoren hauptsächlich auf das Stück von Garrett Ford. Wie es für Bühnenstücke üblich ist, mußte dort auf die vielen optischen Einfälle und typischen Filmtricks verzichtet werden und das Meiste blieb der Phantasie der Zuschauer überlassen, dafür wurden die Figuren und ihre Beziehungen sowie der unterschwellige erotische Aspekt mehr betont.

Die Filmfassung übernimmt so die Elemente des Stücks, verbessert sie aber nur unwesentlich um einige ausstattungstechnische Feinheiten und diverse wirklich beeindruckende Bauten, ansonsten wird aber fast jeder Trick, der möglich gewesen wäre, vermieden. Es gibt keine Verwandlungen, keinen Vampir in Wolfsform, keinen Nebel und die Fledermaustricks sind selbst für 1930 deutlich unter dem Standard für billige Effekte. Teilweise verschlankte man sogar die im Stück enthaltenen Tricks und ersparte sich auch noch Renfields Rattenarmee.
Dazu kam noch, das für die Zensur offenbar vorsichtshalber die meisten im Skript noch erwähnten Attacken des Vampirs, wie z.B. auf die Schiffsbesatzung nur in gedruckter Form vorliegen, allerdings nicht in der Filmversion vorliegen.

So ahnt man schon - ich erwähnte ja, wortwörtlich - daß man in dieser Filmversion eigentlich nichts zu sehen bekommt, was "Dracula" eigentlich ausmacht. Einen einzigen Tropfen Blut (Renfields Schnitt am Papier), keine Vampirattacke, keinen einzigen Biss, kaum einmal den Ansatz und vor allem darf Lugosi auch keine Zähne zeigen, das alles wird peinlich genau vermieden. Aus heutiger Sicht ist allein visuell (wie gesagt, von den Bauten abgesehen) über weite Strecken absolut blutleer.

Das wird noch verstärkt durch andere Elemente, die nicht nur in dem drögen und textlastigen Drehbuch begründet liegen, sondern auch in der noch faderen Theaterregie Tod Brownings, dem nicht vorhandenen Tempo, der Unausgewogenheit gewollter humorvoller Einlagen und der ungebremsten Erklärungswut, besonders im Falle von Gegenspieler Van Helsing.
Browning inszenierte die Behäbigkeit der Theatervorlage mit und ließ besonders den Gegenspieler des Vampirs, dargestellt von Edward van Sloan in epischer Breite die Merkmale des Vampirismus immer und immer wieder aufzählen und unterstreichen, bis der Film fast einrostet. Wenig hilfreich war ergänzend dazu Lugosi individuelle Vorliebe, zusätzlich zu seinem nicht sonderlich akzentfreien Englisch (ein Detail, das in der deutschen Fassung natürlich ausgemerzt wurde), sich ganz auf seine beeindruckende Ausstrahlung zu verlassen und dazu ein geradezu enervierend langsames und gediegenes Gehabe darzubieten, das sich im Film allerdings in schleppender Langsamkeit niederschlägt, wann immer die Figur Draculas sich zu bewegen hat.

In der Anfangssequenz auf dem Schloß in den Karpaten (Stück und Film optionierten hier inhaltlich für eine Abkehr vom eigentlichen Roman, indem nicht Jonathan Harker, sondern Renfield nach Transsylvanien reist), wenn Dracula seinen Gast bewirtet und gleichzeitig in seinen Bann schlägt, ergibt das einen irritierenden Wechsel zwischen den weltberühmten Textzeilen ("Ich trinke niemals...Wein!", "Hört nur die Kinder der Nacht...") und Momenten, in denen Lugosi Zentnergewichte an den Schuhen zu haben scheint, um sich von A nach B zu bewegen.
Die Nahaufnahmen von Lugosis Gesicht, mit speziell beleuchteter Augenpartie, wirken dabei immer noch beeindruckend, aber schon das Zusammenspiel mit Dwight Fryes "Renfield", dessen Übergang von scheuen Angestellten zum augenrollenden Wahnsinnigen mit stummfilmhaft expressionistischen Mienenspiel noch zu den gruseligsten Momenten des Films gehört, ist von beeindruckender Unebenheit. In diesem Fall helfen noch die Decors, das spinnenwebenverhangene Schloß (im Gegensatz zu den unbeweglichen Plastikspinnen und den bereits erwähnten lächerlichen Fledermauseffekten), aber sobald sich die Handlung nach London verlagert, verharrt der Film in episodischer Stasis.

Von da an steht man zwischen den endlosen Aufklärungen Van Helsings und den wenig beeindruckenden Leistungen von Harker und Mina, die kaum ausgefeilt genug erscheinen, um das Interesse wirklich zu wecken. Das hastige Dahinscheiden von Lucy Westenra, die später kurz als weiße Frau durch die ländliche Umgebung wandelt (ohne das ihr vampirisches Schicksal aufgelöst würde), ist genauso ohne dramatische Schwere wie das wiederholte, anscheinend beliebige Entkommen Renfields aus seiner Zelle im Irrenhaus, das zumeist von einem lustig gefärbten Wärter unterstrichen wird.
Da Dracula nach der Einleitung in den Karpaten immer mehr zur Nebenfigur in seinem eigenen Film wird - eine tiefere Motivation, Absicht oder andersweltliche Emotion wird ihm nicht mitgegeben - kann Lugosis Präsenz nur selten durch dauernde Textschwere durchscheinen und kommt erst in den imposanten Bauten von Carfax Abbey, wo das Finale spielt, wieder zum Tragen. Die große freie Innentreppe, auf der Renfield schließlich seinen Meister und die von ihm verehrte Mina konfroniert, ist das imposante Beispiel dafür, wie intensiv der Film hätte werden können, wenn er nicht so trocken und handzahm umgesetzt worden wäre. Der Beweis ist der wenig überraschende Höhepunkt, an dem Van Helsing praktisch im Off den Blutsauger pfählt, während sich die Liebenden in die Arme fallen - hier erreicht die Auslassung sämtlicher Schauwerte wirklich eine Annäherung an das langweilig Banale.

Aufgrund seiner verschiedenen Qualitäten und Lugosis Präsenz wurde der Film trotzdem zum Kassenschlager, aber wer heute unbeleckt an den Film herangeht, sich aber in der Literatur informiert hat, wird sicher höchstens aus nostalgischen Gründen nachvollziehen können, was die Massen an diesem eher braven Film so verstört hat. Eine gute Kamera (von Karl Freund, der auch teilweise Co-Regie führte) und die wunderbaren Bauten sind auch heute noch imposant, aber sonst bietet der Film entweder nur solide Hausmannskost ohne Biss (Sakrileg für einen Vampirfilm) oder anachronistisch, zumindest aber noch nicht ausgereift, was die Möglichkeiten des Tonfilms anging (der Originalsoundtrack ist so unauffällig und oft abwesend, daß Philipp Glass fast 70 Jahre später einen neuen komponieren dürfte). James Whale, obgleich nicht perfekt, machte mit "Frankenstein" bald darauf viele Fehler dieses Films wieder wett und schuf eine geschlossenere Atmosphäre, litt aber nicht mehr unter einem uninteressierten Regisseur und trockener Textüberladenheit.
Zur Vollständigkeit der Filmgeschichte sollte man "Dracula" auf jeden Fall gesehen haben, mit einem Klassiker oder Meisterwerk aus der Frühphase des Horrorfilms sollte man ihn aber eher nicht verwechseln. Das klassische Dunkel hat hier zu wenig lichte Momente. (4/10)

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