"Dracula" ist in filmhistorischer Hinsicht einer der Klassiker des Horrorfilms und der amerikanischen Filmgeschichte generell. Der 1931 entstandene Klassiker um den siebenbürgischen Spitzbuben adliger Abstammung gründete ein Fundament für eine Vielzahl an Fortsetzungen aus gleichem Hause (Universal) und wurde wohl zu einer der meist verwurschtelten Figuren der Filmgeschichte. Die Figur des Grafen Dracula ist schon lange ikonisch geworden, was in Kreisen der FIlmfreunde zu der Frage führt, wer denn eigentlich dieses Phänomen hauptsächlich begründet hat: Bela Lugosi in den Dreißigern oder Christopher Lee in den Fünfzigern bis Siebzigern?
Sieht man sich nun die erste Tonverfilmung des Stoffes an, wird schnell klar, dass die Verkörperung des Blutsaugers hier viele Grundsteine legte, die auch heute noch Geltung haben. Diese hatte sich Lugosi bereits auf dem Broadway über lange Spielzeit angeeignet. Insofern ist die allgemeine historische Bedeutung des Films wohl auch gerechtfertigt.
Jedoch besteht aus heutigiger Sicht ein großes Problem: Nur mit viel Wohlwollen kann man sich den Film noch zu Gemüte führen. Die Inszenierung wirkt naiv und holprig, wenn auch mitunter schönschaurige Stimmungsbilder geschaffen werden. Aber die dem Stummfilm entwachsenen Schauspieler spielen nicht wirklich gut auf, die Trickeffekte sind schon sehr albern und hätten lieber weggelassen oder mehr in den ja reichlich vorhandenen Nebel gehüllt werden sollen (Fledermaus!) und Lugosis Schauspiel sowie dessen Inszenierung wirken lachhaft. Dies kommt vor allem durch die Übertreibungen in der Aussprache und die ewig theatralischen Hynosegesten, die Mel Brooks dann in seiner Persiflage gar nicht mehr überspitzen musste, ja, Leslie Nielsen sogar noch einen Gang runterschalten konnte und trotzdem Witz entstand.
Diese Kritik mag aufgrund der gänzlich anderen Voraussetzungen des Entstehungsjahres 1931 unangemessen sein. Aber gibt es genug Beispiele, die im Vergleich "Dracula" als schon für seine Zeit albernen und überholten Film erscheinen lassen. Der noch im selben Jahr und im selben Studio produzierte "Frankenstein" von James Whale ist Tod Browings Werk in allen Belangen haushoch überlegen und beweist, dass auch über 80 Jahre alte Filme noch heute faszinieren können. Dieser Vergleich trifft "Dracula" am stärksten. Zudem muss man bedenken, dass in Deutschland zu dieser Zeit Fritz Langs "M" im Kino lief und aufzeigte, was technisch und narrativ auf der einen und inhaltlich auf der anderen Seite möglich war. Zwischen "M" und "Dracula" liegen gefühlt zehn Jahre. Zwischen "Frankenstein" und "Dracula" so ca. fünf bis sechs Jahre.
Wird man gehässig, zieht man noch Murnaus älteren Stummfilmklassiker "Nosferatu" hinzu, der bildlich Universals Flatterman wie eine Dampflok überrollt.
Wer sich für den historischen Aspekt in "Dracula" interessiert, der kann natürlich bedenkenlos zugreifen, zumal die nur wenig mehr als eine Stunde dauernde Laufzeit erträglich ist. Wer aber von dem Film eine stimmungsvolle Unterhaltung erwartet, wird mit seinen zeitgenössischen Sehgewohnheiten allenfalls belustigt, eher noch gelangweilt sein. Da hilft dann auch die nachträglich eingefügte muskalische Untermalung nichts mehr.
FAZIT:
Beim Rennen um den goldenen schwarzen Umhang hat Christopher Lee definitv die Nase vorn. "Dracula" wirkt selbst für seine Entstehungszeit angestaubt, naiv und lächerlich und erweckt durch seinen Ruf Erwartungen, die er zu nahezu keinem Augenblick erfüllen kann.
P.S. Es gibt eine spanische Version, die zeitgleich in den selben Kulissen für den spanischsprachigen Raum entstand. Ich habe in einer Dokumentation nur Ausschnitte gesehen, die aber selbst in ihrer kurzen Laufzeit bereits mehr überzeugen konnten als Brownings Version. Somit erweist sich als größtes Manko die ideen- und lieblose Inszenierung Brownings.