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Oh, wie gerne vergleichen Cineasten die beiden ersten Verfilmungen des Bram Stoker Briefromans "Dracula" - Nosferatu & Dracula - und wie gerne überbieten sie sich in Lobgesängen auf die deutsche, expressionistische Adaption Murnaus, während man gleichzeitig Tod Brownings Werk aufgrund seiner eigentlichen Vorlage, dem gleichnamigen Broadway Bühnenstück, als einfallsloses theatreskes Kammerspiel abwertet. Oft wird man dabei Murnaus Meisterwerk gerecht, unterschätzt jedoch - gewollt oder nicht - die Stärken der amerikanischen Dracula Verfilmung, weil sie als die populärkulturelle, mainstreamige Variante gilt. Nicht selten spielen dabei generelle, bisweilen sogar antiamerikanische Aversionen gegenüber dem Mainstream-Kino eine Rolle, die Bewertung hat meistens eher subjektive, als objektive Bewertungskriterien als Basis. Als Fan beider Filme kann ich sagen: Diese Debatte ist nicht nur unfair, sondern von Grund auf falsch.

Brownings Dracula ist ein fantastischer Film, mit einzigartiger, stilvoller Atmosphäre, der nicht ohne Grund die zeitgenössische Horrorwelt im Sturm eroberte, das Genre revolutionierte und über all die Jahre nichts von seinem Charme eingebüßt hat. Dieser Dracula ist kein dämonisches Biest, sondern faszinierender Gentleman - das Böse liegt hier in der Männlichkeit selbst - wird Inbegriff dessen, was Abstoßend und Anziehend zugleich wirkt: Ein ausländischer Fürst, aus einem sagenumwobenen Gebiet fernab der britischen Hemisphäre, wortkarg, mystisch, sexy. Ohne Dracula wäre der Weg für Filme wie Frankenstein, die Mumie oder der Unsichtbare ein deutlich härterer gewesen und ohne Bela Lugosis geheimnisvolle & exotische Darstellung des Vampirfürsten hätte auch die Erotik des Mystischen im gesamten Horrorgenre einen Entwicklungsschritt verpasst. Sicher, mit Lugosi steht und fällt der Film, sein Dracula machte ihn unsterblich und legt einen anderen Fokus, als Max Schreck mit seinem diabolischen, knochigen, Nosferatu. Aber ist anders automatisch schlechter? Nicht mit Nosferatu, sondern erst mit Dracula begann die filmische Vampirwelle - den Vampirmythos und das klassische Dracula-Bild begründete Lugosi. Der ungarische Theaterschauspieler setzte sich mit dieser Rolle ein Denkmal, was ihm auch zum Verhängnis wurde und was Lugosi schon im Vorfeld des Filmes ahnte - stets reduzierte man ihn auf die Darstellung des transsilvanischen Vampirs, natürlich, aus Huldigung und Verneigung vor dieser einzigartigen Leistung. Später änderte sich Lugosis Einstellung und er ging sogar soweit sich selbst als eine Art Reinkarnation der fiktiven Romanfigur zu identifizieren.

Durch den mitunter theatresken, stummfilmartigen Stil ist Dracula besonders für den klassischen, literaturzugeneigten Horrorfan interessant - hier bieten sich auch Parallelen zu Nosferatu, obwohl dieser natürlich insgesamt anders mit dem Stoff, aber ganz besonders in der Darstellung des Vampirs selber umgeht. Im Bezug auf Atmosphäre können beide Filme punkten. Aber dieser Vergleich ist dennoch unsinnig, die Erwartungshaltung an beide Filme kann und darf nicht die gleiche sein, zu unterschiedlich die Intention, zu andersartig die Ausrichtung der Filme. Während der expressionistische Stummfilm aus der Zeit der Weimarer Republik seinen Vampirfürsten in Graf Orlok als düstere Personifizierung des sexuellen Triebs inszeniert und der gesamte Film mit Motiven von Romantik bis Expressionismus spielt, fokussiert sich Brownings Darstellung und die Lugosis als Dracula auf den Reiz des fremden, mysteriösen, einer Huldigung und Warnung vor dem maskulinen im erotischen Sinne - eine würdevolle Versuchung, die in eine akute Gefahrensituation umschlagen kann. Browning spielt mit der Faszination und der Angst vor leidenschaftlicher Virilität und verbindet geschickt klassische Gruselelemente, mit modernem Starkult. Lugosi, der aparte südosteuropäische Badboy mit seinem etwas antiquierten Habitus, wird auf die westliche Upperclass losgelassen, sowohl im Film, als auch im Kino - und konnte nicht ohne Grund die Herzen zahlreicher Frauen im Sturm erobern. Dieser Reiz bleibt bis heute, die Erhabenheit Lugosis und seines Draculas bisher unerreicht und seine magischen Worte hallen auch heute noch aus den Lautsprechern der Gruselfans:

"Listen to them - children of the night - what music they make"

10/10

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