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„Angst essen Seele auf“ ist wohl der Repräsentativfilm für die Werke von Rainer Werner Fassbinder und zählt definitiv zu seinen bewegendsten Werken. Aus heutiger Sicht wirkt die Behandlung des Themas Fremdenfeindlichkeit natürlich arg antiquiert und in der Darstellung nahezu unvorstellbar, doch im Verhältnis zur damaligen Zeit durchaus realistisch:

Die verwitwerte Putzfrau Emmi (Brigitte Mira, einmal mehr mit überzeugendem Spiel) lernt in einer Kneipe in München den wesentlich jüngeren, marokkanischen „Gastarbeiter“ (sehr gängiges Wort damals) Ali (El Hedi Ben Salem) kennen. Schnell entwickelt sich enorme Zuneigung zwischen den beiden, er zieht zu ihr in die Wohnung und kurz darauf heiraten sie sogar. Doch ihre Umwelt lässt ihrem Glück keine Chance: Emmis Arbeitskollegen meiden sie, im Haus wird sie von Nachbarn beschimpft und ihre Kinder treten ihr vor Zorn über die Hochzeit sogar die Bude zusammen. Trotz aller Verzweiflung hält Emmi jedoch an ihrem Mann fest.

Fassbinders Botschaft ist klar, doch die Aufbereitung entpuppt sich keineswegs als langweiliger, schwarzweiß-malerischer Plädoyer-Pudding, dem nach zehn Minuten schon die Luft ausgeht. Nicht nur, dass die Darsteller absolute Glanzleistungen abliefern und vollkommen realistische Alltagsrollen rüberbringen, entwickelt der Film auch ein differenziertes Aussagebild. Die Effekte des Fremdenhasses sind unterschiedlich – während Emmi mehr und mehr in die Verzweiflung abrutscht und sich örtlich wegwünscht, kompensiert Ali seine unbefriedigten Bedürfnisse mit Fremdgehen. Und obwohl sich am Ende alles zum Guten zu wenden scheint (irgendwie ging während eines Urlaubs des ungewöhnlichen Paares offenbar ein Ruck durch das gesamte Umfeld, denn nach deren Rückkehr sind Nachbarn, Freunde und Familie dem Paar wohl gesonnen), landet Ali wegen eines Geschwürs im Krankenhaus, und der Zuschauer wird zusammen mit den beiden eben dort gelassen und der Film endet – eine klare Parallele auf die geringen Aussichten auf ein glückliches Leben einer solchen Kombination.

Ansonsten spricht die Inszenierung für sich. Ruhige Hintergrundmusik, trübe Stadtbilder, sanfte Dialoge und gefühlvolle Stille: die Dramatik kommt auf leisen Sohlen und erzielt dadurch eine umso effizientere Wirkung. Klar benötigt man für ein solches film gewordenes Gesellschaftsbild Marke Fassbinder reichlich Ausdauer, denn um Kurzweil und leicht verdauliche Kost ging es dem deutschen Mastermind sicherlich nicht. Das gesellschaftliche Abbild und die Effekte des Fremdenhasses wirken selbstverständlich aus heutiger Sicht arg antiquiert und für jüngere Generationen wahrscheinlich nicht einmal mehr nachvollziehbar, aber Leute – so ging das damals tatsächlich noch von Statten, ob man es glaubt oder nicht! Zwar sind Ausländer heutzutage längst nicht mehr so fremd wie noch vor zwanzig, dreißig Jahren, doch Fremdenfeindlichkeit ist nach wie vor ein gewaltiges, deutlich spürbares Problem in Deutschland, und solche Filme tragen auch heute noch dazu bei, dass das Thema nicht mit Ignoranz behandelt wird.

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