Review
von Leimbacher-Mario
Wirklich viel, hat sich nicht geändert...
Was der Mensch nicht kennt, das macht ihm Angst. Das galt in den 50ern für amerikanische Vorstädte, das galt in den deutschen 70ern mit seinen Gastarbeitern und das gilt ganz aktuell natürlich kein bisschen weniger heftig bei der weltweiten Flüchtlingskrise. Auch bricht ein überraschend großer Teil der deutschen Gesellschaft wieder in alte, ekelhafte und vorurteilsverseuchte Denkweisen. Das ist für jeden, der dieses Land wirklich liebt, in all seiner Fortschrittlichkeit, Offenheit und Buntheit, schmerzhaft anzusehen. In seinem Meisterwerk "Angst essen Seele auf" verpasst Fassbinder einem Douglas Sirk Klassiker ein radikales Update: erzählt wird über ein ungewöhnliches Liebespaar, sie eine alte deutsche Witwe, er ein marokkanischer Hilfsarbeiter, die sich der Missgunst, dem Neid und oft genug dem puren Hass der hängen gebliebenen Gesellschaft ausgesetzt sehen...
Es war schockierend zu sehen, dass diese bittere Love Story noch so viel Brisanz und Aktualität besitzt. Aber so ist es leider gefühlt, auch wenn Fassbinders Anklage an eine starre Gesellschaft natürlich etwas übertreibt. Doch das müssen und dürfen Filme. Denn auch wenn heutzutage sicher keiner mehr einem Schwarzen in Gesicht sagt, dass man überrascht sei, dass dieser sich wäscht, so gibt es doch durchaus noch genug Vorurteile und Unsicherheiten, vor allem was die muslimische Religion oder die afrikanische Lebensweise angeht. Manchen geht sogar Fassbinder noch auf den Leim, doch das mag ja sogar vielleicht auch daran liegen, dass manche stimmen. Den Hass und die Unverschämtheiten und Gemeinheiten, denen sich das ungleiche aber sehr süße und vor allem (anfangs) glückliche Paar ausgesetzt sieht, rechtfertigt das aber natürlich keine Sekunde.
Das München der 70er ist bunt und doch irgendwie trist und durchfressen von lästernden Nachbarn, fiesen Arbeitskollegen und halbbraunen Scheinheiligen. Ganz furchtbar, ganz bitter. Sicher auf die Spitze getrieben und etwas einseitig, aber leider alles andere als nur liberale Alptraumfantasien. Brigitte Mira und El Hedi Ben Salem spielen beide hervorragend und wirken fast wie die einzigen Menschen bei Verstand. Und das, ohne sie heilig zu sprechen. Gerade gegen Ende merkt man, dass da neben den gesellschaftlichen Hürden noch genug andere Hindernisse zu nehmen sind, menschliche, religiöse, charakterliche. Die Auflösung hat diesen Namen nicht verdient und wirkt auf den ersten Blick etwas ratlos, doch genau das ist ja der Punkt. Happy End oder einfache Lösungen könnten kaum ferner sein. All das macht "Angst essen Seele auf" zu dem quintessenziellen Fassbinder-Werk. Ein kraftvolles Mahnmal gegen Fremdenfeindlichkeit und grundsätzliche Borniertheit. Pflichtprogramm in Sachen Menschlichkeit.
Fazit: deutsche (+ menschliche) Doppelmoral und Boshaftigkeit brutal entlarvt, was richtig weh tut aber leider die Wahrheit ist. Damals wie heute. Traurig, ehrlich, emotional. Eine der süßesten, realistischsten Lieben des Kinos.