Dich zu lieben,
dich berühren,
mein Verlangen
dich zu spüren
deine Wärme,
deine Nähe
weckt die Sehnsucht in mir
auf ein Leben mit dir. (Roland Kaiser – „Dich zu lieben“)
Das ist Boris. Boris ist um die 30 und arbeitet in einer Fabrik am Fließband. Boris war schon mal wegen versuchten Mordes im Knast, aber jetzt ist er wieder draußen und ein besserer Mensch. Deshalb engagiert sich Boris auch sozial und arbeitet als Helfer in einer Einrichtung für Obdachlose.
Was keiner ahnt: Boris ist tief gestört. Er schleppt gerne junge, obdachlose Frauen zu sich nach Hause ab, wo er diese umbringt. Dies macht Boris, um sich anschließend an den Leichen vergehen zu können, da Boris Sex mit Leichen dem mit Lebenden vorzieht…
Fällt der Begriff „Nekrophilie“, denkt man als geneigter Filmfan gewiss als allererstes an „Nekromantik“ von Jörg Buttgereit. Mit „Lieben“ hat nun, fast 20 Jahre nach Buttgereits Anti-Klassiker, ein weiteres Werk aus deutschen Landen das Licht der Welt erblickt, welches das gleiche Thema behandelt.
Und doch ganz anders damit umgeht: Hier läuft man nicht Gefahr, dass einem das Essen zurück auf den Teller fällt, weil an Augäpfeln rumgelutscht wird oder alles vor Leichensaft und Schlabber nur so trieft. Das Brutale und das, was hier so richtig auf den Magen drückt, ist die Tatsache, dass die Kamera immer voll draufhält und dabei fast schon dokumentarische Geduld an den Tag legt. Minutiös wird dargestellt, wie Boris seine Opfer erdrosselt (erinnert ein bisschen an den Todeskampf des Taxifahrers in „Ein kurzer Film über das Sterben“) und beim Vollziehen des Geschlechtsakts starrt die Leiche mit offenen Augen direkt in die Kamera. Ist Boris im Alltag doch eher ein ruhiger, abgeklärter, kontrollierter Typ, lebt er sich beim Sex mit den Toten völlig aus, wirkt total losgelöst und gibt fast so etwas wie Grunzlaute von sich.
Seine wirklich stärksten Momente hat LIEBEN aber wenn rein gar nichts passiert, und zwar wenn Boris mit den Leichen „Familie“ spielt. Er kommt dann von der Arbeit heim, begrüßt seine Liebste mit „Bin wieder zuhause!“ und kuschelt sich dann zu der Toten auf die Couch, um es sich vor dem Fernseher bequem zu machen. Dabei liebkost er die Leiche, küsst und streichelt sie, legt ihren Arm um sich…, am Ende aber wird die Holde jedes Mal in der Badewanne zerstückelt, um Platz für die nächste Geliebte zu machen.
LIEBEN ähnelt den verstörenden Charakterstudien von Michael Haneke, siehe z.B. „Die Klavierspielerin“. Ebenso trist, ungeschminkt und unreißerisch wird hier, man muss fast schon sagen „berichtet“. Der Hauptcharakter wird gut vorgestellt, gelungen verkörpert und nett durchleuchtet. Gründe für seine Neigung werden glücklicherweise nicht hervorgekramt, aufgeführt wird lediglich eine gestörte Vater-Sohn-Beziehung. Der Film punktet vor allem durch Stimmung und nicht durch Spannung.
Dies alles lässt auf ein ziemlich eindringliches, verstörendes Filmerlebnis schließen. Und für Leute, für die das Thema Nekrophilie im Film ein neues ist, dürfte es das auch sein.
Wer allerdings Filme wie „Nekromantik 1+2“, „Aftermath“, „Buio Omega“, „Kissed“ oder „Mosquito - Der Schänder“ kennt oder mit negativ stimmigen Werken wie „Die Klavierspielerin“, „Benny’s Video“, „Der Todesking“ und „Mann beißt Hund“ vertraut ist, dem bietet LIEBEN wenig Neuland. Klar, der Streifen leuchtet das Thema aus einem leicht abgeänderten Blickwinkel aus und ist von der Erzählweise her auch wirklich eindrucksvoll gestrickt.
Aber: So wirklich drastisch sieht anders aus! Gab’s nämlich schon. Und ich rede jetzt nicht von Gewalt oder der Darstellung reiner Körperlichkeit. Ich rede von intensiven Momenten, von einer Grundstimmung, die sich einem ins Hirn brennt und die innere Sonne verdunkelnt. Derartiges lässt der Streifen leider stark missen. Die Momente, in denen er einen wirklich bei den Eiern packt, sind spärlich bis nicht vorhanden. Das Thema Nekrophilie wirkt oft gar ein bisschen aufgesetzt, so als ob Boris' Geschichte auch gut die eines einfachen Serienmörders hätte sein können.
Ich wiederhole: Leute, die mit Filmen über Sex mit Leichen noch keinerlei Erfahrung gemacht haben, dürften das Gezeigte mit ziemlicher Sicherheit als extrem krank, abstoßend und pervers einstufen. Geneigte Gucker werden LIEBEN aber nicht nur heilen Magens, sondern wohlmöglich auch etwas gelangweilt verlassen.
Fazit:
“Loving You Was Like Loving The Dead” – Zwar nicht ausdrucksstark genug, um wirklich zu schocken, aber dennoch krass genug, um einen Blick wert zu sein.