Review

SEOM - DIE INSEL von Kim Ki-duk
Südkorea 2000

Der Südkoreaner Kim Ki-duk gehört unbestreitbar zu den außergewöhnlichsten Regisseuren seines Landes. Während er dort allerdings nur marginal zur Kenntnis genommen wird, genießt er auf internationaler Ebene längst ein beträchtliches Ansehen. Sein bekanntestes Werk dürfte die meditative Studie Frühling, Sommer, Herbst, Winter ... und Frühling sein, die auf einem etwas wackligen religiösen Fundament eine Reihe von tieferen Weisheiten vermitteln will, welche aber allzu oft einer näheren Betrachtung nicht einmal im Ansatz standhalten. Auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Tätigkeit präsentierte er uns im Jahr 2004 mit Bin-Jip und Samaria zwei der schönsten und nachhaltigsten koreanischen Filme überhaupt. Heftige Kontroversen lösen jedoch immer wieder die Ergebnisse seines frühen Schaffens aus, wortkarge und überaus gewalttätige Filme, welche die Rezeptionsgewohnheiten und das moralische Empfinden des Publikums oft genug auf eine harte Probe stellen. Ein Werk, das zeitlich und inhaltlich in diese Periode eingeordnet werden muss, ist Seom - Die Insel, mit dem der Regisseur bei den Filmfestspielen von Venedig für Ohnmachtsanfälle sorgte und (vermutlich deshalb) sogar für die Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen vorgeschlagen wurde.

Ein See irgendwo in Korea. Hier treiben in weiträumigen Abständen einige kleine Hütten auf dem Wasser, in denen Angler, Fremdgänger und allerlei lichtscheues Gesindel die nötige Abgeschiedenheit von den Widrigkeiten des Alltags finden. Eine hartnäckig schweigende, undurchsichtige und ziemlich bedrohlich wirkende junge Frau (die auf dem DVD-Cover großspurig angekündigte „bezaubernde" Schönheit habe ich jedenfalls vergeblich gesucht) versorgt sie mit Lebensmitteln und organisiert Prostituierte, wobei sie deren Arbeit auch ohne Weiteres selbst übernimmt, wenn Not am Mann ist.
In einem dieser Häuschen quartiert sich der als Angler in Erscheinung tretende Hyun-Shik ein, welcher gerade seine Frau und ihren Liebhaber umgebracht hat und nun plant, in der hier herrschenden Einsamkeit auch sein Leben gewaltsam zu beenden. Dazu kommt es aber nicht - vielmehr entwickelt er eine wachsende Zuneigung zu der seltsamen jungen Verwalterin. Auch diese fühlt sich stark zu ihm hingezogen, und schon bald stellt sich heraus, dass sie nicht nur gefährlich wirkt, sondern es auch wirklich ist, denn wer sich ihren Gefühlen in den Weg stellt, bezahlt das unter Umständen mit dem Leben ...
Von nun an kann der staunende Zuschauer eine „Liebesbeziehung" verfolgen, in deren Zentrum nichts anderes steht als permanente und manchmal ins Groteske ausufernde Gewalt. Dabei richtet sich die Grausamkeit der „Liebenden" gegen andere Menschen, Fische, Vögel und vor allem sich selbst. Sexualität manifestiert sich ausschließlich als Vergewaltigung (hin und wieder begegnete mir im Zusammenhang mit diesem Film der Begriff „Erotik" - du lieber Himmel!), und wenn unsere beiden Helden im Wahn ihrer kranken Leidenschaft mal gar nicht mehr weiterwissen, dann schlucken sie bündelweise große Angelhaken oder schieben sich diese in die Vagina, um sie dann schreiend und unter großen Blutverlusten wieder herauszuziehen. Somit erweist sich Seom als zunehmende Herausforderung für Augen und Verstand ...

Bei allem, was zu diesem Irrsinn noch zu sagen sein wird, sei eins vorweggenommen: Es ist schon erstaunlich, welch instinktives Gefühl Kim Ki-duk für Bilder hat. Die Aufnahmen des Sees mit den darauf schwimmenden Hütten sind in ihrer kühlen Fremdartigkeit schlichtweg betörend. Dabei ist gerade dieser See eigentlich nichts Besonderes und schon gar nichts Idyllisches. Das Wasser ist schmutzig, das Ufer hinter dem Schilfgürtel karg und durch die heruntergekommene Holzhütte der Verwalterin verunstaltet. Auch ist generell ein verwaschenes Grau die dominierende Farbe, da fast nie gutes Wetter herrscht. Dennoch kann man sich bis zum Schluss der Faszination jener Aufnahmen, die explizit diesen See zeigen, einfach nicht entziehen, besonders wenn er mit dichten Nebelschwaden bedeckt ist.
Immer wieder beeindruckend ist zudem Kim Ki-duks Fähigkeit, uns seine Geschichten fast ohne Worte zu erzählen. Hier wird das Kino wieder auf seine eigentlichen Ursprünge reduziert und dem Zuschauer vor Augen geführt, welche Kraft von Bildern ausgehen kann und in welchem Maß sie ganz für sich genommen fähig sind, einem Film klare und jederzeit nachvollziehbare Strukturen zu verleihen. Man vermisst wirklich kein Wort, und ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass selbst die wenigen Sätze, die Hyun-Shik von sich gibt, absolut überflüssig sind.
In den Momenten, in denen uns der Regisseur mit seinen Bildern und einer zurückhaltenden Hintergrundmusik allein lässt, ist er ganz nah dran an etwas, was ich ohne Scheu vor überstrapazierten Worten als Poesie bezeichnen möchte.

Aber Kim Ki-duk zeigt uns nicht nur bezaubernde Aufnahmen, sondern erzählt uns leider auch eine Geschichte. Diese kann man mit etwas Wohlwollen als Schwachsinn bezeichnen, ansonsten dürfte man angesichts des abstrusen Treibens, das einem hier mit philosophisch verbrämten Hintergrund vorgesetzt wird, sprachlos sein oder sich zu ausgedehnten Wutanfällen hinreißen lassen.
Damit mich niemand falsch versteht: Ich habe prinzipiell nichts gegen Gewalt in Filmen. Als großer Verehrer von Takashi Miike kann ich sogar sehr gut damit umgehen. Was an Seom so erschüttert, ist der pathologische Ansatz, aus dem heraus sie erwächst. Kim Ki-duks Kommentar zu seinem Werk lautet sinngemäß, dass nicht etwa nur die glücklichen Momente im Leben schön sind, sondern wahre Schönheit eine Mischung aus den zerstörerischen Elementen des Lebens und einer körperlich artikulierten Leidenschaft ist. An anderer Stelle teilt er uns mit, dass wahre Schönheit nicht der Frieden ist, sondern die Konfrontation zwischen den Menschen. Ein weiteres Statement lautet wörtlich: „Es geht mir um eine Art Magie. Um die Beziehung zwischen zwei Menschen, um die Magie der Liebe oder der Zuneigung, die allein in der Gewalt ihr adäquates Ausdrucksmittel findet." Angesichts solcher Äußerungen bin ich geneigt, irgendein Argument zu seiner Entlastung zu suchen. Vielleicht war er betrunken oder hat sich nur etwas ungeschickt ausgedrückt und nicht die Gelegenheit bekommen, das alles etwas eingehender zu erklären. Wenn man ihn nämlich beim Wort nimmt, dann qualifizieren ihn solche Aussagen nachdrücklich für die Teilnahme an der nächsten psychiatrischen Notversorgung. Man sollte Kim Ki-duk empfehlen, sich in der Öffentlichkeit ein wenig mehr an seinen zumeist stummen Protagonisten zu orientieren.

Zwangsläufig fühlt sich natürlich so mancher Kritiker durch die kruden Geschehnisse des Films und den Hintergrund eines solchen Gedankenguts zu weitschweifigen Interpretationen geradezu herausgefordert, zumal eine hemmungslose Begeisterung für kaputte Zweierbeziehungen heutzutage fast schon Pflicht ist (andernfalls würde solcher Schund wie Intimacy von Patrice Chéreau ohne Umwege seine wohlverdiente Reise zur nächsten Müllkippe antreten). Selbstverständlich kann man zu Seom allerlei tiefgründige Abhandlungen verfassen. Mit etwas Zeit und gutem Willen könnte ich sogar Querverweise auf die biblische Geschichte und andere Themen von höchstem intellektuellen Anspruch hineindichten. Aber es gibt mindestens zwei Gründe, das nicht zu tun. Zum Ersten sollte man sich mit diesem Werk nicht mehr Mühe geben als der Regisseur selbst. Ich bin absolut überzeugt davon, dass sich Kim Ki-duk darüber nicht halb so viele Gedanken gemacht hat wie die übereifrige Rezensentenschar, die diesen Unfug verzweifelt schönzureden versucht. Vielmehr ist er jemand, der seine Filme auf der Basis einer zumeist einfachen Grundidee überwiegend „aus dem Bauch heraus" macht und sich vermutlich manchmal selbst von dem überraschen lässt, was am Ende dabei herauskommt. So zumindest muss seine inzwischen häufig zitierte Aussage „Ich sehe etwas, das ich nicht verstehe und mache einen Film darüber, um es zu begreifen" aufgefasst werden. Nun könnte man es natürlich reizvoll finden, sich dem Regisseur auf seinem Weg zur Erkenntnis anzuschließen und dabei auch etwas Wertvolles für sich selbst zu entdecken - doch damit bin ich schon beim zweiten Grund, den vermeintlichen Sinn von Seom nicht ausgiebig zu hinterfragen.
Wie immer bei Werken aus dieser frühen Schaffensperiode Kim Ki-duks fällt es außerordentlich schwer, sich für seine Figuren zu erwärmen. Hyun-Shik ist ein Mensch, der zwar auf den ersten Blick einen recht sympathischen Eindruck macht, aber ganz offensichtlich zu keinem Zeitpunkt seine Neigung zu Gewalttaten unter Kontrolle hat. Selbst wenn er seiner Auserwählten liebevoll kleine Figuren und Gegenstände aus Draht anfertigt, birgt das ein beachtliches Gefahrenpotenzial: Wird die Annahme dieser Geschenke verweigert, führt das zu Tätlichkeiten. Besonders verstörend ist, dass eigentlich nichts, was er tut, das Resultat vorausgegangenen Denkens zu sein scheint.
Zu der „bezaubernden" Verwalterin habe ich schon einiges gesagt. Es gibt ein paar kurze Momente, in denen man glaubt, ihrer Figur etwas näherkommen zu können, aber die sind schnell vorbei. Was bleibt, ist eine latente und ernste Bedrohung für ihre Umwelt, welche zur tödlichen Gefahr wird, wenn die Dinge nicht nach ihren Vorstellungen laufen.
Ich habe keine Ahnung, wie man als Zuschauer zu diesen tickenden Zeitbomben, die beim kleinsten Anlass in zutiefst widernatürliche Handlungen verfallen, irgendeine positiv geartete Beziehung aufbauen soll. Und somit ist es mir völlig egal, ob die beiden nun ihr zerrissenes Innenleben auf eine körperliche Ebene projizieren oder Verkörperung einer dialektischen Zwangsbeziehung zwischen Schönheit und Leiden sind oder schlicht und ergreifend nicht mehr alle Tassen im Schrank haben - sie bedeuten mir nichts und gehen mir sogar gehörig auf den Wecker. Ich will mich einfach nicht eingehend mit ihnen beschäftigen, und von mir aus können sie sich als Metapher für ihre verwundeten Seelen und ihr unerfülltes Verlangen nach Zuneigung Fleischerhaken oder Kranhaken oder Schiffsanker irgendwohin schieben.

Einen Erklärungsansatz für das, was der Zuschauer hier über sich ergehen lassen muss, findet man in der Biografie des Regisseurs. Kim Ki-duk ist über große Strecken seines Lebens sehr nachhaltig mit Gewalt konfrontiert worden. Die Erziehung durch seinen Vater, einem Veteranen des Koreakriegs, war vorwiegend durch Schläge geprägt. Später absolvierte er einen mehrjährigen Militärdienst in einer Eliteeinheit, und dass man in einer solchen nicht zimperlich ist (und schon gar nicht in Südkorea), dürfte bekannt sein. Damit ist durchaus verständlich, dass Kim Ki-duk seine ganz eigenen Formen der Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt entwickelt hat. Absolut unverständlich ist jedoch der vielerorts unternommene Versuch, diese Resultate eines persönlichen Traumas zum Allgemeingut zu erklären. Zumindest jeder, der keinen vergleichbaren biografischen Hintergrund und seinen Verstand noch unter Kontrolle hat, sollte sich eigentlich tunlichst davor hüten, die mehr als fragwürdigen Aussagen des Regisseurs zu diesem Thema bedenkenlos nachzuplappern oder als universelle Weisheit zu interpretieren.

Und nun kommt noch, was kommen musste - ich kann und will es mir nicht verkneifen: Man kann gute oder weniger gute, total beknackte oder gar keine Filme machen, alles egal, aber was man nicht machen sollte, ist, im Namen der „Kunst" Tiere zu quälen. Nicht einmal im Ansatz sollte man das tun, und schon gar nicht in solch abartiger Form, wie es hier vor allem mit Fischen getan wird. Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was so etwas rechtfertigt, und es ist ein Armutszeugnis der unerträglichsten Sorte, wenn uns der Regisseur das, was er mit diesen Szenen sagen wollte, nicht anders beibringen kann. Jeder Versuch, so etwas (zum Beispiel mit dem Verweis auf andere tierfeindliche Handlungen irgendwo auf dieser Welt oder gebietsspezifische kulturelle Hintergründe) zu relativieren, verfehlt das Thema um Meilen: Es geht um hier und jetzt und ein Produkt künstlerischer Tätigkeit, und jedes Tier, das für ein solches leiden muss, ist unumstößlich eins zu viel. Mag sein, dass es in Korea Leute gibt, die sich ihr Sushi tatsächlich gleich von lebendigen Tieren holen, das wäre verwerflich genug, auf keinen Fall aber ist es eine in der ostasiatischen Kulturgeschichte verwurzelte Tradition, Fische mit Strom zu bearbeiten oder Vögel im Käfig zu ertränken. An solchen Stellen sollte man Kim Ki-duk sämtliche Piranhas, Haie, Steinfische und Würfelquallen der Welt an den Hals wünschen. Dass ich mich hier so ausführlich aufrege, liegt vermutlich daran, dass es wie schon erwähnt in Seom weit und breit keinen einzigen Menschen gibt, mit dem man sich auch nur halbwegs identifizieren kann und man sich dadurch den Tieren irgendwie gleich ein ganzes Stück näher fühlt. Eigentlich sind sie die wahren Helden des Films, und die (ganz reale!) Tragik ihres Schicksals lässt das eifrig als „Kunst" apostrophierte hirnlose Agieren der menschlichen Figuren zur Lächerlichkeit verkommen.

Jeder in halbwegs geordneten Bahnen denkende Mensch, der sich nicht zur feuilletonistischen Avantgarde zählt, dürfte Seom als hochgradig frustrierendes Erlebnis empfinden - in mehrerlei Hinsicht. Besonders bitter ist, dass hier ein ungemein vielversprechender Ansatz mit Volldampf in den Sand gesetzt wird. Es hätte wahrlich keiner Heldentaten bedurft, um aus der vorhandenen Ausgangssituation einen wunderbaren Film zu machen. Abschließend möchte ich betonen, dass sich wirklich niemand schämen sollte, wenn er bei diesem Film den Kinosaal vorzeitig verlässt oder Angst haben muss, irgendetwas Bedeutsames zu verpassen, wenn er dem Spuk durch die entschlossene Betätigung der Fernbedienung ein frühes Ende bereitet. Auch die eigentlich schönen und sogar originellen Schlussbilder können hier nämlich nichts mehr retten. Überdies wäre es eine ziemlich kluge Entscheidung, sich auf das Wagnis Seom gar nicht erst einzulassen. Das darf gern als Empfehlung verstanden werden.

Die deutsche DVD von Sunfilm, die man in jeder zweiten Wühlkiste finden kann, weist vor allem im Bildbereich eine erschreckend minderwertige Qualität auf. Das liegt allerdings in diesem Fall ganz sicher am Ausgangsmaterial, denn in Seom wurde fast genauso wenig Geld investiert wie schöpferisches Gedankengut. Angesichts dessen, was der Film inhaltlich zu bieten hat, ist das aber eigentlich auch schnuppe.

Fazit: Seom ist ein cineastisches Ärgernis aus schönen Bildern, zwei Menschen mit gravierenden psychischen Defekten, geplagten Fischen und sehr eigenwillig eingesetzten Angelhaken. Mehr nicht. Um vielerorts zu einer bedeutungsschwangeren Großtat hochstilisiert zu werden, reicht es, dass sich der Film exzessiv den „gängigen Konventionen verweigert" (diese Floskel hat sich inzwischen zu einer Art Gütesiegel entwickelt). Mal sehen, wann der Erste merkt, dass so etwas längst selbst zur Konvention geworden ist.
3 von 10 Punkten.

Details
Ähnliche Filme