Biopics sind immer eine Sache: Man verfilmt das Leben einer Person, muss realistisch bleiben und die Zuschauer fesseln, obwohl man meist keine übertrieben-unrealistischen Schauwerte nutzen kann.
Dies ist vermutlich auch der Grund, warum Michael Mann kein abgeschlossenes Lebensbild abliefert, sondern sich auf die Jahre 1964 bis 1974 konzentriert, angefangen bei den großen Erfolgen als Cassius Clay bis hin zum Rumble in the Jungle Kampf gegen George Foreman. Dies mögen ja die aufregendsten Jahre in Muhammad Alis Leben gewesen sein, doch stets wirkt das Bild inkomplett und unfertig, weshalb „Ali“ auch einen leicht unbefriedigenden Eindruck hinterlässt.
Zudem konzentriert sich Mann vor allem auf den Boxer Ali und weniger auf den Menschen. Die Wurzeln Alis werden kaum erwähnt, auch Frauengeschichten und mehrere Ehen werden eher angerissen als behandelt. Dem Privatleben Alis gönnt man wenig Screentime und durch die starken Zeitsprünge in der Erzählung wirkt vieles schwer nachvollziehbar (z.B. woran seine erste Ehe jetzt genau zerbricht). Auch Alis Verbindung zur Black Muslim Verbindung werden bloß im ersten Drittel wirklich behandelt und treten immer mehr in den Hintergrund.
Dafür konzentriert sich Mann auf Alis Boxkarriere, sowohl auf die Kämpfe als auch auf deren Organisation. Denn Mann weiß, dass man Ali vor allem als Boxer kennt und daher auch Boxen sehen will – eine Eingebung, die Oliver Stone ja bei „Alexander“ vollkommen abging und er das Leben eines Kriegsherrn fast ohne Kriegsszenen zeigte. Bei „Ali“ gehören die recht langen und gut über den Film verteilten Boxkämpfe klar zu den Highlights. Gezeigt wird realistisch boxen und Mann folgt seinen Boxern mit der Kamera in den Ring, hat stets den Finger am Puls des Geschehen und reißt den Zuschauer mit viel Dynamik mit.
Auch sonst ist es vor allem Manns Inszenierung, die bei „Ali“ zu begeistern weiß: Bewegende, teilweise richtig mitreißende Bilder, alle mit einem extrem eingängigen Soundtrack untermalt. Mann hat sein Publikum im Griff und weiß wie man durch die richtige Filmsprache Emotionen beim Zuschauer hervorruft. Allein die Szene, in der Mann die Ermordung von Malcolm X und die Reaktionen darauf zeigt, bewegt zutiefst. Leider kann er damit nicht immer verschleiern, dass er oft zu wenig zu erzählen hat: Da werden unwichtige Tanzszenen oder Joggen künstlich in die Länge gezogen, sind zwar wunderbar in Szene gesetzt, bringen den Film aber kein Stück weiter.
Erfreulich hingegen ist die Tatsache, dass Mann seine Hauptfigur nicht künstlich heroisiert: Man erlebt Ali als mutigen und selbstbewussten Mann, aber auch als großmäulig und teilweise überheblich. Er beleidigt seine Gegner und trägt meist die Alleinschuld am Scheitern seiner Ehen. Leider gewinnt man trotz dieser realistisch anmutenden Darstellungsweise nie den richtigen Zugang zu Muhammad Ali, da der Film stets wie eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen wirkt – so endet der Film auch kommentarlos nur wenige Sekunden nach Alis Sieg über George Foreman.
Schauspielerisch hingegen kann man nur den Hut ziehen. Vor allem Will Smith sieht Ali nicht bloß ähnlich, sondern verkörpert ihn mit ziemlicher Inbrunst. Ebenso genial, aber leider mit wenig Screentime gesegnet ist Mario Van Peebles als Malcolm X. Auch der Rest der prominenten Cast (Mann versammelt mit Jamie Foxx, Barry Shabaka Henley und Jada Pinkett Smith schon mal Großteile seiner späteren „Collateral“-Besetzung) spielt sehr gut, wobei vor allem noch Jon Voight als Sportreporter auffällt. Er darf sich stets urkomische Wortgefechte mit Will Smith liefern, denn Smith macht aus Alis Aufschneiderei stets witzige, aber nie lächerliche Einlagen, die zu gefallen wissen.
Michael Manns Biopic ist sicherlich wunderbar inszeniert, schafft es den Zuschauer stellenweise zu bewegen und ist ohne Zweifel großartig gespielt. Andrerseits hat das Stück doch einige Längen und am Schluss hat man immer noch keine großartig neuen Einsichten über Muhammad Ali gewonnen, da die Story eher wie eine Art biographisches Best of wirkt, aber nur wenige Aspekte wirklich verfolgt.