Der Abspann ist seit einer ganzen Zeit vorbei und noch immer hat sich mein Herzschlag nicht wieder ganz normalisiert und das flaue Gefühl im Magen wird wohl noch eine ganze Weile länger bleiben. Ich bin auch immer noch nicht sicher, ob ich meine Eindrücke zu diesem Film tatsächlich in Worte fassen kann oder überhaupt will.
Im Vorfeld hat man ja zu diesem Film Unmengen im Internet lesen, sehen und hören können. Letztlich hat dieses ganze Gerede bei mir auch erst dafür gesorgt, dass dieser Film überhaupt zur Kenntnis genommen wurde. Ansonsten hätte ich den Film als Werk aus Osteuropa vermutlich direkt abgetan. So habe ich mir mal die Trailer angesehen und war da von den filmischen Qualitäten sehr positiv überrascht. So einfach abzutun ist der Film also nicht. Natürlich ist die gesamte Thematik schon ganz klar nichts für Otto Normal und Co. Wer aber Positives an Hostel und Konsorten gefunden hat, dessen Neugier könnte auch hier geweckt worden sei. Letztlich ist diese Review auch genau für die Leute gedacht, die noch zögern, sich diesen Film anzutun.
Keine Frage ist dabei, dass der Film in einigen Szenen inhaltlich deutlich zu weit geht. Diese Szenen (v.a. die mit dem Neugeborenen) hätte der Film auch gar nicht gebraucht, im Gegenteil: sie schaden dem Film meiner Meinung nach nur, da sie ihn zurecht angreifbar für die Vorwürfe des gewollten Tabubruchs machen. Speziell diese Szene ist aber deutlich als Effekt erkennbar und wirkt so nicht wie der Rest, der roh und realistisch genau da zulangt, wo es richtig weh tut. Kann und darf man dem Film diese gewollten und überzogenen Tabubrüche vorwerfen und ihn deshalb verdammen? Auf jeden Fall! Und das ist auch niemandem vozuhalten, sondern sein gutes Recht! Wie bereits erwähnt ist der Film thematisch ausgesprochen speziell und extrem, daher sind extreme Reaktionen (positiv wie negativ) vorprogrammiert und ganz sicher auch beabsichtigt.
Ich hatte nach den ersten Internetbeiträgen zu diesem Film den Eindruck, dass er ein schmierig-widerliches kleines Etwas sein müsse, der mit Tabubrüchen locken muss, da er sonst nichts zu bieten hat. Jetzt haben sich die anderen Reviews hier schon mehrfach über die überraschend guten Schauspieler und die versierte Regie ausgelassen. Die Bilder erzeugen eine Atmosphäre, die dem Inhalt mehr als nur gerecht wird. Düster, dreckig, schmierig, aber auch elegant, kalt und gediegen oder warm und heimelig - ganz nach Bedarf. Unterstrichen wird das Geschehen dabei ausgesprochen effektiv von einem sehr Industrial-lastigen Soundtrack, der dort, wo die Ereignisse bereits aufwühlen, geschickt durch nervenzerfetzende Arrangements und pumpende Bassläufe für die emotionalen Entgleisung des Zuschauers sorgt. Der Film wirft also aus der Bahn und das nicht zuletzt wegen des Soundtracks, der durchweg hart, düster und kalt ist, mit seinen trockenen Bässen und sägenden Hochtönen aber gezielt auf den Zuschauer einschlägt und ihn vor sich her treibt. So konnte ich nicht umhin, mein Herz fast schon rasen zu spüren und meine Handflächen sind mehrfach feucht geworden. So konnte ich den Blick zu keinem Zeitpunkt von dem abscheulichen Geschehen abwenden. So eine Wirkung hat ein Film schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf mich gehabt!
Handwerklich sehr sehr gut, inhaltich kontrovers, also nur was für den filmischen Grenzgänger, der auch bereit ist, die Grenze zu überschreiten. Dieser wird aber möglicherweise mit einem beeindruckend intensiven Filmerlebnis, einer widerlichen Tour de Force in die unauslotbaren Abgründe des Menschseins mit wahrhaft albtraumhaften Qualitäten belohnt! Oder schon bald abgestoßen...
Abschließend möchte ich noch behaupten, dass es wohl kein Zufall ist, das dieser Film in Serbien entstanden ist. Es wird mehrfach auf den Krieg angespielt und hingewiesen und daher ist eine Interpretation des Films als spezielle und explizite Darstellung von Kriegsfolgen in Bereichen, die mit Krieg nur mittelbar zu tun haben durchaus haltbar. Zerstörte Familien, Überlebende, die in ungeahnte Abgründe geschaut haben, und deren Sein aufs Tiefste verletzt wurde, die vielleicht sogar ihre Identität und damit ihre Menschlichkeit eingebüßt haben. Identität und Sexualität sind dabei Themen, wie sie kaum enger miteinander verbunden sein könnten. Der Krieg hat die Volksidentität angegriffen und sicher teilweise auch zerstört. Die hier gezeigten sexuellen Perversionen können durchaus eine Folge davon sein, sind sie doch Ausdruck des größtmöglichen (?) menschenverachtenden Zynismus´.
Wer dem Film also eine Chance geben möchte und an den plump aufgezogenen Tabubrüchen vorbei und hinter die Fassade schauen möchte, kann unter Umständen zu dem Ergebnis kommen, dass dieser Film sogar intelligent ist und sich deswegen tief in einen hineinfrisst. Ich hab es nicht bereut, mich auf diesen Film eingelassen zu haben, aber der nächste anstehende Film wird sicher was leicht Verdauliches. A Serbian Film werde ich mir sobald nicht wieder anschauen, aber ich bin überzeugt, das er noch lange in meinem Unterbewußtsein wühlen wird.