Nachdem ich Einiges über den Film gehört hatte, war ich neugierig. Und nachdem ich ihn nun UNCUT gesehen habe, möchte ich ebenfalls einen (für viele womöglich unverständlichen) Kommentar dazu abgeben. Bei der Sichtung bisheriger Reviews fiel mir sofort auf, dass viele Schlechtbewerter denken, dass sich die Gutbewerter mit dem Gezeigten positiv identifizieren können. Diese Vermutung ist in meinen Augen ganz großer Schwachsinn, und man kann diese Meinung leicht deklassieren, indem man sie auf anerkannte Filmklassiker überträgt. Identifizieren sich PULP FICTION-Fans mit Heroin spritzen, vollgepumpt Auto fahren und/oder Auftragsmorde begehen? Wohl kaum! Identifizieren sich CLOCKWORK ORANGE-Fans mit dem gewalttätigen Handeln von Alexander DeLarge? Ich denke, nicht! Und identifizieren sich SAW-Fans mit der Vorgehensweise von Jigsaw? Na hoffentlich auch nicht! Ich könnte jetzt noch mit Michael Myers, Jason Vorhees und Freddy Krueger weitermachen (alles ziemlich kranke Serienkiller, die eine sehr große Fangemeinde haben), aber ich denke, es ist klar worauf ich hinauswill: wer „A Serbian Film“ gut bewertet, ist nicht zwangsläufig ein perverses Arschloch, das auf die gezeigten Tabubrüche steht und zum Wohle der Gesellschaft in die Klapsmühle einfahren sollte.
Die Gewalt (sexuell und zwischenmenschlich) ist sehr gewagt dargestellt, aber ich kann hier wirklich keine diesbezügliche Verherrlichung erkennen. Der Porno-Produzent ist eindeutig als schmieriger, unsympathischer Geschäftsmann gezeichnet, und der Hauptdarsteller zweifelt ständig an seiner Teilnahme weil er nicht weiß, worauf er sich einlässt. Und nachdem er es erfahren hat, trifft er eine gravierende Entscheidung, die nicht (sich selbst davon) distanzierender hätte ausfallen können. Er erkennt seine Schuld, begreift was er seinen Liebsten angetan hat und handelt konsequent. Ich sage nicht, dass diese Entscheidung moralisch integer ist, aber sie ist verständlich angesichts dessen, wovon der Zuschauer zuvor Zeuge wurde. Das bringt mich gleich zum nächsten Punkt: dem Publikum. Aufgrund der Tatsache, dass diesem jungen Streifen schon ein beachtlicher Ruf vorauseilt, wage ich mal die Prognose, dass mindestens 90% der Zuschauer wissen, worauf sie sich einlassen. Wer damit grundsätzlich ein Problem hat, sollte sich diesen Film nicht ansehen. Wer es dennoch, tut, braucht hinterher nicht rumjammern, wie „krank“ das hier Gezeigte ist. Ja, es ist „krank“, aber es ist auch die überspitzte Abbildung der Realität in Bezug auf unsere voyeuristische Sensations- und Konsumgier.
Ich vermute, dass der Großteil der Rezipienten dieses Werkes männlich ist, und bekanntlich mögen viele Männer Pornofilme. Eine Frage an Euch: mögt Ihr Pornofilme, wo der Mann seine Partnerin mit sanften Beckenbewegungen zum Höhepunkt manövriert, sie dabei küsst und ihr versichert, dass sie sein Ein und Alles ist? Oder steht Ihr mehr darauf, dass eine austauschbare Frau hart rangenommen wird und sich dabei möglichst schlampig gebärdet? Wer letztere Frage ehrlich & selbstkritisch bejaht, sollte den Spiegel erkennen, den ihm der Regisseur von „A Serbian Film“ schonungslos vorhält. Ein weiterer Aspekt auf der Meta-Ebene ist die Aufarbeitung des Jugoslawien-Kriegs in den 90er Jahren und dessen Auswirkungen speziell auf die serbische Gesellschaft. Ich bin kein Geschichtsexperte, aber mir ist zumindest klar, dass die Betroffenen durch derart einschneidende Erlebnisse verrohen, viele Verluste hinnehmen mussten und sich demzufolge nach neuem Wohlstand sehnen, welcher dem Hauptdarsteller für sich und seine Familie versprochen wurde. Die entscheidende Frage ist „Wie weit würde man dafür gehen?“, und das Kritikwürdige ist für mich nur der Filmtitel, weil Kleingeister annehmen könnten, dass diese Problematik eine rein serbische ist. Irrtum, sie betrifft alle Menschen!
Unterm Strich bleibt eine zugegeben sehr fragwürdige Auseinandersetzung mit den angesprochenen Thematiken. Was die Tabubrüche angeht, verweise ich auf Artikel 5 des Deutschen Grundgesetzes: „(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten [...] (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in [...] dem Recht der persönlichen Ehre.“ Dieser Film verletzt aber nicht diese Ehre, weil er rein fiktiv ist, d.h. es gibt keine Opfer, außer den paar Leuten, die nicht mit Horror-/Pornofilmen vertraut sind und unwissend seine Sichtung vornahmen. Wer nicht zu dieser Klientel gehört und sich darüber hinaus auch für technische Aspekte interessiert, dem sei gesagt, dass die Kameraführung, der Spannungsaufbau und vor allem der dunkle Soundtrack grandios ist und höchst professionell erstellt wurde. Ähnliche Filme wie „Saw“, „Hostel“ oder die Franzosenslasher lässt ASF meiner Meinung nach weit hinter sich, und ich hoffe, dass er nicht auf der BPJM-Liste B landen wird, was aber ziemlich wahrscheinlich ist. Vielmehr wünsche ich mir, dass er denselben künstlerischen Respekt erntet wie die Filme aus der KINO KONTROVERS-Reihe, in der er neben Meisterwerken wie „Menschenfeind“ und „Die 120 Tage von Sodom“ besser aufgehoben wäre.
9 von 10