Seit ich denken kann, gab es wohl keinen annährend so kontroversen Film, der überall im Munde war und über den in sämtlichen Foren so dermaßen gestritten wurde, dass die Diskussionen in wüste Beschimpfungen ausarteten und sich User gegenseitig an den Kragen gingen. Dies liegt an der Thematik von "A Serbian Film": Thematisch werden sexuelle Abgründe aufgegriffen und vorallem die "Newborn"-Szene, in der ein gerade geborenes Baby missbraucht wird, war der Auslöser für die Kritiken und Beleidigungen in Foren. Selbst ich war angeekelt und hab mir gedacht, dass ich mir so einen kranken Scheiß niemals antun werde. Nach langer Überlegung hab ich es dann doch getan und mir den perfekten Zeitpunkt ausgesucht: Diesen Film definitiv alleine zu schauen (gut, meine Katze war dabei), hochkonzentriert und ohne irgendwelche Weichmacher in der Birne. Und meine Gefühlswelt fuhr während und auch nach "A Serbian Film" Achterbahn - und die Gedanken werden mich verfolgen.
Im Mittelpunkt steht der ehemalige Pornostar Milos, der mit seiner Frau und Sohnemann ein glückliches, aber verarmtes Leben führt, da er keine Rente kassiert und seine Ersparnisse allmählich zugrunde gehen. Eines Tages kommt der dubiose Geschäftsmann Vukmir auf Milos zu, der ihn für einen Kunstporno engagieren will und ihm eine Summe bietet, mit der Milos und seine Familie ein Leben lang ausgesorgt haben - einziger Haken dabei: Milos darf nichts vom Drehbuch wissen, da dies authentischer beim Dreh wirken soll. Milos macht sich viele Gedanken und sagt dann schließlich doch zu. Schon der erste Drehtag wirkt unheimlich und macht Milos Angst und als er nach weiteren Drehtagen von dem Projekt abspringen will, setzt Vukmir ihn mit Drogen außer Gefecht, um den Film fertigzustellen.
Tage später wacht Milos mit einem Filmriss auf und kann sich an nichts mehr erinnern. Er begibt sich zum Filmset, wo er die Filmaufnahmen entdeckt in denen er sieht, für was er im Drogenrausch benutzt wurde...
Mit relativ wenigen Vorkenntnissen legte ich die Scheibe hinein und war erstmal überrascht, dass dieser Film wie ein edles Hochglanzprodukt aus Hollywood wirkte. Milos, der ehemalige King der Porno-Szene, okay, dass ist jetzt nicht ein Charakter, mit dem man sich identifizieren kann/möchte, jedoch wird er genau wie seine Familie überaus sympathisch vorgestellt. Nach mehreren Softsex-Porno-Szenen (für meinen Geschmack hätte es auch weniger davon bedarft) kommt der Film ins Rollen. Und das mit einer dermaßen üblen Durchschlagskraft, die mich verstört und depressiv gestimmt hat. "A Serbian Film" ist ein deftiger Thriller der ganz üblen Sorte und selten hat mich ein Schicksal einer Familie berührt, wie hier. Damit meine ich nichtmals den Schlusstwist (der absolut gar nichts mehr in mir auslöste) sondern den Entschluss, wie die Familie mit diesem Schicksal weiterleben möchte. Die Sexszenen sind äußerst grenzwertig, auch wenn man nie Geschlechtsteile zu sehen bekommt. Bei Blowjobs sieht man zwar einen Schwanz, jedoch ist dieser nicht echt (nach meiner jahrelangen Erfahrung und mit der wahrscheinlich besten Porno-Sammlung im ganzen Saarland kann ich das behaupten). Echte Geschlechtsteile sah Regisseur Spasojevik wohl selber als seinen eigenen, persönlichen Tabubruch an. Schließlich soll hier nichts "echt" sein.
Natürlich will ich auch noch auf die ganz bestimmte Szene eingehen: Diese ist völlig deplaziert, fügt sich nicht in die Story hinein, sondern hat nur zwei Sachen zu erfüllen: Den Zuschauer zu schockieren (hat gepasst, mir war danach schlecht) und vorallem (!) die Werbetrommel für den Film zu rühren. Denn ohne diese Szene hätte die Filmgemeinde diesen Film mit Sicherheit registriert, aber nicht weiter sonderlich wahrgenommen. Damit meine ich jetzt keine kleine Scheißer, denen noch keine Sackhaare wachsen, nur um mitreden zu können, sondern das mündige Publikum. Egal ob man den Film gesehen hat oder nicht, man hatte dazu einfach eine Meinung und dies beschäftigte einen über Tagen und Wochen.
Ich kann auch felsenfest behaupten, dass in zweihundert Jahren, falls sich die Menschheit bis dahin noch nicht in die Luft gesprengt hat, wird kein Film rauskommen, der noch grenzwertigeres zu bieten hat. Man erinnere sich an die Zombie-Welle, oder die ersten nackten Titten in Filmen. Was heute als völlig normal erscheint, sorgte damals für Skandale. Aber wenn man sieht, wie ein Baby missbraucht wird, wird das auch in Zukunft niemals als "filmisches Stilmittel" akzeptiert werden. Und das ist auch gut so.
Fazit:
"A Serbian Film" stellt sich relativ mainstreamig von der Erzählweise heraus und kommt als Hochglanzprodukt rüber. Wenn man stahlharte Nerven hat und akzeptiert, was auf der Bildfläche passiert, bekommt man ein ultra knüppelhartes Drama mit hypnotisch passendem Soundtrack serviert, das einen so schnell nicht mehr loslassen wird . Wenn diese eine Scheiß-Szene nur nicht wäre...
9/10