Was titelseitig wie eine patriotische Liebesverklärung des Regisseurs an die eigene Kinokultur klingt erweist sich bei Sichtung als waschechter Problem film in mehrer Hinsicht: "A Serbian Film" kam in Zeiten auf den Markt, wo einstige Skandalfilme wie "Die 120 Tage von Sodom" und "Cannibal Holocaust" schon längst zu Edgelordheiligtümern und Meme - Rohstoff degradiert wurden und kippte einen ordentlichen Schuß Napalm in die fast erstickten Flammen des Kunst vs. Schund - Diskurses, aus der traditionell nur Importhändler als Sieger vorgehen (Sollen sie ruhig! Es sei ihnen von Herzen gegönnt).
Das mittlerweile ikonische Filmplakat habe ich jahrelang und zu Haufe in den Regalen diverser Kaufhäuser gesehen, den Film aber mangels Recherche immer für harmloses Asylum - artiges Blendwerk gehalten. Erst Jahre später, als mir während meiner Ausbildung zwischen zwei Kunststunden von einer Mitschülerin, die um meine Horrorvorliebe wusste, von diesem Film berichtet wurde schüttelte ich ungläubig mit dem Kopf und konnte die eindringende Neugier dennoch nicht abwehren. Bei einem Ausflug mit Freunden zum Weekend of Horrors landete eine Kopie des Filmes dann auch in meinem Besitz, deren Sichtung ich bis zum 2. Weihnachtstag erfolgreich aufschob. Als dann der Film im Player landete übergoss der Film mit spontan aus einem Geschenkebeutel der schlechten Laune und der menschlichen Abgründe. Lieber wäre mir das traditionelle Stück Kohle oder gar die Rute gewesen:
"Der Serbe", so nennt man diesen Film auch gerne verkürzt und verschämt des Originaltitels, ist in Mann mittleren Alters namens Milos, ein Ex - Pornostar, der seine Karriere zu Gunsten von Frau und Kind aufgegeben hat und von seiner in jahrelangem Lendenwerk angefickten hohen Kante auch bisher sehr gut leben konnte, hübsches haus inklusive. Das ist nur dummerweise mit der Übersetzertätigkeit seiner Frau allein bald alles nicht mehr finanzierbar und Milos selbst hat sich mit seinem einstigen Beruf die Tür zu einer regulären Arbeitslaufbahn mit längstmöglichen Nägeln gerade zu verrammelt. Zwei fünfzig in die Wortwitzkasse, weiter im Text!
Abhilfe kann da ein durch eine ehemalige Mitstreiterin vermittelte Rolle machen: Der Psychologe und Regisseur Vukmir überredet Milos schließlich mittels eines astronomisch hohen Gehaltsschecks, mit dessen Hilfe lebenslanges Faulenzen im Luxus angesagt sein könnte, zur Teilnahme an einem teilimprovisierten Kunstporno. Während der erste Drehtag noch in lynchesk absurden, aber harmlosen Bahnen verläuft nötigt man dem Wiedereinsteiger an Tag 2 bereits erste robheiten auf, was der strikt ablehnt und das Set empört verlässt. Vukmir, der Milos nun mit einer alten Produktion aus seiner Feder endgültig verstört lässt den Star seines Filmes betäuben und zurück ins Studio karren. Tage später erwacht der bar jeder Erinnerung, aber umgeben von Videobändern und einem Camcorder, die ihm bei der Rekonstruktion seiner Gedächtnislücken helfen. Etwas, was er besser nicht hätte machen sollen...
Ein Film über das korrupte serbische System soll das hier sein, deren Moral wortwörtlich ist "Hier bist du von Anfang an gefickt" (die Beschreibung der Szene erspare ich uns mal). Ich sehe in dem Film aber noch eine ganz andere Komponente: "A Serbian Film" erfüllt die selbe Rolle, die "Cannibal Holocaust" für die Mainstream - Medien einnahm, für den Pornofilm und zeigt, wohin die Suche nach immer krasseren Stimuli auf Bildebene letztendlich führt oder führen kann. Nur blöd, dass sich der Film exakt der selben Mittel wie "Cannibal Holocaust" bedient, also jener, die er verteufelt. Für die Kritiker wird es umso einfacher, den Film durchzukauen und auszuspucken, die Zensur hat danach noch einfacheres Spiel. Irgendwie schade, wenn man bedenkt, welche Stärke der Film sich mit dem deodato'schen Vorbild teilt.
In einer ähnlichen Struktur folgt das Skript dem selben Spannungsaufbau, der einen für die ersten zwei Filmdrittel in relativer Sicherheit wiegt und dann mit der Konfrontation zwischen Vukmir und Milos ins krasse gegenteil umschlägt. Ab da erlaubt sich der Film alles, was dem normalen Zuschauer nicht genehm ist und sogar den hartgesottenen Horrorfan mit aller Härte trifft. Die Sets, in die Milos während des Drehs eintaucht sind mitunter surreal, wirken wie kunstvolle Theaterbühnen, die dann für sowas profanes wie einen Sexfilm verschwendet und schließlich für Milos zu einer Art Privathölle werden. Der Soundtrack zwischen harten Elektroklängen und dunklen ambientischen Stücken legt dann noch eine zusätzliche Schicht Dreck auf die Patina aus Sperma und blut, die den ganzen gestellten Hochglanz überdeckt.
Ohne das Ende komplett zu spoilern kann man außenstehend davon ausgehen, dass der Film nicht gut ausgeht. Die von Vukmir heraufbeschworene "glückliche, serbische Familie" ist nun irreparabel zerstört, zusammengebrochen unter der last des Kreuzes, was Milos sich aufgeladen hat. Dass am Ende dann die zerstörte Familie doch noch zur künstlerischen Verwertung herangezogen wird ist zynisch und ein Zeichen menschlicher Gier.
Entgegen seines beschissenen Rufes hat dieser Film also doch einiges richtig gemacht. Zwei Szenen hätte ich lieber aus dem Drehbuch entfernt gewusst, aber der Rest von Srdjan Spasojevics einzigem Spielfilm macht einen durchaus spannenden, psychologisch interessanten Eindruck, auch wenn er sich mit seinem Film in der selben argumentativen Falle verstrickt, die auch Ruggero Deodato künstlerisch das Genick gebrochen hat.
Der durfte sich immerhin nach seinem Kannibalendebakel im italienischen Genrefilm von den Folgen erholen und wieder einen Fuß in die Industrie bekommen. Wo indes Spasojevic bleibt ist mir ein Rätsel. Irgendwo las ich mal von einem geplanten Horrorwestern, was sich allerdings scheinbar nie bewahrheitet hat. Vielleicht hat der gute Mann mit seinem Erstling dem guten Geschmack zu heftig ins Gesicht gespuckt und ist deshalb als Persona non grata in der modernen Filnmgeschichte abgesoffen. Ich mutmaße mal, dass er mittlerweile wie "Thriller" - Regisseur von den Tantiemen seines Erfolgswerkes lebt und das im Idealfall sogar halbwegs gut, und würde mir wünschen, dass er für sein kurioses Zweitwerk auf die Leinwand zurückkehrt. "A Serbian Film" ist nicht an Unfähigkeit gescheitert, sondern an mangelndem Fingerspitzengefühl. Daher reiht der Film sich auch beinahe zwei Jahrzehnte nach Veröffentlichhung nun auch in die Edgelord - Altäre und Meme - Verwertungsanstalten des internets ein. War ja nur eine Frage der zeit, dass es soweit kommt.