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In der Euphorie rund um den vielfachen Oscargewinn von Kathryn Bigelows "The Hurt Locker" im direkten Vergleich mit "Avatar" ist praktisch untergegangen, daß es einen Film im Preisrennen gab, der inhaltlich eine thematische Verwandtschaft mit dem späteren Gewinner gab, die durchaus Anlaß zu nicht unberechtigten Hoffnungen gab.
Oren Movermans Debutfilm "The Messenger" beschäftigte sich ebenfalls mit Amerika und den Folgen des Krieges in Nahost, allerdings richtet sich der Fokus hier nicht auf den Kriegsschauplatz selbst, sondern auf die Folgen nach der Heimkehr aus dem Konflikt.
Indem er seine eigenen Erfahrungen mit in das Drehbuch einbrachte, konnte er sich dem Thema vermutlich wesentlich authentischer nähern, als es mit einem Fremdskript möglich gewesen wäre, gerade da es um die Identitätskrise der Soldaten nach dem Krieg geht. Das ist kein neues Thema, aber wo sonst für gewöhnlich schwere Traumata oder Schuldgefühle im Zentrum der Geschichte stehen, um die Unfähigkeit, an das alte Leben wieder anknüpfen zu können, zu illustrieren, geht Moverman die Dinge allgemeiner an, aber damit nicht weniger intim.

"The Messenger" dreht sich, anders als das in manchen Inhaltsangaben vielleicht kolportiert wird, nicht zentral um die bedrückende Arbeit in der Benachrichtigungseinheit des Militärs, die Angehörige vom Ableben der Soldaten so schnell wie möglich nach dem Todesfall informieren muß, um sozusagen die Fachkompetenz (weniger die Sozialkompetenz) des Militärs zu bestätigen, sondern benutzt die Arbeit mehr als einen Resonanzkörper für die Beschreibung der beiden zentralen Figuren.

Will Montgomery, der Neue im Team ist ein Rekonvaleszent und Kriegsheimkehrer, dessen Beine genauso wie sein eines Auge noch nicht vollständig geheilt sind, was auf eine ehrenhafte Kriegsheldentat zurückgeführt wird, die sich selbstverständlich später aus persönlichem Blickwinkel relativieren läßt. Für drei Restmonate Dienstzeit wird er nun dem mehr als robust wirkenden Captain Stone zugeteilt, der seinen Job scheinbar nach dem Handbuch erfüllt und jede Emotion für die Dauer der Nachrichtenüberbringung ausblendet, um sonst in probater Weltzynik und geiler Oberflächlichkeit zu versinken.
Anhand verschiedener Todesnachrichten werden diese Männer jetzt als Resonanzkörper für die Befindlichkeiten der Angehörigen benutzt und es wird im Film keine standadisierte und normal ablaufende Meldung geben: entweder die Angehörigen verfallen in Wein- und Hysteriekrämpfe oder machen den Boten schwerste Vorwürfe, bzw. überschütten sie mit ihrem Haß.

Was anfangs noch geordnet aussieht, kriegt schon bald die entsprechenden Risse: Stone kann seine Fassade immer schwerer aufrecht erhalten, der Antialkoholiker hat längst Risse bekommen und die werden durch den stoischen Montgomery nur noch verstärkt, der nach außen hin zwar Dienst nach Vorschrift tut, daheim aber die Kriegsgedanken nur durch ohrenbetäubenden Metal unter Kontrolle hält.
Prompt ist die erste nicht anklagend verlaufende Todesnachricht an die jetzt allein erziehende Mutter Olivia (eine enorm verlebt aussehende Samantha Mathis) dann auch die Ausfahrt für die ersten Schritte in das alte oder ein neues Leben: Will wird zu einer Art behutsamen Stalker, der die Nähe der Frau sucht, die sich für ihn so widersprüchlich verhält. Zwischen den beiden baut sich eine emotionale Spannung auf, der im Film nicht nachgegeben werden darf, die jedoch fast fühlbar wird, wenn sich die beiden angespannt und stets nähernd und wieder entfernend gegenüber stehen.

"The Messenger" ist kein wirklicher offensiver Kommentar zur Lage der Nation in den Staaten, aber er trifft in vielerlei Hinsicht indirekt den Ton. Folgerichtig und sinnlos sind die Tode, die gestorben wurden und alle Wut und Trauer, alle Fragen über den Sinn des Geschehenen sind so berechtigt, wie kaum zu beantworten. Das bittere Schweigen fällt jedoch auf die Soldaten zurück, deren innerer Zustand sich schlußendlich in einem emotionalen Ausbruch Bahn bricht: das Nachstellen von Krieg als Spiel ist nur noch unter Alkohol zu ertragen, die bittere Normalität (in Form einer Vernunftshochzeit von Wills Freundin, die ihn eigentlich mehr liebt als ihren Zukünftigen) hat keinen Platz mehr für die Männer. Am Ende bleiben die Soldaten allein auf sich bezogen und machen eine Art reinen Tisch, die reinigende Wirkung spült alles hoch, was man zuvor verdrängt oder weggesoffen hat - und mündet in eine hoffnungsvolle Note, die allerdings nicht alle Perspektiven für die Zukunft wieder richtig stellt, sie wirkt nur wie die einzige Chance, mit dem Erlebten zu leben, so wie die Angehörigen auch.

Movermans Erstling ist ein ruhiges, fast entnervendes Werk angefüllt mit Szenen des Schweigens, in denen Figuren Worte suchen, die es nicht gibt. Eine Plattform für hervorragendes Schauspielerkino und das nutzen Ben Foster und vor allem Woody Harrelson tunlichst aus, denn präzisere Portraits unpräziser Figuren hat es selten gegeben und Harrelsons Stone ist eine so komplex ausgespielte Figur, daß man nie weiß, ob man mit ihr lachen, saufen, sie verprügeln oder erschießen sollte, ein Widerling und Berserker, aber nie ein wirklich schlechter Mensch.
Was man als Zuschauer jedoch braucht, ist eine enorme Menge Geduld, denn der Film scheint sich seinen Weg unschlüssig selbst zu ertasten, viele Szenen wirken überlang oder bemüht, manche getragen und dramatisch forciert, manche dagegen zu behutsam und fragil und der rote Faden zerfasert öfter, um dann später erst wieder zusammengeführt zu werden. Wer es konkret mag, dem wird "Messenger" eine Menge Unruhe verschaffen, hier ist nicht die Story, sondern die Absicht, nicht die Geschichte, sondern die Figuren und Darsteller sind angesagt. Damit rückt der Film jedoch schon wieder in die ungewollte Arthaussparte für ein interessiertes Publikum und vertritt nebenbei keine populäre Position (ehrlich gesagt vertritt er gar keine Position, er schildert Situationen oder stellt sie nach). Möglicherweise ein Thema, daß auch in unserem Land inzwischen an Aktualität gewonnen hat, schließlich gibts auch bei uns wieder Todesnachrichten zu überbringen. (7/10)

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