Review

„Das Ungeheuer von Loch Ness“ – so tönt uns der deutsche Verleihtitel entgegen und es ist sicherlich einer der knuffigsten Fälle von Etikettenschwindel überhaupt, denn wenn der vorliegende mit etwas absolut nichts…nüscht…niente zu tun hat, dann mit dem schottischen Saurier, den jeder mal gesehen haben will.

Aber nun gut, es waren die späten 50er und dem armen Sauroiden wird hier eine biblische Analogie, die des Ungeheuers „Behemoth“ von seinem ersten Opfer angehängt und das war es dann.

Dahinter steckt aber – wie so oft in den 50ern – die furchtbare Atomindustrie mit ihren Kernwaffentests, die natürlich bezüglich des radioaktiven Fallouts die Nahrungskette im Meer enorm aufmischte. Übrigens kein schlechter Ansatz aus ökologischer Sicht, Ähnliches musste ja schon öfter als Ausrede für ins Riesenhafte mutierte und schlecht einkopierte Riesentiere herhalten.

Irgendwo im originalen Plotentwurf waren diese Mutationen wohl verankert, weswegen am Anfang auch Fische sterben und eine quallige Masse radioaktive Verbrennungen abstrahlt. Das alles verschwindet dann flugs und macht Platz für einen nicht näher erklärbaren Saurier, der durchs Meer paddelt.
Und damit nicht genug, das Vieh ist hochradioaktiv, kann elektrische Schocks samt Strahlungsverbrennungen emitieren und geht langsam – also zu langsam – daran zu Grunde. Leider ist er genetisch lachsähnlich und sehnt sich zu den flachen Gewässern seiner Herkunft zurück, weswegen er sich die Themse aufwärts auf den Weg nach London macht. Wo er dann aus dem Wasser steigt und auf die Kacke haut…

Ihr merkt es schon: da sind so gewisse Ähnlichkeiten mit „The Beast from 20000 Fathoms“ aka „Panik in New York“ zu sehen und tatsächlich wurde das Originalbuch bewusst in Richtung eines Beinahe-Remakes umgeschrieben. Der Film weist jetzt auffällige Ähnlichkeiten auf, benötigt aber bei gerade mal 70 Minuten Lauflänge ziemlich lange, um in die Puschen zu kommen.
Wo der von Harryhausen getrickste Vorgänger bis zur Präsentation der Entwurfszeichnung nur einen Arktisprolog benötigte, dauert es hier – in der britischen Bildungsvariante – 30 Minuten bis zur Skizze. Und 45 Minuten bis zur ersten Schwanzspitze des Viechs. Richtig in die Vollen geht es hier erst in den letzten 15 Minuten, für die man den King-Kong-Altmeister Willis O’Brien noch einmal einlud, der jedoch nur mäßiges Material und noch weniger Zeit hatte.
Somit geriet das Ergebnis zwar zu einem ordentlichen Stop-Motion-Erlebnis, war aber bei weitem nicht allererste Sahne. Der Saurier ist in Sachen Mimik leider etwas grob gestrickt geraten, macht aber nett Rabatz – ein paar flüssige Bewegungsabläufe wären aber schön gewesen.

Dennoch ist das Ergebnis aber noch zufriedenstellend, denn der britische Film (auch in „Fathoms“ löste der Saurier radioaktive Verbrennungen aus, wenn auch züchtigere) nähert sich dem Problem von der wissenschaftlichen Seite. Und das tut er so konsequent, das die Story sogar auf die übliche Liebesgeschichte verzichtet. Der Pärchenkram beschränkt sich in den ersten 20 Minuten auf die Tochter des Fischers und den jungen Mann, danach verschwinden diese Figuren.

Stattdessen schlägt man sich mit Militär und Behörden und versucht, das Untier aufzustöbern, welches sich aber für das Radar unsichtbar machen kann. Die Tauchkugelsequenz auf der Vorlage gerät hier zu einem Angriff auf einen Helikopter und am Ende kommt man zu dem seltsamen Schluss, dass man mit noch mehr Radioaktivität das Unheil wieder aus der Welt schaffen kann, was mittels eines Torpedos offenbar auch noch gelingt.

Was ich an dem Film mag, ist sein Ernst und seine Sachlichkeit, das Kitschfreie, welches irgendwie auch zu den Quatermass-Abenteuern passt. Das gilt auch für die Besetzung, denn Andrè Morell spielte parallel Quatermass Nr. 3, während Gene Evans in „Donovan’s Brain“ unterwegs war und der hier etwas spinnerte Jack MacGowran später in Polanskis „Tanz der Vampire“ den Professor Abronsius auf den Leib geschrieben bekam.
Natürlich brennt man bei solchen Filmen auf die Auftritte des Monsters und da hapert es schon etwas, denn in Louriés eigenem Vorgänger hatte O’Briens Schüler Harryhausen das viel besser und einfallsreicher aufbereiten dürfen.

Dennoch stimmt die Message auch heute noch – in einem Film, der sich seinen einzigen bitteren Witz in der Schlußszene gönnt, wenn die Kacke an einer anderen Küste dieses Planeten wieder am Dampfen ist.
Sicherlich nicht der farbenfroheste S/W-Monsterfilm, aber mit guten Absichten gepflastert und als Spätveröffentlichung (die Welle war 1958 praktisch schon ausgelaufen und zog nur noch in Japan an) durchaus noch delektabel. (5/10)

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