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Julia Jentsch spielt die 17-jährige Effi Briest, die Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund gesellschaftlicher Konventionen und dem Druck, den ihre Eltern auf sie ausüben, den wesentlich älteren Geert von Innstetten, gespielt von Sebastian Koch, heiratet. In der lieblosen Ehe fühlt sich Effi wie gefangen, weswegen sie schließlich dem Verführer Major Crampas, gespielt von Misel Maticevic, verfällt. Als Innstetten Jahre später von der Affäre erfährt, kommt es schließlich zur Katastrophe für Effi und ihren Liebhaber.

Theodor Fontanes "Effi Briest" ist bis heute einer der bekanntesten deutschen Vertreter des Realismus und nach wie vor eine beliebte Schullektüre. Aufgrund des hohen Bekanntheitsgrades widmeten sich bereits mehrere Regisseure dem Stoff, so ist dieser Film bereits die vierte Adaption des Romans. Da aber dennoch einige Handlungsverläufe grob verfälscht werden, die Aussagen des Romans verschwimmen und sich Regisseurin Hermine Huntgeburth darüber hinaus an keine eigene Interpretation des Stoffs wagt, ist die Verfilmung schlicht weg überflüssig und verschwindet im Mittelmaß.

Es sind vor allem die narrativen Mängel, die die wichtigsten Ansätze von Fontanes Roman verschwimmen lassen. So wird die Hochzeit zwischen Innstetten und Effi bereits am Anfang des Films sehr schnell wiedergegeben und beim rasanten Erzähltempo, das Huntegeburth hier vorlegt, kristallisiert sich kaum heraus, wer diese verspielte, etwas naive Effi eigentlich ist, die später in ihrer lieblosen Ehe zugrunde geht. Auch bei der Konstruktion von Innstetten fehlen wichtige Aspekte, so wird beispielsweise der Chinesenspuk, den er einsetzt um seine Frau in ihrem, wie sie es im Film selbst formuliert "Käfig aus Angst" einzusperren, während er sich auf diversen Dienstreisen befindet, nur tangiert und für den, der das Buch nicht gelesen hat, dürfte dieser wichtige Aspekt zur unwichtigen Nebenhandlung degradiert werden.

Im Mittelteil drosselt Huntegeburth das Erzähltempo dann ein wenig, widmet sich aber lieber diversen Liebes-Szenen, denen Fontane bei seinem Roman sehr wenig Raum eingestanden hatte, statt die gesellschaftskritischen Ansätze, die das Buch hatte, zu vertiefen. Als Zeitportrait und Milieustudie, und als diese war "Effi Briest" zweifelsohne angelegt, versagt der Film, der nicht mehr als ein Ehe-Drama ist, also auf ganzer Linie und selbst der zentrale Dialog zwischen Wüllersdorf und Innstetten über die Duellfrage ist so stark verkürzt, dass die wichtigsten gesellschaftskritischen Ansätze verloren gehen. Das letzte Quäntchen Inkonsequenz, mit der die Macher hier vorgegangen sind, zeigt sich dabei darin, dass Effi, die im Roman als Opfer der Gesellschaft verstirbt am Ende des Films noch lebt und das Werk, das eigentlich mit einem ernüchternden Ausgang zum Nachdenken anregen sollte, so ein tröstliches Ende hat.

Für den, der das Buch nicht gelesen hat, wird der eigentliche Plot sicherlich verständlich und in groben Zügen (die Tatsache, dass Effi überlebt mal außen vor) gelungen wiedergegeben, einen hohen Unterhaltungswert sollte sich dennoch niemand erhoffen, da der Film so holprig erzählt wird, dass kein rechter Spannungsbogen, kaum mitreißende Dramaturgie zustande kommt, zumal sich Huntegeburth stellenweise auf Nebenschauplätzen verirrt, die den Film teilweise ausbremsen. Vor allem die, deutlich in die Länge gezogenen Sex- und Liebesszenen tun ihr Übriges um den Unterhaltungswert zu senken.

Immerhin weiß Huntegeburths Werk unter handwerklichen Gesichtspunkten, die narrativen Mängel ausgenommen, durchaus zu gefallen. Die Ausstattung ist für einen deutschen Film überaus opulent und ist darüber hinaus sehr authentisch für das Ende des 19. Jahrhunderts. Die Landschaftsaufnahmen in Kessin, die Einstellungen, in denen der Strand zu sehen ist, die Kulisse von Innstettens Haus, wirken trostlos, trist und kühl, haben in gewisser Weise sogar eine surreale Schönheit an sich und damit spiegelt sich die Lage der vereinsamten Effi durchaus im Zuschauer wieder. Neben dieser äußeren Opulenz ist aber auch der Score, der zwar zu keinem Zeitpunkt eine mitreißend emotionale, bzw. eine gespannte Atmosphäre zu kreieren vermag, den Film aber auf jeden Fall stimmig unterlegt, gut gelungen. Zudem setzt Huntegeburth ihre Hauptfigur durchaus gekonnt in Szene, so gibt es immer wieder Einstellungen auf die weinende, verstörte Effi, die zumindest ansatzweise Mitleid erzeugen können. Huntegeburth, die zuletzt mit "Die weiße Massai" ebenfalls nicht mehr und nicht weniger als ein Unterhaltungsdrama abgeliefert hatte, zeigt also eine versierte Inszenierung, aber wenig Verständnis, bzw. Respekt für Fontanes Werk, wobei es vielleicht auch das Profitkalkül der Produzenten war, das Huntegeburth nicht genügend Freiräume, wie beispielsweise eine länger Laufzeit eingestand.

Unter darstellerischen Gesichtspunkten ist "Effi Briest" für eine deutsche Produktion jedenfalls erfreulich gut geworden. Julia Jentsch ist in der Rolle der vereinsamten, in einer lieblosen Ehe gefangenen Effi durchaus glaubhaft und stellt die meisten Gefühlsregungen authentisch dar, auch wenn sie dann doch zu häufig an das Mitgefühl des Zuschauers für ihre Figur appelliert und allzu oft in Tränen ausbricht. Sebastian Koch ist als Innstetten durchweg überzeugend, spielt den, eher auf seinen Beruf fixierten, lieblosen Ehemann kühl und distanziert und wird damit dem Charakter aus der Vorlage gerecht. Misel Maticevic ist als Verführer Crampas solide und auch der restliche Cast, in dem vor allem Rüdiger Vogler als Gieshübler und Barbara Auer als Johanna positiv herausstechen, kann sich auf jeden Fall sehen lassen.

Fazit:
Da die gesellschaftskritischen Ansätze der Vorlage nahezu gänzlich verloren gehen und auch weitere wichtige Facetten des Werks, wie der Chinesenspuk, nicht tiefer behandelt werden, ist "Effi Briest" nichts weiter als eine bloße Wiedergabe des Romans, die zu allem Überfluss auch noch recht holprig erzählt ist. Aufgrund der versierten Inszenierung, des hohen Schauwerts und des guten Casts schafft die Literatur-Verfilmung dennoch den Sprung ins Mittelmaß und unterhält zumindest über weite Strecken. Im Grab umdrehen würde sich Fontane dennoch.

48%

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