Review

Wie es der Zufall so wollte, lief mir die aktuelle Neuverfilmung von Fontanes "Effi Briest" just in jenen Tagen über den Weg, in denen ich mich selbst anschickte meine Examensprüfung im Fach Deutsch über eben jenes Thema zu absolvieren.
Und nicht nur ich kann nur entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, nachdem endlich der Abspann über die Leinwand flimmerte. Fontane selbst hätte sich wohl in seinem Berliner-Grab dreimal umgedreht, könnte er dieser diletantischen Vergewaltigung seines Meisterstücks beiwohnen.

Eine echte Hundsgeburt von einem Film könnte man da spotten, die uns Hermine Huntgeburth hier kredenzt hat. Man muss es kurz und schmerzlos auf den Punkt bringen: Was Fontanes literarisches Werk, dessen feinfühlige Darstellungsformen, Kapitelkompositionen und die Tiefe der Figuren anbelangt, so hat diese Frau von Tuten und Blasen schlicht keine Ahnung. Im Gegenteil sogar schien ihr die mitterweile fast 115 Jahre alte Vorlage herzlich egal zu sein und sich stattdessen alles nur darum zu drehen, der eigenen, offenbar unglaublich arroganten Person durch eine trendige "Neuinterpretation" des Stoffes ein kleines Denkmal zu setzen.

Sicher, wer Effi Briest nie gelesen hat, der wird sich hier in einer nett ausgestatteten und prominent besetzten Seifenoper im Kinoformat wähnen. Plakative Poppszenen? Kein Problem, packen wir in ausreichender Menge in den Film, denn sowas will der Zuschauer doch heute sehen! Wen interessiert da schon, dass Fontane so etwas im Geiste des durchaus verklärenden, poetischen Realismus bewusst ausgeblendet hat? Keinen könnt man da meinen. Realistische Darstellung und fontan'sche Erzählraffinesse? Nö, das ist doch anno 2009 viel zu trocken, langweilig und überhaupt viel zu deprimierend! Doch ein Glück, Frau Huntgeburth kann hier ja ohne jeden Skrupel für Abhilfe sorgen: Die Essenz jedes Fontaneromans, gemeint sind die ersten Kapitel, auf ein groteskes Minimum zusammenkürzen, mitunter zentrale Passagen des Buches einfach wegstreichen, Dialoge umschreiben und als Gipfel der Unverfrorenheit das versönlich-bittere Ende im gelebten Revoluzzer-Zeitgeist der 70er Jahre komplett neugestalten.
Zwischendurch wird selbstredend durch oberflächliches Zitieren einiger zentraler Stellen der Literaturvorlage vermeintliche Textkenntnis zu demontrieren versucht. Doch spätestens mit der zweiten ausgedehnten Fickszene wird auch der unbedarfteste Zuschauer merken, das hier etwas aus dem Ruder läuft.

Um dies zu erkennen, bedarf es eigentlich nur eines kritischen Blickes auf die illustre Darstellerriege. Die wenigsten Rollen sind hier auch nur halbwegs adäquat getroffen. Julia Jentsch darf gerne Sophie Scholl spielen bis sie schwarz wird, eine lebensfrohe, unbeschwehrte 17jährige Effi Briest liegt leider außerhalb ihres Talents.
Auch Film-Mama Juliane Köhler macht sich mit ihrer kühlen, unflexiblen Art als "Untergangs"-Eva Braun bedeutend besser. Recht passabel kommt da immerhin noch Sebastian Koch als Baron von Instetten rüber, André Hennicke geht als Wüllersdorf trotz minimaler Screentime ebenfalls in Ordnung. Misel Maticevic als Damenmann Crampas trägt dann doch wieder ein wenig zu dick auf.

Fazit: Ich wähnte mich bereits nach wenigen Minuten in einem schlechten Film - und hatte leider sprichwörtlich Recht damit. Als Fontaneverfilmung ist die vorliegende 2009er-Interpretation eine Katastrophe der übelsten Art. Als Kinofilm für Unbelesene stellt sie immerhin noch eine nett ausgestattete und namhaft besetzte, überlange wie glattgebügelte GZSZ-Folge dar.
Examensnote: Mangelhaft, somit glatt durchgefallen! Effi komm... ganz schnell weg hier!

Objektivurteil: 3 / 10. Subjektivurteil: 1 / 10 (0 / 10 geht bekanntermaßen leider nicht)

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