Kameramann und Videoclip-Regisseur Grant Gee setzt sich in seinem im Jahre 2007 in britisch-US-amerikanischer Koproduktion entstandenen Dokumentarfilm „Joy Division“ mit der gleichnamigen Band auseinander, die, 1976 als Punkband in Manchester gegründet, zu einer der Stil-Ikonen des Post-Punks wurde und das Gothic- bzw. Dark-Wave-Musik-Genre entscheidend prägte, bis nach nur zwei Alben der Texter und Frontmann der Band, Ian Curtis, unter Epilepsie und Depressionen leidend, sich am 18. Mai 1980 das Leben nahm.
Dabei nähert sich Gee der Geschichte der Band, indem er ihr Umfeld, genauer: die Industriestadt Manchester beleuchtet, die untrennbar mit der Band verbunden ist. Der damalige Zustand der brachliegenden, kalten Stadt hilft, den düsteren, industriellen Sound der Band zu verstehen, der das Lebensgefühl der vier Musiker ausdrückte. Gee zeigt alte Bilder Manchesters und holt Kommentare ein, die es portraitieren. Sein Film verzichtet dankenswerterweise auf einen eigenen Kommentar und besteht ausschließlich aus Interviews mit den verbliebenen Bandmitgliedern, die als „New Order“ weitermachten, sowie aus Statements diverser Wegbegleiter der Band und Zeitzeugen wie Tony Wilson, Annik Honoré, Genesis P. Orridge, Peter Saville, Jon Wozencroft und Anton Corbijn. Curtis’ Ex-Frau Deborah trat nicht vor die Kamera, ihre Zitate fanden in schriftlicher Form in den Film. Erweitert wird das Konstrukt mit alten Originalaufnahmen und eingespielten Joy-Division-Songs, deren Texte in der deutschen Fassung untertitelt werden. Die Dokumentation gibt sich passend zur Thematik geschmackvoll-ästhetisch dunkel und schlicht, die Interview-Partner wurden vor schwarzem Hintergrund befragt und werden mit Beginn ihrer Statements langsam eingeblendet.
„Joy Division“ geht auf die Besonderheiten des Sounds und der Produktion ein, lässt den Produzenten der Platten ebenso zu Wort kommen wie den Cover-Künstler, die beide ihren Teil zum Gesamtkunstwerk Joy Division beitrugen. Einzelne Songs bzw. ihre Texte werden herausgepickt und näher betrachtet. Der Zuschauer begreift die Zusammenhänge zwischen Bandsozialisation und ihrem subtilen, ironisch-zynischen Spiel mit faschistischer Ästhetik, die sich bereits im Bandnamen widerspiegelt und in oftmals weitaus weniger subtiler, dafür umso provokanterer Form bis heute im Gothic-Bereich Anwendung findet und zu Missverständnissen führt. Vor allem aber wird deutlich, wie authentisch die Band mit ihren Texten einerseits war, die Ventil war Curtis’ gebeuteltes Seelen- und Gefühlsleben und seine problembehaftete Existenz, aber auch, wie blauäugig die Band andererseits gewesen sein muss, die all das nicht richtig zu deuten wusste und die Texte ihres belesenen Sängers, der avantgardistisch Literaturzitate in seine Arbeit einfließen ließ, weit weniger ernst nahm, als er es tat – und durch seinen Selbstmord letztlich überraschter war, als sie es rückwirkend betrachtet eigentlich hätte sein dürfen. Auch fand man zunächst anscheinend kaum einen vernünftigen Umgang mit seinem Tod, hatte Probleme, Abschied zu nehmen und zu trauern.
Sensibel, doch beinahe nüchtern-sachlich wird dieses Thema behandelt, das sowohl Licht ins Dunkel hinsichtlich der damaligen Umstände bringt, als auch diese insoweit ein gutes Stückchen entmystifiziert, indem sie die Bandmitglieder als das zeigt, was sie aller Voraussicht nach seinerzeit waren: Verunsicherte, recht naive junge Menschen, die selbst nicht in Gänze zu erfassen und einzuordnen vermochten, was sie da eigentlich taten, denen die Bedeutungsschwere und Tiefe ihres Tuns kaum bewusst war. Müßig zu erwähnen, welch Tragik dem Ganzen innewohnt.
In Anbetracht des Gegenstands dieses Dokumentarfilms, einer Band, in die seit jeher viel hineininterpretiert wird und die der Ruch des Geheimnisvollen, Abstrakten und von der Realität irgendwie Losgelösten umgibt, ist diese versachlichende Herangehensweise ein angenehmer Kontrast. Auch ließ sich Gee nicht dazu hinreißen, Szene-, Popkultur- und Avantgarde-Prominenz vor die Kamera zu zerren, die ehrfurchtsvoll von den Einflüssen Joy Divisions auf ihr eigenes Werk oder Leben schwadronieren. Gee löst das Phänomen Joy Division bewusst weitestgehend von Medienzirkus, Szene und Subkultur und offeriert ein klar abgestecktes, abgegrenztes Portrait der Band, sozusagen mehr nach innen als nach außen gekehrt, dabei jedoch der Versuchung pseudowissenschaftlicher Analysen oder prätentiöser, esoterischer Schwurbelei widerstehend und auf jeden wertenden Kommentar verzichtend. Der Zuschauer ist angehalten, sich seine eigenen Gedanken zu machen, seine eigenen Schlüsse zu ziehen, das Bild zu komplettieren oder aber selbst tiefer in die Materie einzutauchen – denn zum Anfixen mit dem „Ambient-Industrial-Manchester-Sound“ der Band, ihrem Œuvre und ihren Einflüssen, die sich bis heute vielerorts wiederfinden, ist „Joy Division“ hervorragend geeignet.