Review

"Verändert diese Autobahn ihr Leben?"

Seit 10 Jahren leben Marthe (Isabelle Huppert) und Michel (Olivier Gourmet) mit ihren drei Kindern an der stillgelegten Autobahn E57. Da sie nicht befahren ist, nutzt die Familie die Fahrbahn als erweiterten Lebensraum und Spielfläche. Doch eines Tages werden die Bauarbeiten wieder aufgenommen und die Autobahn schließlich für den Verkehr freigegeben. Zunächst sieht die Familie sich das immer reger werdende Treiben unbeschwert an. Doch der zunehmende Lärm und die Schadstoffe in den selbst angebauten Lebensmittel machen das Leben immer schwerer.

Auf den ersten Blick sieht "Home" gewöhnlich und vorausschaubar aus. Dieser Eindruck ändert sich aber schnell, denn allein die Ausgangssituation ist skurril und grotesk zugleich. Und so beginnt ein herrlich-abstruses Filmspektakel mit typisch europäischem Flair, das sich zunehmendst zu einem beklemmenden Familiendrama entwickelt.

Zu Beginn ist aber noch alles mit einer gewissen Leichtigkeit überzogen. Besonders diese Atmosphäre sorgt für zahlreiche witzige Szenen. Der Humor wandelt sich dann immer mehr in eine schwarze Art, während sich die Veränderung vollzieht.
Mit vielen Metaphern und interpretationsreich lässt "Home" den vorherigen Frieden langsam zusammenbrechen. Der Wandel zerstört  besonders den familiären Zusammenhalt, wo der Film seinen Schwerpunkt setzt. Aber auch Themen rund um Umwelt, Gesundheit und gesellschafliche Aspekte finden ihren Platz und sorgen für einen anspruchsvollen Rahmen.

Während die erste Hälfte sich als angenehm leichte Kost erweist, fühlt sich die zweite Hälfte als etwas zu schwermütig und überladen an. Die zahlreichen Themen werden oberflächlich abgewickelt und die zuvor intimen Bezüge gelockert. Ein Umstand, den das Publikum erst einmal verdauen und zudem hinnehmen muss, dass es dann doch plötzlich an Tiefe mangelt. Daher bildet auch der offene Schluss, der aufgekommene Fragen nicht beantwortet, ein Manko.

Ganz bewusst konzentriert sich "Home" darauf, den Schauplatz des Hauses an der Autobahn nicht zu verlassen. Stets ist die Familie im Fokus. Mal auf wenigen Quadratmetern im Badezimmer, in der Küche oder im Schlafzimmer, mal im umliegenden Garten oder dem Asphalt.
Die Figuren sind einfach und verständlich, gleichzeitg aber auch sehr menschlich. Dies macht sie von Beginn an sympathisch und nachvollziehbar in dem stetigen Wechsel ihres Agierens. Besonders der Authentizität kommt dies zu Gute, denn trotz der immer surrealer werdenden Situationen bleibt der Film überwiegend glaubwürdig.

Die Schauspieler harmonieren gut miteinander. Optisch sind alle nicht an das Hollywood-Kino angepasst und machen einen natürlich ausgemergelten sowie zerschlissenen Eindruck. Spielerisch sticht besonders die sehr wandlungsfähige Isabelle Huppert ("I Heart Huckabees") heraus, während der eher weniger bekannte Olivier Gourmet charmanten Support leistet.

"Home" beginnt sehr leicht und punktet mit seiner Nähe zu den Figuren, einer verrückten Ausgangssituation und charmanten Darstellern. Der Wechsel zwischen Leichtigkeit und schwerfälligem Drama bringt ab der zweiten Hälfte dann aber Längen mit sich. Die Erzählweise wird oberflächlicher und der Film wirkt gehetzt. Ein Zustand, der so garnicht zu dem vorher Gesehenem passen will. Schlussendlich gibt "Home" auch keine Antworten auf offenen Fragen. Die soll jeder für sich selbst finden oder in Diskussionen erörtern.

7 / 10

Details
Ähnliche Filme