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Gefangen zwischen den beiden großartigen “Frankenstein”-Filmen (1931 und 1935), die James Whale inszenierte, wurde seinem “Unsichtbaren” von 1933 vielleicht weniger filmhistorische Aufmerksamkeit zuteil, als der Film verdient hätte. Sicherlich direkter, effektorientierter und weniger in psychologischen oder philosophischen Bereichen wildernd, überzeugt das Werk aber doch in ganz anderen Bereichen: in seiner ungewöhnlich flotten, spannungsreichen Inszenierung, seinem bemerkenswert situativ-reaktionären Umgang mit den Charakteren und den fantastischen Spezialeffekten von John P. Fulton, die sich auch heute noch, mehr als 70 Jahre nach ihrer Entstehung, mehr als sehen lassen können.

Whale hält sich nicht lange an einer Einleitung auf und setzt gleich mitten ins Geschehen ein. Die eigentlichen Ereignisse sind bereits passiert: Claude Rains’ Unsichtbarer ist bereits in der ersten Szene in seinem körperlichen Zustand, der ihn unsichtbar sein lässt. So kommt es, dass wir den später sehr erfahrenen Schauspieler in seiner insgesamt zweiten Rolle überhaupt nicht direkt zu Gesicht bekommen - zumindest sehr, sehr lange nicht. Man erkennt ihn lediglich durch die Ausbeulung seiner Kleidungsstücke und die Körperbewegung, die sich daraus ergibt, und bei tricktechnisch brisanten Szenen wurde Rains gar gedoubelt. So wird dem gebürtigen Briten die zweifelhafte Ehre zuteil, die größte Attraktion des Films zu sein, ohne dabei mal sein Antlitz in die Kamera halten zu dürfen.

Wer aber solche Tricktechniker hinter sich stehen hat, der braucht keine Schauspielerei. Mit einer verblüffenden Einzigartigkeit legt der Special Effects-Verantwortliche John P. Fulton sein unbestrittenes Meisterstück ab. Jeder Zuschauer, ganz gleich, wie gut er darüber informiert ist, was in den Dreißigern an Bildmanipulation schon möglich war, wird sich ungläubig die Augen reiben, wenn er das erste Mal den “Unsichtbaren” in voller Montur sieht. In der Versprechung, einen Film über einen Unsichtbaren zu sehen, wird das zeitgenössische Publikum hohe Erwartungen gehabt bzw. sich gefragt haben, wie es überhaupt möglich sein soll, etwas darzustellen, was im Prinzip in jeder Einstellung tricktechnisch bearbeitet werden muss. Es handelt sich hier schließlich nicht um eine temporäre Verwandlung wie die von Larry Talbot in den Wolfsmenschen oder die von Dracula in eine Fledermaus - die Unsichtbarkeit ist ein andauernder Zustand. Auch das Studio hatte Zweifel an der Durchführbarkeit dieser Thematik und musste sich das erst von Fulton bestätigen lassen, bevor es sein Okay gab. Eine hohe Messlatte mit wenig Toleranzspielraum gab dieses Projekt also vor.

Drei Versionen der Darstellung der Unsichtbarkeit kommen zur Anwendung. Die anfänglich auch aus dramaturgischen Gründen verwendete Version ist zugleich die simpelste: vollständige Vermummung. Rains ist von Kopf bis Fuß eingehüllt in dicke Kleidung, über dem Kopf ein Hut, eine dunkle Sonnenbrille und eine Bandage. So wird der Zuschauer zunächst auf brennenden Kohlen sitzen gelassen, weil der ominöse Unsichtbare zwar bereits im Bild ist, noch aber keine optischen Tricks zur Anwendung kamen. In diesem Zusammenhang erweisen sich die gewählten Wetterbedingungen - es ist durchweg kalt und Schneegestöber tauchen immer wieder auf - als logische Absicherung, denn so wird legitimiert, dass Rains’ Figur seinen Zustand unter dicker Kleidung versteckt, als er die Gaststätte betritt, um sich dort in einem gemieteten Zimmer zurückzuziehen. Dieser Absicherung wirkt aber nie selbstzweckhaft, weil das Wetter auch positive atmosphärische Konsequenzen hat und beim späteren Katz- und Maus-Spiel noch Handlungsrelevanz haben wird, was dann auch von Verhoevens Remake auf ähnliche Weise übernommen wurde (wenn eben auch nicht über das Wetter).

Eine weitere Darstellungsweise der Unsichtbarkeit kommt im späteren Filmverlauf verstärkt zur Anwendung, als die großen Tricks bereits gezeigt wurden, und ist schon etwas kniffliger, aber noch nachvollziehbar. Wenn der Unsichtbare sich nämlich vollkommen seiner Kleidung entledigt hat, wird die Umgebung samt herumliegender Gegenstände manipuliert, meist durch relativ simple Wirework-Tricks, die aber nichtsdestotrotz technisch perfekt umgesetzt wurden. Bierkrüge bewegen sich wie von Geisterhand, Tintenfässer werden umher geworfen und bespritzen den verdutzten Polizeikommissar, ein Fahrrad macht sich selbstständig und durch einen Menschenpulk bewegt sich überzeugend eine unsichtbare Masse. Diese On-Set-Tricks wirken schon sehr realistisch, ohne jedoch ein ungläubiges Staunen hervorzurufen.

Für letzteres sind dann jene Szenen zuständig, die zwischen der totalen Vermummung und der vollkommenen Nacktheit stehen... wann immer Rains bekleidet ist und dennoch ein Teil seines Körpers “sichtbar” (bzw. nicht sichtbar) ist, beginnt das Sensationelle an der Effektearbeit. Zu diesem Zwecke wurden zwei Aufnahmen einer einzigen Szene erstellt und in mühsamer Frame-Arbeit zusammengefügt, so dass dort, wo die Körperteile des Darstellers normalerweise im Weg stünden, diesmal der Hintergrund zu sehen ist. Nicht Rains selbst, sondern meistens ein Ersatzmann bekam die Stellen, die unsichtbar sein sollen, wie bei einem primitiven Bluescreen-Verfahren mit schwarzem Material abgedunkelt, so dass die Konturen einfacher zu lokalisieren und in der Postproduktion auszuschneiden waren, um dahinter den Hintergrund sichtbar zu machen. Da ein vollkommen synchroner Ablauf bei zwei voneinander unabhängigen Aufnahmen (bei der Szene, als Rains vor dem Spiegel den Verband abnimmt, waren es durch die Spiegelung sogar vier) nicht möglich war, mussten in mühsamster Kleinstarbeit Unstimmigkeiten in jedem einzelnen Frame handwerklich begradigt werden - ein Riesenaufwand.
Doch das Ergebnis ist sensationell. “Der Unsichtbare” dürfte durch diese Szenen damals das gewesen sein, was “Terminator 2" in den Neunzigern war, nämlich ein tricktechnischer Quantensprung. Whales Film hatte, vor allem deswegen, nicht nur an den Kassen Erfolg, sondern ist auch nachträglich trotz der Einklammerung durch die Frankenstein-Filme immer ein Thema geblieben - schließlich sind Filme über Unsichtbare inzwischen gar nicht mal mehr soweit davon entfernt, ein eigenes Subgenre zu bilden.

Da kann man schnell mal den Story-Aspekt vergessen, der erwartungsgemäß auch nicht mit den großen Universal-Monstern konkurrieren kann, dennoch keinesfalls zu unterschätzen ist. Schließlich steht die Unsichtbarkeit des Protagonisten für ein gesellschaftlich nicht anerkanntes und übersehenes Individuum. Seine Zurückgezogenheit, seine Verzweiflung darüber, dass niemand ihn versteht, seine Wut darüber, dass alles gut geworden wäre, hätte man ihn doch in Ruhe gelassen, das Unverständnis für die Neugier der Menschen, all das steht für die Entsprechungen, die in der Realität vorhanden sind. Die faszinierende Frage liegt darin, ob die steigende Aggressivität des Unsichtbaren wirklich ein physischer Nebeneffekt des Unsichtbarkeitsmittels ist, wie es im Film behauptet wird, oder ob es nicht einfach eine Reaktion auf den Voyeurismus der Menschen ist, die sich um ihn versammeln, als sei er eine Attraktion (die er für das Kinopublikum ja tatsächlich ist!).

Geschmackssache ist daraus folgend die Rolle der Wirtin Jenny Hall, die Una O’Connor höchst gewöhnungsbedürftig verkörpert, genauso wie sie es für Whale im “Frankenstein”-Sequel als Anhängerin des Mobs zwei Jahre später wieder tat. Und zwar zetert und kreischt sie , sie hampelt herum, jammert, schielt argwöhnisch und benimmt sich wie eine verrückte alte Lady, der es viel zu gut geht. Das ist eine fragwürdige Angelegenheit, weil sie mit ihren kalauernden Comedyeinlagen die düster-dramatische, etwas hastige Grundstimmung durchtrennt. Andererseits ist nicht zu leugnen, dass sie genau das am stärksten verkörpert, was den Unsichtbaren ausrasten lässt, und nach O’Connors Hampeleien können wir es dem verzweifelten Unsichtbaren nicht mehr verübeln, dass er sehr grob mit ihr umgeht. Vielleicht hätten wir das aber auch bei weniger ausgeprägtem Overacting geglaubt.

Ansonsten werden die Charaktere in dem sehr temporeich gefilmten Werk eher beiläufig charakterisiert, erfüllen aber immer ihren Zweck. Das Drehbuch von R.C. Sherriff ändert die Charakterpositionen gegenüber der Vorlage von H.G. Wells zwar teilweise massiv ab, aber wenn, dann immer so, dass es auch Sinn macht. Insofern kann man von einem gelungenen Drehbuch ausgehen, das von James Whale gewohnt hochklassig umgesetzt wurde.

Fazit: Rasant inszeniertes, spannungsreiches Fantasy-Thriller-Drama, das mit unfassbar genialen Spezialeffekten auftrumpft. Story und weiterführender Diskurs fallen gegenüber der großen Monster-Konkurrenz ungleich simpler aus, sind aber keinesfalls zu seicht, um für eine Beschäftigung nach dem Hauptfilm zu sorgen, die über die Effektarbeit hinausgeht. Die Charakterausarbeitung ist solide, unterwirft sich aber zu jeder Zeit dem Handlungsfluss, der auf Aktion ausgelegt ist. Insgesamt aus heutiger Sicht einer der am einfachsten goutierbaren Horrorfilmklassiker aus dem Hause Universal.

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