Review

It's "Tony-Scott-Time" again!
Länger als fünf Sekunden braucht man eigentlich nicht, um seinen unverwechselbaren visuellen Stil zu erkennen, der wie eigentlich immer in den letzten Jahren "style over substance" stellt. Schnelle, hektische Bilder, kurze Einstellungen, am besten spätestens alle drei Sekunden ein Schnitt, schön mit Braunfilter für den nötigen Goldschimmer überlegt und im Zweifel immer etwas verwaschen im Hintergrund.

Mit "Pelham 1-2-3" hat er sich nach "Man on Fire" mal wieder einem Remake gewidmet, aber während der Bodyguard-Rachethriller auf einer kaum bekannten Vorlage basierte, ist jetzt ein Klassiker der 70er dran, denn Joseph Sargents Original (von dem schon mal ein Remake spektakulär im TV scheiterte) ist wohl einer der meistgesehenen Film im Fernsehen.
Und dennoch eine große Herausforderung, denn das mit trockenem verbalem Humor gespickte Vorbild, ist so präzise und scharf, wie es nur geht - entsprechend war eine mittelgroße Umarbeitung an die heutigen Verhältnisse zu erwarten.

Und leider, leider: Brian Helgeland, eigentlich ein sehr guter Drehbuchautor, hatte leider nur wenige erwähnenswerte Ideen zur Modernisierung, ließ die Geschichte im Kern jedoch unangetastet, von dem entführten U-Bahn-Wagen, über den Wettlauf gegen die Zeit für die Anlieferung des Geldes bis zur finalen Höllenfahrt.
Alles was neu dazu gekommen ist, kann aber nur unter experimentelle Geschmackssache eingeordnet werden. Das beste neue Element ist sicher der Hintergrund der Geiselnehmer, die neben dem Lösegeld auch gleich noch die Börse an der Wall Street dadurch manipulieren, um einen zusätzlichen Cash-In zu machen, eine nette Referenz an die Finanzkrise, jedoch ohne Folgen für die Handlung, wie sich am Ende herausstellt.

Zu erwarten war sicherlich die Verschiebung der Gewichtung der Geiselnehmer: während Robert Shaw eine brutal-präzise Maschine von einem Täter gab und Martin Balsam den "menschlichen Faktor", so fällt letzteres hier schon sehr früh aus, so früh, daß man sich fragt, wieso man einem talentierten Darsteller wie Luis Guzman eine so wracke Rolle gegeben hat. Stattdessen darf sich als Anführer nun John Travolta austoben, der eine Mischung aus Ex-Knacki, ehemaligem Broker und wütendem Psychopathen spielen muß, was er zwar aus dem Handgelenk spielt (was soviel heißt, daß er sein übliches Bösewichtklischee erfüllt), was aber nie zusammen passen will.
Travolta ist nie souverän, er hat nur die besseren Karten in der Hand, ansonsten überwiegen die fast schon soziopathischen Wutanfällen, die zu einer so kühlen Planung gar nicht passen sollen.
Letztendlich soll er aber nur die Antipode zu dem Bahnpolizisten Garber geben, der, keine Überraschung, wieder mal von Denzel Washington übernommen wird. Der soll hier jetzt den Everyman spielen, der in die unfreiwillige Heldenrolle gepreßt wird. Das kriegt er dank grauer Schläfen, Übergewicht und devensiver Einstellung natürlich ebenfalls hin, aber damit hat es sich mit dem Sympathiefaktor auch schon.
Damit er nicht ganz gegen Travoltas Overacting eingeht, hat Garber nämlich noch eine hübsche Backstory, einen Fall von Schmiergeldannahme, die seine Figur gebrochen machen soll, was aber lediglich ein Vehikel zur Handlung ist, wenn es darum geht, ihm ein Motiv für seine Handlungen zu verpassen. Daß er dabei schuldig ist, führt zwar zu einem spannenden Duell übers Mikrophon, doch später löst sich die Angelegenheit wie so vieles im Film irgendwie in Luft auf und wird zu einer Angelegenheit, die der Bürgermeister schon drehen wird, wenn man die Geiselnehmer gepackt hat.

Wie so vieles ungeklärt oder fragwürdig bleibt: ein laufendes Laptop, das in der Bahn rumliegt und mehr für störende Liebesschwüre zwischen Teenagern herhält, als für einen Sturmeinsatz Informationen zu sammeln. Da kann der Online-Stream einfach so ins Internet gespeist werden und kein Beamter geht zu der Kleinen und requiriert mal eben die wichtige Verbindung. Später wird sie dann entdeckt und ignoriert, geht mangels Saft aus, um dann im Inferno-Finale wohl per göttlicher Fügung wieder anzulaufen.
Die alte Chose vom Wettlauf mit der Zeit für die Geldübergabe ist zwar immer noch treibend, aber daß man nicht einen Hubschrauber benutzt, ist heutzutage so fragwürdig, daß Helgeland selbst darüber einen Witz machen läßt. Und als dann endlich ein Heli eingesetzt wird, hat Garber sieben Minuten Zeit ihn zu benutzen, telefoniert erst aber mal fünf davon mit seiner Frau (übrigens eine ärgerlich überflüssige Plotstreckung im Ganzen, die Figur der Ehefrau ist komplett überflüssig) und fliegt dann noch mal diverse weitere, ohne das das Ultimatum eine Rolle spielt. Die Todesfahrt an sich gerät bei Scott total reizlos, wackelnde Handkamera, verwischte Außensicht, schnellerer Filmablauf, das macht einfach kein echtes Tempo und schon gar keine Bedrohung. Und sogar den Aha-Moment der Vorlage, in dem Garber notgedrungen den Geiselnehmern einfach vorlügt, das Geld wäre da, verklappt Helgeland zu einer neuen Killerszene, wobei es mehr als unglaublich ist, daß Travolta eine Livecam von vor dem Gebäude bekommt und Daten über die noch intern behandelte Schmiergeldaffäre im Web lesen kann.

Der Look und der Schnitt mögen ja durchaus modernen Kinogängern gefallen, aber irgendwie leckt es dann doch wieder an allen Ecken und Enden, die Hölle Großstadt nutzt Scott eigentlich gar nicht aus, allenfalls James Gandolfini kommt als von allen Seiten gepiesackter Bürgermeister mit Ecken, Kanten und Abgründen einer echten Figur sehr nahe.
Übrigens signifikant für einen Film, wenn eine Nebenfigur wie John Turturro als Geiselnahmenexperte den Hauptrollenmimen fast mühelos sämtliche Szenen klaut, in denen er im Bild ist.

Das Finale ist dann bewußt (und mit irren Zufällen) auf eine persönliche Konfrontation angelegt, die nicht nur relativ unwahrscheinlich, sondern auch extrem reizlos ist - von Dramatik keine Spur, stattdessen eine dröge Gegenüberstellung der Protagonisten, die in einem zu erwartenden Ende gipfelt, nichts von der in sich geschlossenen Beherrschung eines Robert Shaw, der im Augenblick der Decouvrierung geradezu unterkühlt Selbstmord begeht.

Für simple und nicht tiefgründige Unterhaltung mag "Pelham" in der Neuauflage etwas taugen, aber alles in allem passen die einzelnen Puzzleteile nicht ins Gesamtbild und geben noch keinen geschlossenen Film. "Pelham" ist nicht ganz so hektisch wie "Domino" (und auch nicht ganz so unwahrscheinlich und mißlungen), nutzt aber seine Möglichkeiten nicht aus. Scott überträgt einfach nur seinen visuellen Stil auf diese Geschichte und läßt richtige Atmosphäre nur selten aufkommen (der Überwachungsraum der Bahnpolizei hat wirklich was) und die ständigen einfrierenden Countdowneinblendungen sind auch auch stilistischer Schnickschnack, da im Film ständig die Restzeit von den Figuren angesagt wird. Wie überhaupt das ständige "schnelle Vorlaufen" und "Einfrieren" dem Ganzen nicht den Eindruck von unkontrollierbarer Geschwindigkeit gibt, sondern nur die narrative Entsprechung einer Fahrt mit einer ruckelnden Straßenbahn.
Also Mr.Scott, wenn man eigentlich nichts auf der Pfanne hat, mit dem man wuchern kann, einfach mal die Pfoten von lassen. (5/10)

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