Review

Bei Ich bin Sam könnte man durchaus sagen, dass es sich auch um einen fifty-fifty Mix handelt. Die erste Hälfte des Films ist pure Komödie und die andere Hälfte Drama. So weit so gut. Die erste Hälfte hat mir weitaus besser gefallen, als die zweite. Was nicht heißen soll, dass die zweite Hälfte schlecht war, aber es wird doch ziemlich auf die Tränendrüse gedrückt.

Sam ist zurückgeblieben, nicht nur geistig, sondern auch allein mit seiner gerade geborenen Tochter. Die Mutter, eine Obdachlose, macht sich sofort nach der Geburt aus dem Staub. Sam kümmert sich liebevoll, wenn auch zunächst recht hilflos, um seine Tochter. Alles scheint in bester Ordnung. Am siebten Geburtstag seiner Tochter allerdings kommt das Jugendamt, um sie zu sich zu holen. Sam war unfreiwillig auffällig geworden und so setzen sich die Mühlen der Gesetzes in Gang. Ab da geht es um Sams Kampf um seine Tochter.

Während der Film in der ersten Hälfte wie gesagt eine herrliche Komödie ist, bei der man über und mit den charmanten ebenfalls behinderten Freunden Sams lachen kann, driftet das Ganze, wie es die Problematik verlangt, später in ein tränenreiches Drama ab. Sams Kampf gegen das Jugendamt und um seine Tochter sind schwer mit anzusehen. Sean Penn läßt Dustin Hoffman erbleichen und gibt eine wundervolle Vorstellung als Vater, dessen siebenjährige Tochter ihn in Sachen geistigem Niveau spätestens mit acht überholen wird.

Diskutabel ist, ob die Darstellung eines geistig behinderten wirklich schwierig ist. Penn bewältigt diese Aufgabe jedenfalls makellos. Für mich sieht er immer ein wenig aus wie der Typ, der Frauen schlägt, aber als liebenswerter geistig behinderter kommt er absolut glaubwürdig herüber. Niemand kann behaupten, Penn sei kein guter Schauspieler. Im Gegenteil – Hut ab.

Die Charaktere muss man einfach in sein Herz schließen. Sams Freunde sind ein Haufen liebenswerter Marx Brothers, mit denen man sich allzu gerne auch umgeben würde. Sams Tochter Lucy (benannt nach dem Beatlessong Lucy in the Sky with Diamonds) ist mal wieder hervorragend ausgesucht. Erscheint sie zu Anfang ein wenig altklug, muss man sie doch einfach schnell in sein Herz schließen, denn diesen großen, blauen Augen kann man einfach nicht widerstehen.

Sam muss sich einen Anwalt nehmen, hat aber nicht viel Geld, da er als Kellner bei Starbucks (ausgezeichnetes Product Placement by the way) sicher nicht die 15.000 $ verdient, die Dustin Hoffman in Kramer vs. Kramer zahlen sollte (Mittwoch ist Kinoabend bei den Marx Brothers!).

Da wird kurzerhand in den gelben Seiten nach der schönsten Werbung für Anwälte geguckt und so kommt Sam zu Rita Harrisson. Rita wie aus dem Beatlessong Lovely Rita Meter Maid und Harrisson wie George Harrisson. Der Film ist übrigens wunderbar übermalt mit gecoverten Beatlesliedern – sehr schön.

Michelle Pfeiffer spielt diese übellaunige, karrieregestreßte und –versessene Fau. Nachdem ihre Kollegen klargestellt haben, dass sie ja wohl niemals einen Fall Pro Bono (umsonst) übernehmen würde, kommt Sam in den Genuss ihrer Künste. Sie möchte ihren Kollegen zeigen, dass sie auch anders kann und dadurch ihr Image aufpolieren. Keine besonders sympathische Frau also zunächst.

Dann geht der Kampf um das Sorgerecht los. Es kommt natürlich alles wie es kommen muss, die karrieregeile Rita besinnt sich, dank Sam, wieder auf die wichtigeren Werte in ihrem Leben, wie zum Beispiel auf den ihr entfremdeten Sohn. Der Kampf wird recht tränenreich ausgefochten – unbedingt Taschentücher mitnehmen. Der letzte Teil liefert keine größeren Überraschungen in der Handlung, aber er fesselt und man leidet mit.

Ich bin Sam ist ein durchaus in weiten Teilen außergewöhnlicher Film, der aber dann leider mit den doch schon so bekannten Tricks für die Stimulation der Tränendrüsen versehen wurde. Nichtsdestotrotz äußerst sehenswert, zunächst wunderbare amüsante Unterhaltung und dann was fürs Herz.

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