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Es gibt eine zentrale Szene in "13 Semester", die aus dem Klischee - Repertoire typischer Komödien zu stammen scheint :

Nach längerer Zeit trifft der Mann - hier in Person von Moritz, genannt Momo (Max Riemelt) - die Frau (Kerstin, gespielt von Claudia Eisinger) wieder, in die er schon lange verliebt ist. Und endlich traut er sich, sie zu sich nach Hause einzuladen - zu einem Abendessen zu Zweit. Während er, der im elterlichen Restaurant aufwuchs, gerade den Fisch in die Pfanne haut, erreicht ihn die Hiobsbotschaft - sie kann nicht kommen, weil sie noch dringend etwas für die Uni machen muss. Schlimmer kann eine Abfuhr nicht klingen, weshalb sein Mitbewohner Bernd (Alexander Fehling) sofort eine kleine Gesellschaft mit zwei Frauen organisiert, die sich dann auch das Abendessen munden lässt, während Momo nur frustriert den Koch gibt. Als er den Nachtisch reinträgt, sitzt plötzlich nur noch eine Frau da, die sich ihrer Kleidung entledigt. Während Momo ihr halbwegs nett versucht beizubringen, dass er keine Lust auf Sex mit ihr hat, klingelt es an der Tür - Kerstin steht davor, die es sich doch anders überlegt hat.

Man kennt diese Situationen. Sie sieht die halbnackte Frau, schmeisst ihm das Mitbringsel vor die Füsse und rennt davon, so dass er nochmals eine gefühlte Ewigkeit dafür benötigt, sie von seiner Unschuld zu überzeugen. Doch nichts dergleichen geschieht - er zieht seine Jacke an, erklärt ihr die Umstände und sie echauffiert sich nur gespielt darüber, dass ausgerechnet die ihr den Fisch weggegessen haben. Diese Szene ist signifikant für "13 Semester", denn hier werden keine künstlichen Dramen aufgebaut, sondern nur der alltägliche Wahnsinn gezeigt, dessen Realität jedem vertraut ist.

Schon der Beginn verdeutlicht das, als Momo mit seinem besten Freund Dirk (Robert Gwisdek) die heimatliche Provinz verlässt, um in Darmstadt Wirtschafts - Mathematik zu studieren. Gemeinsam besuchen sie die ersten Vorlesungen und wohnen in einer Jugendherberge, aber als Dirk kurz darauf eine günstige Gelegenheit für ein Zimmer in einer WG angeboten bekommt, ist es schon zu Ende mit der Solidarität. Auch hier übertreibt der Film keinen Moment, sondern verdeutlicht nur den normalen Egoismus. Die beiden Freunde verlieren sich zunehmend aus den Augen, ihre unterschiedlichen Vorstellungen vom Studentenleben entfremden sie, aber deshalb gibt es keinen Krach oder wortgewaltige Auseinandersetzungen und als sich später eine neue Situation ergibt, kommen sie wieder aufeinander zu.

"13 Semester" gelingt das Kunststück einer Komödie, die zwar nie an Tempo oder Witz verliert, aber in jedem Moment auch die gleichzeitige Tragik darin vermitteln kann, in dem der Film auf jede typische Stilisierung, egal ob im positiven oder negativen Sinn, verzichtet. Anschaulich wird das durch die Art der Darstellung von Momos Australien-Tripp, auf den er sich allein begibt. In einer Art Kaleidoskop zeigt der Film seine Erlebnisse, die sich aus schönen und weniger schönen Erinnerungen zusammensetzt. Als er die Ereignisse Bernd nach seiner Rückkehr erzählt, verwandeln sich diese in eine Art Traumurlaub, und in der Version für seinen Professor in ein konzentriertes Auslands - Studiensemester. Diese Idealisierungen finden nur in der Fantasie Momos statt, während die Realität eher nüchtern ist.

Genauso nüchtern, wie der Film in allen Bereichen bleibt - Studentenparties sind hier keine Events, sondern Feiern in preiswerten Studentenwohnungen, Professoren sind weder sprachliche Überflieger, denen die Studentinnenherzen zufliegen, noch sadistische Folterknechte, sondern einfach leicht miesepetrige Lehrkörper, die sich genauso durch überfüllte Vorlesungen schlagen müssen, wie die Studenten. Der Spruch zu Beginn scheint deshalb auch Programm zu sein - welcher Student hat nicht in seiner ersten Vorlesung in irgendeiner Form zu hören bekommen, dass es sowieso nur ein Bruchteil der Studentenanfänger bis zum Abschluss schafft ?

"13 Semester" spart in seiner Schilderung eines mehr als sechsjährigen Studentendaseins viel aus - Eltern scheinen nicht zu existieren, genauso wie BAFÖG oder sonstige Finanzierungen nur am Rande erwähnt werden. Auch Themen wie berufliche Zukunftsausichten oder Mängel des Lehrsystems an der Uni finden hier nicht statt, aber das ist nur konsequent, denn der Film bleibt genauso zurückhaltend bei der Beschreibung der Liebesgeschichte zwischen Kerstin und Momo, deren intensives Stattfinden nur mit dem schnellen Weiterleiten auf das nächste Semester betont wird.

Die einzelnen Darsteller vertreten zwar alle an Klischees angelehnte Studententypen, spielen dabei aber so selbstverständlich und ohne Übertreibung, dass daraus nie Witzfiguren werden. Riemelt selbst ist geradezu ideal als Verkörperung eines Durchschnittsstudenten - kein Überflieger, aber auch nicht blöd, normal im Umgang mit dem anderen Geschlecht, nicht besonders ehrgeizig und zielstrebig, aber letztlich auch nicht gewillt, die Jahre umsonst studiert zu haben. Es dauert nur etwas länger, womit der Film zum eigentlichen Politikum wird.

"13 Semester" ist in seiner eindeutigen Sympathie für seine Hauptfigur eine Provokation für den Versuch, die Dauer bis zum Studienabschluss deutlich zu verringern, um im internationalen Massstab jüngere Absolventen auf das Arbeitsleben loszulassen. In der Person des Dirk wird auch deutlich, dass das funktionieren kann, aber Momos Figur ist viel näher an der Normalität. Auch wenn das studentische System immer stärker verschult wird, bleibt ein hohes Mass an Selbstdisziplin Voraussetzung für das Absolvieren des Studiums. Der Schwerpunkt des Films liegt deshalb zurecht auf den Schwierigkeiten, die Momo damit hat, ständig zwischen Lernen und Privatleben zu trennen - und das in einer Phase als junger Erwachsener, in dem man zum ersten Mal alleine zurecht kommen muss. Wer das selbst erlebt hat, wird sich leicht mit Momos Situation identifizieren können.

Wie weit der Film Zuschauer ansprechen kann, die nicht studiert haben, bleibt offen, denn der Wiedererkennungwert von der Wohnungssuche bis zum Prüfungsstress, orientiert sich sehr genau am studentischen Leben. Scheinbar bestätigt der Film auch Vorurteile gegenüber Studenten, die hier Luxusprobleme schieben, während Andere in dem Alter das volle Erwerbsleben absolvieren müssen, aber damit täte man dem Film unrecht. Im Gegenteil ist Momos Erleben so generell und undramatisch angelegt, dass die hier gezeigten Prinzipien für jeden nachvollziehbar werden (8/10).

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