Review

"Wissen sie, Siemens schickt mich nach China, also gehe ich nach China."

Regisseur Florian Gallenberger nimmt sich mit der Geschichte von John Rabe eines bisher unbekannten Kapitels des Zweiten Weltkriegs an. Die Taten von John Rabe erinnern deutlich an die von Oskar Schindlers. Wie Schindler setzte auch Rabe sein eigenes Leben aufs Spiel, um Menschen in seiner Umgebung, die in Gefahr sind, das Leben zu retten und zu schützen. So erhielt er den Spitznamen „Oskar Schindler Chinas“.

Im Jahre 1937 leitet der Hamburger Geschäftsmann John Rabe (Ulrich Tukur) eine Siemens-Niederlassung in Nanking. Als die kaiserliche japanische Armee in China einfällt und die Stadt bombardiert, bietet er seinen Arbeitern und deren Familien Schutz in der Fabrik. Es ist ersichtlich, dass Nanking der Armee kaum Widerstand leisten kann. Also beruft John Rabe ein Komitee ein, bestehend aus der Direktorin Dupres (Anne Consigny), Dr. Wilson (Steve Buscemi) und dem deutsch-jüdischen Diplomat Dr. Rosen (Daniel Brühl). Ziel: Eine Sicherheitszone um die Zivilbevölkerung zu schützen. Allerdings halten sich die Japaner nicht an die Unterscheidung zwischen Zivilperson und Soldat. Während ihrer Anwesenheit kommt es immer wieder zu Mord und Vergewaltigung, wogegen Rabe und sein Komitee vorzugehen versuchen.

"John Rabe" wurde schon mit Lorbeeren überschüttet bevor das Historiendrama die öffentlichen Lichtspielhäuser erreichte. Vielleicht um das Thema einem breiten Publikum zu unterbreiten, vielleicht um das üppige Budget und die aufwendigen Kulissen des Werkes zu erklären. Denn die sonstige Qualität des Werkes kann gerade mit der häufig verglichenen Konkurrenz zu "Schindlers Liste" nicht im geringsten standhalten.

"John Rabe" ist ein Film, der sich sehr bombastisch gibt. Gallenberger gelingt es in einigen Einstellungen audiovisuelle Akzente emotionssteigernd zu generieren. Etwa zu Beginn, wo Rabe die Tore seiner Fabrik öffnet um den Schutz suchenden Familien einen Platz unter einer riesigen Hakenkreuzflagge zu bieten, die die Japaner als allierte Macht anerkennen und nicht bombardieren. Gewaltig schwillt die Orchestermusik an und dramatisiert das Geschehen ungemein.
Auch wenn es unter den Hauptfiguren menschelt und die Figuren an Transparenz gewinnen, funktioniert "John Rabe" und bietet sogar komische Momente.
Kulissen sind, wie eingangs erwähnt, ansehlich sowie detailliert ausgearbeitet. Special Effects meist, durch gelungene Explosionen, Feuer- und Partikel-Effekte, auf hohem Niveau angesiedelt.

Leider erleidet das Historiendrama gerade dort Schiffsbruch, wo es am ehesten funktionieren sollte. In der Präsentation seiner titelgebenden Hauptperson sowie der Einbindung dieser in die Handlung.
John Rabe ist ein durchweg gutmütiger Mensch, so will es der Film glauben lassen. Nicht einen Augenblick denkt er an das Wohl seiner selbst sondern einzig an das Wohl aller Anderen. Eine so knallharte Gut- / Böse-Zeichnung ist nicht sonderlich glaubhaft und streckt sich noch weiter durch den Film. So gibt es natürlich auch noch einen durchweg bösen Nazi oder eine chinesische Fotografin, die ebenso knapp an der Selbstaufopferung vorbei schreitet, nur um die Greueltaten der japanischen Armee der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und Japaner sind natürlich alle ganz ganz böse. Kein Vergleich zu einem egoistischen Oskar Schindler, der das Recht des deutschen Reiches zuerst für sich nutzt um Geld zu verdienen, um es erst später nach seinem Gemütswechsel zur Wohltat zu verwenden.

Der Inhalt des Drehbuches wirkt arg konstruiert und zieht sich in die Länge. Gerade zu Beginn weist das knapp über 2 Stunden lange Epos Passagen auf, die langatmig wirken. Es passiert zu wenig. Ereignislos und ohne Höhen plätschert der Plot vor sich hin, von Spannung keine Spur, gerade wo die folgenden Ereignisse doch sehr absehbar sind. Gallenberger geht lieber auf Nummer sicher und versucht großes Kino zu bieten.
Dumm nur wenn durch Ideenlosigkeit und fehlenden Mut zu echten Überaschungen schlussendlich die Größe des Films genommen wird. Anschlussfehler fallen auf, Charaktere fallen einfach aus der Handlung, das Innenleben mancher Person bleibt bei dieser Irrfahrt unentdeckt.
Ganz schlimm wirds dann gegen Ende, wo mießer Hollywood-Kitsch auch den letzten Versuch atmosphärischer Lebensgeschichte den Garaus macht.

Zumindest schauspielerisch besticht "John Rabe". Vor allem durch eine erlesene internationale Schauspielriege die sich mal mehr, mal weniger spielfreudig gibt. Vor allem Ulrich Tukur ("Nordwand") ist es zu verdanken, dass sich die Figur des John Rabe im ernsten Rahmen hält, auch wenn die übermäßige Richtung zur weißen Weste der Ernsthaftigkeit abdriftet. Steve Buscemi ("Con Air", "Armageddon") greift an den richtigen Stellen fördernd ein und bietet etwas losgelöste Unterhaltung.
Unter die Arme greifen Daniel Brühl ("Krabat", "Inglourious Basterds"), Anne Consigny sowie Gottfried John ("Asterix & Obelix gegen Caesar", "GoldenEye"). Mal mehr mal weniger anspruchsvoll.

Ein Vergleich zu "Schindlers Liste" ist wohl etwas weit hergeholt, diesen muss sich "John Rabe" allerdings gefallen lassen. Gerade hier bemerkt man die fehlende Wucht und Dramatik, die Steven Spielbergs Meisterwerk so sehr bewegte und gleichzeitig schockierte. Rein techinisch ist "John Rabe" recht gelungen, Ausnahmefälle abgerechnet. Aber gerade die Ideenlosigkeit, die gnadenlose Kategorisierung der Charaktere sowie die übermäßige Glorifizierung des Wohltäters machen aus der Lebensabschnittsgeschichte eine unglaubwürdige, langweilige Erfahrung, die nur selten die Tiefe hat die sie eigentlich haben sollte.

3 / 10

Details
Ähnliche Filme