Review

Die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe

"Ich muss das Nahen des Frühlings aufhalten... Darum werde ich ihm entgegen fliegen..." Wenn man den Winter 2009/10 zu grunde legt, kann man sich fast fragen, ob die Schneekönigin auch in unseren modernen Zeiten noch aktiv ist. Von Hans Christian Andersens Märchen gibt es gleich zwei russische Adaptionen, die im Abstand von weniger als zehn Jahren entstanden sind, die Zeichentrickversion von 1957 und diesen Realfilm von 1966. Die erste Version hält sich meist enger an die Vorlage. In der zweiten wurden einige Kapitel weg gelassen. Das vierte Kapitel wurde stark verändert und um vieles erweitert, das im Originaltext nicht vorkommt. Diese Version beruht wohl auf einer Bearbeitung (als Theaterstück) von Jewgeni Schwarz, was die stärkeren Abweichungen vom Original erklären dürfte.

Bei beiden Versionen wurde eine Erzählerfigur hinzu gefügt, hier der Märchenerzähler Andersen, gespielt von Waleri Nikitenko, in der älteren Version eine Figur aus einem anderen Märchen Hans Christian Andersens, Ole Luk-Oie. Auch das Ende wurde in beiden Adaptionen mehr oder weniger stark verändert, und beide lassen die Teile des Märchens weg, in denen das Christentum (direkt) eine Rolle spielt, z.B. Gerdas Gebet und die Liedzeilen "Die Rosen, sie blühn und vergehn / Wir werden das Christkindlein sehn!", was wohl damit zu tun haben dürfte, dass Russland damals ein kommunistisches Land war. Der Kern und die Grundaussage der Geschichte sind aber in beiden Versionen vorhanden: Kay wird seiner Gefühle beraubt und von der Schneekönigin in ihren Palast im hohen Norden entführt. Aber ohne Gefühle ist ein Mensch kein richtiger Mensch mehr. Gerda vermisst ihren besten Freund Kay und muss versuchen, zum Palast der Königin zu gelangen und Kays Herz aus Eis wieder aufzutauen. An dieser Stelle ist der Realfilm näher am Original als die Zeichentrickversion. Dort wird das Versprechen der Schneekönigin an Kay weg gelassen, während es in der Realversion vorhanden ist: wenn er es schafft, im "Verstandeseisspiel" aus Eisstücken das Wort "Ewigkeit" zu legen "dann sollst du dein eigener Herr sein, und ich schenke dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe". Wie dieses Spiel aus geht, das ist wahrscheinlich ein wichtiger Teil der Aussage der Geschichte -- es ist wohl so gemeint, dass der reine Verstand, die kalte Logik, nicht zur Ewigkeit führen können -- nur die Liebe.

Die Umsetzung machte insgesamt einen guten Eindruck, z.B. die schauspielerischen Leistungen und die Musik von Nadeschda Simonjan. Bei den Spezialeffekten muss man aber Abstriche machen, z.B. hat man bei einigen nicht so einfach zu realisierenden Szenen einfach kurze Zeichentricksequenzen eingefügt (die allerdings nicht aus der 57er Version stammen).

Es gibt sehr viele Adaptionen dieser Geschichte, Zeichentrickfilme, Realfilme, Aufzeichnungen von Theateraufführungen, Folgen von Märchenserien. Welche ich wohl als Kind gesehen habe? Vielleicht diese, vielleicht doch eine andere? Es ist zu lange her, als dass ich mich noch erinnern könnte. Aber ich kann mich noch daran erinnern, dass die Geschichte mich sehr beeindruckt hat. Die Schneekönigin hat mir gehörige Angst eingejagt. Eine Frau, die das Herz eines kleinen Jungen in einen Klumpen Eis verwandeln kann. Wie leicht man als Kind doch in die Phantasiewelt eines Films eintauchen kann. Alles wirkt quasi so real wie die Realität. Selbst wenn die Spezialeffekte schlecht sind. Als Erwachsener ist man -- leider? zum Glück? -- von Filmen nicht mehr so leicht zu beeindrucken. Aber die Schneekönigin in dieser Verfilmung, gespielt von Natalja Klimowa, ist glaube ich Respekt einflößend genug, dass auch Kinder von heute beim schauen dieses Films eine spannende Zeit haben können. Besonders gelungen fand ich in dieser Hinsicht die Szene, wo die Schneekönigin bei Kay und Gerda zum Fenster hinein schaut, sie sieht durch das weiße überdimensionierte Gesicht wie eine bedrohliche Riesin aus, und ihr Auftritt ist mit dramatischer Musik unterlegt.

Fazit: ich glaube, es wäre nicht schlecht gewesen, wenn man näher an der Vorlage geblieben wäre, und die Spezialeffekte hätten, wie oben bereits erwähnt, auch besser sein können. Und die niedlichen Zeichentrickhäschen des Räubermädchens aus der älteren Version, die oben noch nicht erwähnt wurden, kommen hier natürlich nicht vor, nur eine Räuberhauptmännin, die aussieht wie Breschnew. Trotzdem denke ich, dass es sich bei diesem Film um eine insgesamt gelungene Adaption des Märchens handelt, an der Kinder ihren Spaß haben können und die auch erwachsenen Märchenfilmfreunden gefallen dürfte. Zeichentrickfans werden wohl die ältere Version bevorzugen, die meiner Meinung nach ungefähr genau so gut ist wie die Realversion (7 von 10 Punkten für beide). Aber in der Realversion ist auch die Szene mit dem Versprechen der Schneekönigin an Kay enthalten (siehe oben), und die Musik gefiel mir besser, so dass ich diese Version leicht favorisieren würde. Doswidanje.

Details
Ähnliche Filme