Fünf Minuten der Glückseeligkeit, von allem belastenden befreit wünscht sich wahrscheinlich jeder einmal im Leben. Wie diese genau aussehen mögen, davon hat jeder seine eigenen Vorstellungen. Im Fall von Joe Griffin (James Nesbitt) sind sie sehr konkret. Joe will sich rächen, für den Mord an seinem Bruder, ihm widerfahrene Ungerechtigkeit und ein Leben voller Vorwürfe und Selbstzweifel.
Als kleiner Junge sah er den Mörder seines Bruders kurz bevor dieser zur Tat schritt. Da er seinen Bruder nicht warnte machte ihm die Familie schwere Vorwürfe, die ihn nicht nur verletzten, sondern auch sein eigenes Schuldgefühl nährten.
Viele Jahre später, als der Nordirland-Konflikt, der seinen Bruder das Leben kostete, schon lange beigelegt ist, kommt Joe`s große Chance. Im Rahmen einer TV-Sendung soll er demjenigen gegenübertreten, der die Schuld an allem trägt – Alistair Little (Liam Neeson), dem Mörder seines Bruders.
Nach dem Hollywood-Flop „Invasion“ war es eine ganze Weile still geworden um den dt. Regisseur Oliver Hirschbiegel. Manch einer nahm an, dass der Mann mit eingezogenem Schwanz wieder zurück in die Heimat kommen würde, denn eine Klatsche wie Hirschbiegel hatte sich schon lange kein ausländischer Regisseur mehr in Hollywood eingefangen.
Doch weit gefehlt, Hirschbiegel besann sich auf seine durchaus vorhandenen Qualitäten als Regisseur, suchte sich ein interessantes Drehbuch, überzeugende Darsteller und filmte mit kleinem Budget in Irland. Dabei entstand im Jahre 2009 „Five Minutes Of Heaven“, ein Film, der von der Masse der weltweiten Kinogänger ignoriert und nun auch hierzulande veröffentlicht wurde.
Nicht das der Film Hirschbiegel zurück ins große Rampenlicht gebracht hätte, dazu ist die Thematik zu speziell und ohne große Schauwerte angelegt, vielmehr kann man ihn als psychologisches Aufbauprojekt für den Regisseur selbst sehen. Dürfte die Arbeit daran dem Vielgescholtenen doch zeigen, dass das „Invasion“-Debakel nicht alleine auf seine Kappe ging. Ohne ein gutes Script kann auch der beste Regisseur keine Wunder vollbringen!
Ein interessantes Drehbuch lag im Falle von „Five Minutes Of Heaven“ durch Guy Hibbert vor. Es schildert anhand der beiden Protagonisten Joe und Alistair einen nachvollziehbaren Kreislauf von Gewalt, Schuld, Reue und dem Streben nach Vergebung. Einerseits wahrer Schuld des Mörders und andererseits unterstellter Schuld im Fall von Joe. Der eine saß dafür im Gefängnis, hat sich gewandelt, steht zu seiner Tat und kann trotzdem kaum mit ihr leben. Der Andere ist den weiteren Auswirkungen der Tat unterworfen und nach all den Jahren an einem Punkt angelangt, an dem er trotz seiner Leiden bereit ist dieselbe Schuld wie der eigentliche Mörder auf sich zu nehmen nur um endlich Frieden zu finden. Ironischerweise sucht Alistair genau dasselbe.
Eine solche Thematik ist im Kino nicht unbedingt neu und für eine breite Masse an Zuschauern auch alles andere als interessant. Dennoch ist der Film alles andere als langweilig, durch den zu erwartenden Mord vor laufender Kamera aber mit ordentlich Spannung versehen, was die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Thema durchaus erleichtert.
Hibbert versteht es den Zuschauer bei der Stange zu halten, auch wenn der Charakter des Joe manchmal grotesk-komische Züge annimmt und damit beim Zuschauer eine gewisse Unsicherheit bzgl. der Ernsthaftigkeit des Films aufkommen lässt. Diese Momente kommen speziell im mittleren Akt des Films immer wieder vor.
Gottseidank kriegt Hibbert`s Script dann aber schnell wieder die Kurve um einen Haken um das voraussichtliche Finale zu schlagen und trotzdem zu einem befriedigenden Ende zu kommen. Alleine schon diese Tatsache spricht dafür, dass man es hier nicht mit einem auf grobe Schauwerte angelegten Film zu tun hat. Das Script bzw. sein Autor ist clever genug mittels seiner Dramaturgie plakatives nur soweit zu nutzen, als es dem eigentlichen Anliegen dient.
Die beiden Kontrahenten werden in der Gegenwart von John Nesbitt und Liam Neeson dargestellt. Nesbitt war mir bisher total unbekannt, spielt seine Rolle aber glaubhaft, wenn auch durch die bereits erwähnten grotesken Züge seines Charakters etwas gehandicapt. Liam Neeson als geläuterter Killer, der anfangs den distanzierten Psycho-Onkel rauskehrt um dann später als innerlich gleich kaputter Typ wie Nesbitt dazustehen, ist allerdings noch viel besser.
Als Regisseur kann man unter diesen Voraussetzungen nicht viel falsch machen. Hirschbiegel gibt sich hier kaum eine Blöße und zeigt, dass er was kann. Seine Auszeichnung beim 2009er Sundance Festival spricht ebenfalls dafür. Damit dürfte das nach „Invasion“ so wunde Ego gesalbt sein und Hirschbiegel hoffentlich gelernt haben, dass man besser die Finger von hohlen US-Remakes lässt.
Fazit: Interessanter, spannender Film, der sich mit der Verarbeitung von Schuld auseinandersetzt ohne sich durch große Schauwerte beim Publikum anzubiedern und zudem noch mit gut aufspielenden Darstellern besetzt ist.