Review

Der Nordirlandkonflikt ist nicht unbedingt Kernthema bei Oliver Hirschbiegel, sondern es geht primär um zwei Männer, die mit der Wirkung eines Traumas über Jahre zu kämpfen haben: Mord, Rache, Vergebung und Vergeltung bilden die Eckpunkte in diesem ruhig aber intensiv gestalteten Drama über Täter und Opfer.

Seit Oktober 1975 ist für Joe Griffin (James Nesbitt) alles anders, denn als Elfjähriger wurde er Zeuge, wie der damals siebzehnjährige Alistar Little (Liam Neeson) seinen älteren Bruder erschoss. Alistar kam 12 Jahre in Haft und predigt seither ähnlich Betroffenen.
Rund 33 Jahre später will ein TV-Team für ein Aufeinandertreffen der beiden Männer sorgen, doch Joe denkt nicht an Vergebung, sondern hat bereits das Messer unterm Jackett verstaut…

Eindringliche Bilder liefert Hirschbiegel besonders zu Beginn, als die vier protestantischen Jungs ein Auto kurzschließen und sich beraten, wie man während und nach dem Mord vorgehen wird. Anerkennung ist ihr Motiv, sich an der Bar als Drei-Meter-Mann fühlen und umjubelt werden, wie Alistar es beschreibt. Als er im entscheidenden Moment den Jungen auf dem Bürgersteig sieht, zögert er nur einen winzigen Moment und erschießt dessen Bruder im Wohnzimmer durch das Fenster. Es soll für 33 Jahre die vorerst letzte Begegnung sein.

Geschickt führt man anschließend die Hauptfiguren innerhalb einer Parallelmontage während der Anreise zu den TV-Studios ein. Alistar ist rundum geläutert, in sich gekehrt, aber er wirkt weniger verzweifelt als sein Kontrahent Joe, dem man die Aufregung in jeder Pore ansieht.
Als es zur Aufzeichnung kommen soll, erscheint Alistar aufgeräumt und mit allem rechnend, doch Joe wird immer panischer und führt verstärkt Zwiegespräche mit sich selbst.

Die Handlung bezieht seine Spannungsmomente klar aus dem Gedankenspiel, wie so ein Aufeinandertreffen stattfinden könnte und wie die beiden im ersten Moment reagieren mögen.
Dabei rechnet man von Beginn an nicht mit einer Versöhnung, denn bei einem solchen Konflikt kann es keine Lösung geben, schon gar nicht in Begleitung eines Fernsehteams.
Final kommt Hirschbiegel leider ein wenig von seinem verschlängelten Weg ab und greift zu kontraproduktiven Maßnahmen, die wohl eher Hollywood-Konventionen geschuldet sind, womit er es sich reichlich einfach macht.

Gestützt wird das ab und an zu dialoglastige Spiel von den beiden überaus charismatischen Hauptfiguren. Auch wenn Nesbitt an einigen Stellen ein wenig drüber ist und zuweilen etwas viel in seine Performance gibt, findet Neeson den optimalen Punkt zwischen tiefer Schuld und kontrollierter Nüchternheit.
Sehr gut besetzt sind darüber hinaus sämtliche Nebenrollen, - diverse „falsche“ Gesten und Mimiken seitens des TV-Teams sorgen für geradezu entlarvende Momente.

Inszenatorisch ist das Werk sehr dicht und rund ausgefallen. Der Score verstärkt die eigentliche Einsamkeit der Protagonisten, während die Kamera nah bei ihnen ist und sehr variabel auf den Punkt arbeitet.
Gleiches gilt für etwaige Übergänge, die sehr weich ausfallen und der Erzählung eine angemessene Form bescheren.
Darüber hinaus ist die Ausstattung grundsolide ausgefallen, vor allem einige Details von 1975 wirken absolut authentisch.

„Five Minutes of Heaven“, - das sind diese Fünf Minuten Himmel der späten Rache, die Joe immer wieder anvisiert. Dabei wird beiden Seiten - Täter und Opfer - ein angemessener Raum zur Verfügung gestellt, es werden beide Parteien fair durchleuchtet.
Basierend auf eine wahre Begebenheit (zumindest was die Ereignisse in den Siebzigern betrifft), bietet der Film stille, aber immens bindende Spannung, unterstützt von hervorragenden Darstellern und einer überzeugenden Regie, die lediglich zum Finale ein wenig einsackt.
Ein gelungenes Drama über ein einschneidendes Ereignis, bei dem die Zeit eben nicht alle Wunden heilt.
7 von 10

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