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"Wahrheit und Aussöhnung? Ich will Rache!"

Oliver Hirschbiegel ("Das Experiment", "Der Untergang") nimmt sich nach seinem mäßig aufgenommenen Science-Fiction Film "Invasion" wieder einem Drama an.

In den Siebzigern beherrscht ein Bürgerkrieg zwischen der katholischen IRA und der protestantischen UVF Nordirland. Der gerade mal 16-jährige Alistair Little (Liam Neeson) erschießt in diesem Konflikt den Bruder des 11-jährigen Joe Griffen (James Nesbitt) vor dessen Augen. Kurz nach der Tat wird Alistair verhaftet und zu einer 12-jährigen Haftstrafe verurteilt.
Über 30 Jahre später werden Joe und Alistair zu einer TV-Sendung eingeladen, um sich vor laufender Kamera zu versöhnen und somit dem brüchigen irischen Friedensprozess einen positiven Schub zu geben. Während Alistair nach seiner Haftstrafe für den Mord inzwischen, durch soziale Einsätze und seinem Auftritt gegen den Terror, ein geachteter Mann geworden ist, führt Joe ein bescheidenes Leben mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern. Nach der Ermordung seines Bruders sind auch Joe's Eltern früh verstorben und haben ihn bis dahin verantwortlich für den Mord an seinem Bruder gemacht. So lässt ihn das Ereignis nicht los. Von dem Wunsch nach Rache erfüllt plant Joe Alistair bei dem symbolhaften Zusammentreffen zu erstechen.

"Five Minutes of Heaven" ist eine eindringliche Charakterstudie mit schwerwiegender Thematik. Das Drama bewegt sich um die Schuld und der Verarbeitung zweier Männer aus unterschiedlichen Gesellschaftsebenen. Hirschbiegel liefert eine dichte Studie über den schmerzhaften Prozess der Vergangenheitsbewältigung, deren einzige Chance auf Heilung darin bestünde, sich mit dem anderen Menschen auseinander zu setzen.

Zunächst beschäftigt sich der Film mit den Umständen in Nordirland und den Ereignissen rund um die Ermordung. Mittels Archivbildern und einer enormen Intensität fesselt der ausgiebige Prolog, was die restliche Laufzeit nicht ganz aufrecht erhalten kann. Dabei präsentiert "Five Minutes of Heaven" eine detaillierte 70er Jahre Kulisse.
Durchaus glaubwürdig legt das erste Viertel die unüberwindbaren Gräben zwischen den verfeindeten Parteien dar, ihren bedingungslosen Fanatismus und den Glauben, durch ein Attentat innerhalb der eigenen Gruppierung zu Ansehen zu gelangen.

Nach dem Zeitsprung stehen die beiden Hauptpersonen und deren Konflikt im Mittelpunkt. Die Kamera porträtiert sie in Form von vielen Nahaufnahmen, was beide Parteien greifbar und in ihrem Handeln nachvollziehbar erscheinen lässt, obwohl sie eine grundlegend verschiedene Ansichtsweise haben. Und dies sieht man auch in ihrem Verhalten. Während Joe bereits auf der Fahrt zum Anwesen, in dem das Treffen stattfinden und die Fernsehsendung aufgenommen werden soll, panisch und nervös Selbstgespräche führt, ist Alistair gefasst und plaudert ruhig mit seinem Fahrer über die Ereignisse während seiner ausgeführten Ermordung. Erst später ist erkennbar, dass seine Ruhe brüchig ist und nur oberflächlich in Erscheinung tritt.

"Five Minutes of Heaven" legt besonderen Wert darauf seine Geschichte um Schuld, Sühne und Vergebung sauber zu erzählen. Daher braucht der Film nach der Vorgeschichte und auch nachdem die Protagonisten klar aufgebaut worden sind etwas Zeit, bis die Handlung einigermaßen rund zu wirken beginnt. Interessant sind während dieser Phase die deutlichen Züge einer Mediensatire, die später allerdings nicht mehr storyrelevant sind. Dafür punktet das Drama mit einem überraschend aufgeschlossenen Finale.

Besonders beeindruckend sind die Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Der bislang nur in der BBC-Miniserie "Jekyll" aufgefallene James Nesbitt verleiht seiner Figur durch ein wechselhaftes Mimenspiel eine enorme Ausdrucksstärke. Liam Neeson hingegen spielt eher unaufgeregt subtil, ebenso passend und solide zu seinem dargestellten Charakter.

"Five Minutes of Heaven" ist fraglos ein Psychodrama auf hohem Niveau. Nebst dem formulierten Dreieck aus Schuld, Sühne und Versöhnung erschafft der Film eine Konfrontation mit dem Zuschauer und seinen eigenen Feindbildern, dem legitimierten Hass auf diese sowie der Ignoranz zu erkennen, dass ein Feindbild nur im Kopf entsteht, die Person in Wahrheit allerdings ein völlig anderes Leben führen könnte. Ausgezeichnet herausgearbeitete Charaktere und deren wuchtig spielende Darsteller lassen die Längen, die solch ein klassisches Drama mit sich bringen, am Ende vergeben.

8 / 10

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