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Wenn man an den dänischen Film der letzten Jahre denkt, hat man zwangsläufig das Bild von Mads Mikkelsen in so garstigen Komödien wie Dänische Delikatessen oder Adams Äpfel im Kopf. Doch nicht zuletzt Susanne Bier bewies mit ihren dramatischen Stoffen wie Nach der Hochzeit, dass auch dramatische Stoffe aus dem deutschen Nachbarland trotz ihrer eher sekundären Wahrnehmung durchaus Klasse besitzen.

Annette K. Olesen schuf mit Lille Soldat, ihrem diesjährigen Beitrag zur Berlinale, auch ein äußerst dramatisches Werk. Dieses ist mit einer unruhigen Handkamera und vielen Außenszenen zutiefst im Realismus verwurzelt und zeichnet ein raues, hartes Milieu, das keine skurrilen Typen, wohl aber gebrochene Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Geschichten bevölkern. Hier hätten wir mit Protagonistin Lotte (Trine Dyrholm) so eine Figur: Ex-Soldatin und heute Alkoholikerin, ihre Mutter kam in ihrer Kindheit ums Leben und sie bekommt ihr Leben nicht mehr auf die Reihe. Ihre Wohnung ist unaufgeräumt, die subtilen Annäherungsversuche ihres Nachbarn kann sie nicht erwidern und Gefühle scheinen tief in ihrem Innern vergraben.

Als ihr Vater (Finn Nielsen), ein Zuhälter und Bordellbesitzer, sie fragt, ob sie für einen verhinderten Angestellten als Fahrer von Lily (Lorna Brown) einspringt, willigt sie ein. Lily ist zugleich Geliebte als auch Edel-Hure von Lottes Vater, die nur "die besten Kunden", Freier, die die Frauen nicht schlagen oder misshandeln, abbekommt. Dies ist für die aus Afrika geflohene Lily, die durch einen Menschenhändlerring und daraus folgenden Schulden bei Lottes Vater in der Kreide steht und diese "abarbeiten" muss, der Kompromiss in ihrem Leben, den sie so schlecht nicht findet. Sie träumt davon, ihrem Kind in der afrikanischen Heimat mit viel Geld ein gutes Leben zu ermöglichen, auch wenn sie es seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Und dafür ist sie bereit, lange und hart zu arbeiten, bis eben die Rückkehr wieder möglich scheint.

Aus dem Aushilfsjob wird schließlich eine regelmäßige Tätigkeit: Lotte fährt Lily zu den Wohnungen ihrer Freier, wartet im Auto ihren Anruf, ob alles ok ist, ab und schreitet bei einem vereinbarten Code, wenn etwas nicht in Ordnung ist, mit ihrer aus den alten Zeiten nicht verlernten Durchschlagskraft ein. Soweit ist Lille Soldat eine harte und realistische, aber auch bedrückende und düstere Milieustudie und zugleich Porträt einer kumpelhaften Vater-Tochter-Beziehung. Leider treten jedoch nun einige fast schon absehbare Wendungen hervor: Lotte und Lily freunden sich nicht nur an, sondern verlieben sich in dieser frauenfeindlichen kalten Welt, in welcher Frauen für Körperlichkeiten und das Ausleben perverser Fetische an ihnen bezahlt werden, auch. Lotte will Lily mit dem Geld ihres Vaters einen Ausbruch aus diesem rauen und gewalttätigen Sumpf, diesen Teufelskreis aus Menschenhandel und Prostitution ermöglichen. Dies ist zwar der notwendige Hoffnungsschimmer am Horizont, der dem Film eine positive Note abzuringen versucht, jedoch zu konventionell geraten ist.

Ein weiterer Schwachpunkt ist die Figurenzeichnung. Gerade bei Lotte hätte man sich noch einige Offenbarungen aus ihrer Vergangenheit gewünscht. Das Schema "früh verstorbene Mutter, Ex-Soldatin und Alkoholikerin" greift etwas zu kurz und lässt diesen omnipräsenten Charakter etwas eindimensional wirken. Ähnlich verhält es sich mit Lily und ihrem Kind aus der Heimat, das schon fast wie ein Klischee klingt.

Doch man muss Kim Fupz Aakesons Drehbuch eines lassen: Es gelingt, den Gewissenskonflikt insbesondere von Lily und Lotte sowie ihr sich wandelndes Verhältnis zueinander glaubwürdig, da - bedingt durch den Mut zu längeren Einstellungen - behutsam darzustellen. Unnötig zu erwähnen, dass auch die eher auf psychische Zuneigung denn Körperlichkeiten beruhende Beziehung der zwei Frauen letztendlich unerfüllt bleibt. Auch das Ende führt in seiner Konsequenz wieder zu der über weite Strecken vorherrschenden, rauen Kompromisslosigkeit zurück, so dass es Lille Soldat letztendlich doch gelingt, sein wichtiges Thema durchgehend ernst zu nehmen und ebenso auch - meist bedrückend intensiv, mal etwas klischeehaft - vorzutragen (7/10).

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