Love Exposure
Ein Cineast stirbt.
A-Lexx der erste ward nicht mehr. Lange Jahre verkümmerte sein kleines Cineasten-Herz. Zu viel geschah, als dass er sich die Mühe machen wollte sich in die Welt des Kinos zu begeben, um nach Filmen ausschau zu halten, die ihm etwas neues und unbekanntes zu offenbaren vermochten. Zu oft wurde er enttäuscht, gelangweilt - zu oft bekam er Variationen bereits Vorhandenem vorgesetzt - zu oft wurden Hoffnungen nicht erfüllt. Zukunftsplanung, Ausbildung und Studium waren beliebte Ausreden, mit denen er seine Abkehr vom Kino zu erklären versuchte. Er war kein Cineast mehr, er war nur noch ein Filmliebhaber. Oft schien er zu faul sich in Programmkinos zu begeben, um am Ende doch mit dem Gefühl der Leere und des "nicht nötig gewesen seins" das Lichtspielhaus wieder zu verlassen. Er machte es sich einfach und bequem. Er vergnügte sich fast ausschließlich mit vorausgewählter Massenware. Wo es keine großen Erwartungen gab, da konnte es auch keine Enttäuschung geben. "The Dark Knight" war seine Offenbarung. "Benjamin Button" seine Gefühlsregung. Natürlich genoss er diese Filme, sie waren gut oder sehr gut... aber was blieb danach? Leere.
Ja so kam es, dass A-Lexx keinerlei Ambitionen mehr verspürte einem Film eine Bewertung zu geben, geschweige denn eine Kritik zu schreiben, was dazu führte, dass er sein Passwort vergaß.
A-Lexx war gestorben. Leise und unbemerkt.
Defibrillator namens Sion Sono
In Frankfurt gibt einmal im Jahr ein großes japanisches Filmfestival namens "Nippon Connection". In meiner Uni wurden die Plakate produziert, für das ein Freund von mir zudem als Modell gecastet wurde. Ich hatte also vorneweg schon eine persönliche Beziehung zu dem Festival ohne es je besucht zu haben.
Also habe ich mir die Programmhefte besorgt, vielmehr um meinem Freund welche nach Japan schicken zu können, als Erinnerung für seinen Modell-Job, denn als Inspiration für gute Filme.
In meinem Freundeskreis hingegen wuchs das Interesse an dem Festival und eines Tages haben wir in einer größeren Gruppe in dem Heft Ausschau nach einem interessanten Film gehalten, den es sich gemeinsam zu besuchen lohnt. Die Wahl fiel auf "Love Exposure", einem Film von Sion Sono.
Die Nacht war lang, der Schlaf war kurz, trotzdem schaffte ich es um 12 Uhr sonntags im Kino zu sitzen. Etwas mulmig war uns ja schon, zumal der Film mit einer Gesamtlänge von 237 Minuten angegeben war. Wir wussten alle nicht so recht, was uns bevorstand. Das Licht wurde dunkel, der Moderator kündigte den Film an und warnte davor auf’s Klo zu gehen, mit der Begründung "ich würde keine Minute des Films verpassen wollen".
237 Gründe an die Magie des Kinos zu glauben
Yu wächst in einer katholischen Familie auf und muss frühen Alters den Tod seiner religiösen Mutter verkraften. Am Sterbebett reicht ihm seine Mutter eine heilige Maria-Statue und gibt ihm einen letzten Wunsch mit auf den Weg. Er soll eine Frau finden, ganz wie die heilige Maria. Dieser letzte Wunsch seiner geliebten Mutter entwickelt sich für Yu zu einer Art zwanghaften Idealvorstellung, von der er sich auch im jugendlichen Alter von 17 Jahren nicht befreien kann.
Sein Vater findet heiligen Trost in der Bibel. Die religiöse Aufarbeitung des Verlustes führte dazu, dass er inzwischen Priester geworden ist.
Yu und sein Vater führen ein sehr religiöses und friedliches Leben. Sein Vater ist sehr beliebt in der Gemeinde und Yu ein guter Schüler. Jedoch gerät die Ordnung aus den Fugen, als eine manische Frau Yu's Vater umgarnt.
Yu's Vater kann der Versuchung nicht widerstehen und begibt sich in eine heimliche Affäre. Doch der Frust der Frau wächst, ob der Tatsache, dass sie nicht heiraten können. Yu's Vater verliert zum zweiten Mal eine Frau.
Der Verlust seiner Geliebten in Verbindung mit dem Bruch des Zölibats lässt den Vater verbittern. Es entwickelt sich ein Schuldkomplex, den er damit kompensiert, seinem Sohn die Sünde austreiben zu wollen. Sein geliebter Vater ist einem obsessiven Priester gewichen.
Yu wird täglich vom Vater zur Beichte gezwungen, um seine Sünden zu beichten und wird von seinem Vater der Lüge bezichtigt, als ihm keine Sünden einfallen, die er begangen haben soll. Die Beichten entwickeln sich zu Verhören. Yu gerät in einen schweren Strudel aus Verzweiflung und Schuldkomplexen. Panisch versucht er jegliche Sünde zu vermeiden, tanzt um Ameisen und kann keine Sekunde ohne Angst verbringen. Die Beichten entwickeln sich zu einem psychologischen Katz und Maus Spiel, zwischen Vater/Sohn - Priester/Sünder. Aus Verzweiflung und dem Bedürfnis seinen Vater nicht zu enttäuschen, beginnt Yu, sich Sünden auszudenken. Jedoch funktioniert auch das nicht, zumal er kein guter Lügner ist und sein Vater ihn durchschaut. Yu ist am Ende seiner emotionalen Kräfte angelangt und von Komplexen getrieben glaubt er die Lösung gefunden zu haben. Um Sünden zu beichten, muss er welche begehen, um dadurch seinem Vater wieder näher zu kommen.
Yu schließt sich am Ende einer sich steigernden Sünden-Kette einer kriminellen Organisation an. Yu ist ein Getriebener, der von der Sünde genauso besessen ist, wie sein Vater, wenn auch gegensätzlicher Natur. Als er seinen neuen Freunden davon berichtet, warum er Sünden begehen will, geben sie ihm einen heißen Tipp.
"Priester hassen nichts mehr, als die Perversion"
Da Yu kaum eine Grenze nach oben scheut, um seine Sünden zu steigern, beginnt er sich von einem für seine Perversionen bekannten Kriminellen schulen zu lassen. Yu beginnt Frauen unter die Röcke zu fotografieren, die heilige Maria immer im Hinterkopf, die er auf diese Weise zu suchen versucht.
Als Yu dies beichtet wird sein Vater handgreiflich und schlägt seinen Sohn das erste Mal, enttäuscht und entsetzt von den Taten seines Sohnes. Yu genießt die Schläge und sehnt sich danach, stellen die Schläge doch den einzigen persönlichen Kontakt zu seinem Vater dar.
Obwohl Yu mit schlüpfrigen Bildern zu tun hat, vermag er keine Erektion zu bekommen. Er schont sich für die Maria, wie er es seiner Mutter versprochen hat. Yu befindet sich in einem Strudel aus Sünde, Perversion und der Suche nach der heiligen Maria, aus dem er nicht mehr imstande ist sich zu befreien.
Nach gefühlten 90 Minuten geschieht für Yu ein Wunder, welches ich nicht verraten mag und...
...der Fimtitel erscheint, die Geschichte beginnt!
Was ich geschildert habe ist wirklich nur die Grundlage des Films, quasi ein einstündiges Intro. Die Tatsache, nach einer so langen Zeit den Filmtitel einzublenden ist ein schönes Beispiel für die besondere Erzählweise dieses faszinierenden Meisterwerks.
Es gibt keine unwichtigen Details. Jede Minute ist bedeutsam für den langen, qualvollen und dramatischen Verlauf dieser Geschichte.
Es spielen noch 2 weitere Figuren eine ebenso wichtige Rolle, die aber erst nach dem Titel erläutert werden. Ich möchte auch nicht zu viel verraten, da man möglichst unbedarft an den Film gehen sollte.
Vieles, wenn nicht alles in diesem Film ist überzeichnet dargestellt. Ansonsten wären manche Szenen auch nicht zu ertragen gewesen, da dem Zuschauer einiges an brutalen und harten Szenen zugemutet wird. Obwohl der Film ernst beginnt, begibt er sich streckenweise auf sehr humoristische Pfade. Dennoch verliert er nie seine Dramatik und Spannung, allein aufgrund der exzellenten Zeichnung der Figuren, mit denen man sich im Laufe der 4 Stunden idintifiziert.
Es ist schon unglaublich, wieviel emotionales Potential dieser Film besitzt. Ich musste Lachen, habe ich die Dramatik nicht ertragen, war zu Tränen gerührt, hatte Angst dass etwas Schlimmes passiert, habe den Deckel meiner Flasche aus Nervosität zerkaut. Ich habe sämtliche Facetten eines intensiven Kinoerlebnisses durchlebt / durchlitten / genossen.
Die Figuren des Films wachsen einem derartig ans Herz, dass man sich alleine fühlt, wenn man aus dem Kino geht.
Ich will aber noch mal betonen, dass mich 3 Frauen begleitet haben, die alle nichts mit Japan-Kino zu tun hatten. Und wir waren alle gleichermaßen perplex, fast schon allein gelassen, um dieses Epos zu verarbeiten.
Ich bin dankbar für das Erlebnis. Ich weiß nun wieder, was Kino in einem auslösen kann. Wie wunderbar und magisch das Medium ist.