Review

Love Exposure
Sion Sono


Spoilerwarnung

Die Liebe. Das schönste Gefühl dieser Welt.

Magst du Mösen?

Alle Singles kennen dieses Gefühl. Schon bald ist es wieder soweit. Der Frühling. Wir tauen auf und ein milder Wind weht uns entgegen. Mit diesem Wind wird zusätzlich noch etwas mitgeweht das uns ein seltsames, jedoch schönes Gefühl verleiht. Das Gefühl auf Partnersuche zu gehen. Wir würden wahrscheinlich alle jemanden finden, wenn wir nur mehr Mut dazu hätten. Denn am Ende siegt letztendlich nur die Liebe über alle Probleme. Doch ganz so einfach wie im Film ist es dann doch nicht.

Love Exposure. Das ist ein Liebesfilm über die Liebe. Das einzige, was wahrscheinlich am meisten Aufmerksamkeit bei Sion Sonos neustem Werk erregte, war seine monströse, epische Laufzeit von fast 240 Minuten. Worum es da jetzt eigentlich geht, oder was uns bei diesem Film erwarten wird, darüber wusste wohl niemand so recht bescheid.

Doch das der provokante japanische Filmemacher so einiges drauf hat, bewies er bereits bei jedem seiner Filme. Umso mehr freute ich mich auf Love Exposure. Und wer sich nach diesem Film am Ende nicht irgendwie gut fühlt, dem kann man wohl auch nicht mehr helfen.

Es ist schwer einen Film zu besprechen der beinahe die Vier Stunden Marke knackt. Wo soll man da eigentlich anfangen? Und wie sollte so eine Kritik enden. Ich habe mir daher einfach vorgenommen über das zu schreiben was mir einfach gerade einfällt. Denn wenn man über Love Exposure all das schreiben würde was man da so zu sehen bekommt, dann müsste man wohl einen Roman schreiben.

Erst einmal. Hat man so einiges aus der Filmographie von Sion Sono gesehen, kann man wie bei der Filmographie von Shinya Tsukamoto alle Filme als ein Gesamtwerk sehen. Bei Tsukamoto kann man da ab Tetsuo mitzählen, bei Sono ab seinem ersten Spielfilm Suicide Circle. Schaut man sich die einzelnen Filme an, so klären sich viele Fragen die man sich immer bei den Vorgängern gestellt hat irgendwann von selbst auf. Ein riesiges fortlaufendes Werk.

Mit Love Exposure hat sich Sion Sono seinen großen Traum erfüllt. Auch wenn er in keinem Genre heimisch ist, es ihn nicht interessiert ob er mit einer High Definition Kamera oder einer Handy Kamera dreht, er bleibt sich treu. Er hat Mut und wagt sich an Filme die einem Filmemacher der Heutigen Generation gar nicht erst in den Sinn kommen würden. War Sion Sono für viele schon immer ein Geheimtipp und ein Anwärter auf einen der interessantesten Filmemacher Japans, wird er spätestens mit seinem "Ai no mukidashi - Love Exposure" nun endlich die Beachtung bekommen die ihm zusteht. Ein von den Kritikern und hiesigen Filmfans gefeierter Film. Ein Erfolg womit Sono wohl selbst kaum gerechnet haben dürfte.

So wird Love Exposure bereits von so manchen Kritikern als "das Pulp Fiction aus Japan" bezeichnet. Dabei mag ich es eigentlich überhaupt nicht wenn man andauernt alle abgedrehten Filme mit Kultfaktor anschliessend mit einem Quentin Tarantino Film vergleicht. Und dann auch noch Pulp Fiction. Das liegt viel mehr daran das einfach nie ein verglichener Film mit  einen von Tarantinos Werken letztendlich konkurrieren konnte. So dürfte "Kill Bill Volume 1" eine Schmach für japanische Filmemacher sein. Erschuf Tarantino einen Film der japanischer war als so mancher aktueller Film aus dem Land der aufgehenden Sonne.

Doch auch wenn Love Exposure nicht mit Pulp Fiction zu vergleichen ist, ein bisschen ist da doch was dran. So ist dieser wilde Mix durch und durch japanisch. So abgedreht wie wir es immer an Nippon Kino geschätzt haben. Herrscht derweil doch ein Trend  die Filme immer westlicher zu gestalten. Ein Trend dem Leider auch Takashi Miike zum Opfer gefallen ist.

Doch zurück zu Love Exposure. Kann man den Film denn irgendwie vergleichen? Nein!
Sion Sono hat hier etwas einzigartiges geschaffen. Nicht nur die Laufzeit ist hier beeindruckend. Was Sono auf uns los lässt ist ein wildes Biest. Wie soll man mit so einem Film umgehen? In der einen Szene lachen wir noch über die absurditäten die uns da vorgesetzt werden, in der anderen Szene vergeht uns aufgrund dramaitscher Momente wieder das lachen. Dann wechselt der Film die Spur und plötzlich wird der Erzählstil gewechselt. Dann bekommen wir es mit einer sadistischen Sektenschlampe zu tun die Spaß daran hat errigierte Penise mit einer Schere abzuschneiden.

Doch egal wie oft der Film sich von seinem Thema entfernt, erneut mit skurrilen Ideen sich auf die japanische Popkultur stürzen, er kehrt immer wieder zu seinen Wurzeln zurück. So ist und bleibt Love Exposure, wenn auch auf eine sehr bizarre Art, ein Film über das erwachsen werden. Über die erste Erektion bis hin zur Ersten großen Liebe. Und über Pantsu. Pantsu, Pantsu, Pantsu, Pantsu, die gibt es zu genüge im Film. Ein wahres Schlaraffenland für Liebhaber weiblicher Unterwäsche.

Auch bei den Beziehungen zwischen Jungs und Mädchen greift Sono wieder Elemente aus vergangenen Filmen auf. Wie in Strange Circus behandelt Sono auch in Love Exposure Themen wie sexuellen Missbrauch im eigenen Elternhaus. So sind Sonos weibliche Charaktere meistens toughe, männerhassende Sadistinnen. Wie auch in Love Exposure.

Das es in Love Exposure viel mehr als um eine fanatische Sekte geht sollte jedem klar sein, spätestens nachdem man den Film gesehen hat. Im Mittelpunkt steht eher die mehr als abstrakte Dreiecks - Situation zwischen dem Jungen Yu der in Yoko verliebt ist. Diese ist aber in sein alter Ego Sasori verliebt, weil sie denkt er sei eine Frau. Die Dritte im Bunde ist die sadistische Sektenaführerin der Zero Church Koike, die sich, um Yu's Aufmerksamkeit zu erregen, sich nun an seine große Liebe Yoko ranmacht und vortäuscht das sie Sasori sei. So beginnt ein gewaltiger Konflikt der weit über eine gewöhnliche Love Story hinaus geht.

Das Genre wechselt dabei so oft wie ich mir die Unterwäsche wechsele. In einem Moment lachen wir, während wir im nächsten Moment wieder mitfühlen werden. Dabei fängt Sion Sono wahnsinnig schöne Bilder ein. Ob furios und hektisch wie ein Musikclip (die von Koike geplante Schlägerei), oder ruhige, lange Szenen mit Close Up (die Strandszene als Yoko einen Psalm zitiert). Jede Einstellung, jedes Bild scheint dabei in Erinnerung zu bleiben. Wie auch das Telefonat im Restaurant zwischen Yu und Yoko. Das Bild wird aufgeteilt. Beide Charaktere sind zu sehen während ein weiteres, drittes Bild, hinzukommt und eine das Gespräch lauschende Koike zeigt. Das geht sogar einige Minuten so.

Doch ein Sion Sono Film wäre nichts ohne seinen Soundtrack. Sonos Filme funktionieren nur mit Musik. Szenen und Musik sind immer genau zueinander abgestimmt. Genau wie  zu einem perfekten Essen ein guter und dazu passender Wein gehört.
Jeder Abschnitt in Love Exposure hat seine eigene Titelmelodie. Und da ist von Klassik wie Bethovens Siebte Symphony bis zu Psychedelic Pop eigentlich alles dabei. Einen großen Teil des Soundtracks steuert die japanische Underground Band "Yura Yura Teikoku" hinzu. Dabei ist der Soundtrack nicht neu, und auch nicht für Love Exposure geschrieben worden. Der Titelsong "Kudo Desu" befindet sich auf einem Album der Band welches bereits mehrere Jahre alt ist. Doch der Soundtrack ist grandios, egal ob alt oder neu oder speziell für den Film geschrieben. Er begleitet uns während des ganzen Filmes. Ein weiteres Geheimrezept in einem Sion Sono Film.

Für die Männer vielleicht ganz interessant. Love Exposure ist "Sexy". So bezeichnen die Berliner doch immer ihre Stadt oder? Während ich mich dieser Meinung nicht anschliessen kann, ist zumindest Love Exposure ein erotischer Film. Ohne das eine Sexszene gezeigt wird schafft es Sion Sono seine Darstellerinnen so gut einzusetzen das sie mich voll in ihrem Bann gezogen zu haben. Bei Yoko (Hikari Mittsushima) war das bei weitem kein Problem. Diese fällt sofort auf. Sie ist gutaussehend und verführend zu gleich. Bei Koike (Sakura Ando) ist das jedoch nicht ganz so einfach. Das ist wie bei Chiaki Kuriyama. Entweder man findet sie sexy, oder nicht. Doch Sono schafft es die Sekten Braut so darzustellen das sie auch auf den Zuschauer verführerisch wirkt. Sie schafft es Yu in Bedrängnis zu bringen. Dabei sieht sie nicht gut aus. Doch sie hat was, das wird auch der Zuschauer sehen. Was genau sie deshalb so anziehend macht, ob es ihr Charakter ist oder das verruchte, das sollte jeder für sich herausfinden.

Angesprochen habe ich bereits den Angriff auf die japanische Popkultur. Ob Religion, Musik, Lifestyle oder Pornos. Sion Sono nimmt hier im wahrsten Sinne des Wortes alles durch. Darunter auch die in Japan beliebten "Tosatsu" Streifen, ein wahres Phänomen, und eine im Film legendäre, fiktionale Pornoschmiede namens "Bukkake". Kenner dürften selbstverständlich mit diesem Wort vertraut sein. Wie auch schon in Suicide Circle nimmt sich Sion Sono alles vor was die japanische Gesellschaft aktuell betrifft. Das macht er klasse. Provokant, mit einem sarkastischen Unterton.

Auch schauspielerisch überzeugte mich Love Exposure. Zum größtenteil suchte sich Sion Sono, wie immer, noch unbekannte Schauspieler aus. Diese liefern hier alle, fast komplett ohne das typisch japanische Overacting eine toller Nummer ab. Ob der junge Protagonist Takahiro Nishijama in seiner Doppelrolle als verliebter Teenager und lesbische Sasori, oder Atsuro Watabe als sein Vater, ein lustvoller Priester, sie alle machen Sion Sonos Vision erst einmal möglich.

Doch hat dieses Vier Stunden Epos nicht auch eine Schwachstelle? Sono liefert fast bis zum Ende ein echtes filmisches Feuerwerk ab. Selten schafft das ein Filmemacher bei dieser Lauflänge. Besser gesagt kenne ich keinen Filmemacher der mich in dieser Hinsicht bisher so überzeugen konnte. So macht aber Love Exposure ausgerechnet im Showdown etwas schlapp. Vielleicht wäre ideenlos der bessere Ausdruck. So kommt es ein wenig unglaubwürdig rüber das Yu, noch vor seiner vollständigen Bekehrung, einfach so in das Hauptquartier der Zero Church einmarschiert und dort mal eben eine Bombe platziert. Das alles hätte ich mir ein wenig anders vorgestellt. Das anschliessende Blutbad im Sasorikostüm macht diesen Patzer aber auch gleich wieder gut. Das Finale an sich fährt dann eine wahre Psychoschiene die ziemlich an Suicide Circle erinnert. Während die letzten Szenen in der Psychiatrie ein waschechtes Drama sind. Das einzige was sich Sono hier vorwerfen kann ist tatsächlich der etwas lieblose Showdown, der nicht einmal schlecht ist, sondern viel mehr schlecht gewählt wurde.

Belohnt wird man am Ende vielleicht nicht unbedingt mit einem klassischen Happy End, aber jeder der den Film aufrichtig verfolgt hat wird es rührend finden.

Fazit:

"Ai no mukidashi" aka Love Exposure ist knapp vier Stunden guter Sex. Ein schlag ins Gesicht für alle Filmemacher die in all den Jahren nicht mutig genug waren, mal etwas zu wagen.

Love Exposure ist, zusammen mit Kinji Fukasakus Verfilmung zu Battle Royale, vielleicht einer der wichtigsten japanischen Filme der vergangenen 10 Jahre. Wenn nicht sogar überhaupt. International wird Sonos Epos gefeiert, was eigentlich nicht einmal selbstverständlich ist. Doch vielleicht sind alle in sich selbst verliebte Kritiker endlich mal aufgewacht. Ein Film der es wert ist, ihn sich im kino anzuschauen. Ein Film der die Bezeichnung Film noch verdient.
Und Love Exposure fängt all diese wunderbaren Momente ein, die einen gelungenen Film nun mal ausmachen. Ein Film der anscheinend aus dem Nichts aufgetaucht ist. Kein Hype, keine leeren Versprechungen.

Dafür sollte man Sion Sono danken. Und wer weiß, bei seinem nächsten Film könnte er schon wieder eine Handy Kamera benutzen. Vielleicht wird er auch den Alltag einesVogelpärchens filmen. Doch mit Love Exposure hat er ein Denkmal gesetzt. Ein Weckruf an den japanischen Film. Eine Ohrfeige an alle Filmemacher. Und ein Aufruf an Alle. Liebe kann jede schwere Hürde überwinden, wenn wir doch nur nicht so egoistisch, selbstverliebt, eingebildet oder schüchtern wären.

Wer nach diesem Film nicht erleuchtet ist, oder zumindest eine Erektion hat, für den kommt wohl jede Hilfe zu spät. 10 von 10 Punkte.

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